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Netflix-Serie "El Chapo": Ein ganz schön dämlicher Drogenkönig

Netflix widmet dem berüchtigten Drogenboss Joaquín Guzmán, besser bekannt als "El Chapo", eine Art teuer produzierte Telenovela. Im Vergleich zu anderen abstoßend-faszinierenden Antihelden der Seriengeschichte gerät der kleine Mexikaner dabei noch kürzer, als er ohnehin ist.

Marco de la O als El Chapo bei Netflix

Himmel hilf: Marco de la O als mexikanischer Drogenkönig Joaquín "El Chapo" Guzmán bei Netflix

Eigentlich ist diese Serie ein Elfmeter. Eine " "-Produktion über den berühmtesten mexikanischen Drogenboss Joaquín Guzmán, den alle Welt als "El Chapo" kennt - da werden automatisch Assoziationen geweckt zu den großen Momenten der jüngeren TV-Seriengeschichte. Da setzen sich die Produzenten doch ins gemachte Nest.

Oder?

James Gandolfini begründete als Tony Soprano um die Jahrtausendwende die Ära der abstoßend-faszinierenden Antihelden, die mit Bryan Cranstons Walter White in "Breaking Bad" vor einigen Jahren ihren Höhepunkt erreichte. Auch "Netflix" ließ sich nicht lumpen und präsentierte den legendären kolumbianischen Drogenverbrecher in der so glamourösen wie genialen Produktion "Narcos".

Netflix: "El Chapo" kann mit den Großen nicht mithalten

Dem Vergleich mit diesen modernen Klassikern hält die erste Staffel von "El Chapo" nicht stand, der vermeintliche Elfmeter wird fahrlässig vergeben. Mit den großen Verbrecherbossen der Vergangenheit kann der Serien-Guzmán nicht mithalten, weil ihm gegenüber dem wuchtigen oder dem zerrissenen Walter White die Vielschichtigkeit völlig abgeht.

Hauptdarsteller Marco de la O watschelt mit anderthalb Gesichtsausdrücken durch neun Episoden und absolviert den eigentlich atemberaubenden Aufstieg vom kleinen Licht im Guadalajara-Kartell zum -Napoleon eines ganzen Kontinents entsprechend stoisch. Wer bei diesem unbeholfenen Anblick sehnsüchtig an den grandiosen Wagner Moura denkt, dessen Charisma als Pablo Escobar in "Narcos" von Bogotá bis ungefähr auf die Bahamas strahlt, dürfte kaum mehr als ein paar Minuten von "El Chapo" durchhalten.

Weil in dieser US-mexikanischen Co-Produktion so einiges nicht stimmt: Die Gangster wirken bei Planung und Ausführung ihrer Coups reihenweise reichlich unorganisiert - hier lassen sie sich von der Überwachungskamera filmen, dort entkommt schon mal die beim Attentat anvisierte Zielperson. Von der glamourösen Gerissenheit eines Escobar in " " fehlt in "El Chapo" jede Spur, und die latente Dämlichkeit, die bei den Drogenganoven andauernd durchscheint, färbt auch auf den Guzmán von Marco de la O ab.

Netflix hat die Serie zusammen mit Univision, einem spanischsprachigen US-Sender, gestemmt - und irgendwie kommt sich der Zuschauer zwischendurch vor, als habe er es hier mit einer besonders teuer produzierten Telenovela zu tun, die keinesfalls unter Verdacht geraten möchte, real existierende Gewaltverbrecher zu glorifizieren: Die holzschnittartigen Figuren der bis zur ständigen Verwechslung austauschbaren Darsteller, die weiche Zeichnung, die wenig ästhetisch in Szene gesetzten Kämpfe im Drogenkrieg - nur selten vermag ein Handlungsstrang, zum Beispiel der eskalierende Konflikt mit dem Tijuana-Kartell, zumindest zeitweise zu fesseln.

Joaquín Guzmán: Opfer seiner eigenen Eitelkeit

Deutlich dramatischer (und irgendwie ironisch) mutet da im Gegensatz zu diesem Biopic die große Pointe im Leben des echten "El Chapo" an: Dem geflohenen Guzmán wurde seine Eitelkeit zum Verhängnis, als dessen Treffen mit Sean Penn und der mexikanischen Schauspielerin Kate del Castillo, bei dem es um die Verfilmung von Guzmáns Lebensgeschichte ging, die Fahnder auf die richtige Fährte brachte. Kurz darauf wurde "El Chapo" festgenommen und an die USA ausgeliefert.

Jetzt ist zu hören, dass Guzmán höchst unzufrieden mit der Netflix-Version seines Lebens sei. Seine Anwälte drohen mit einem Prozess um die Rechte, von "Rufschädigung" ist gar die Rede. Und auch wenn damit im juristischen Sinne etwas anderes gemeint sein dürfte, bringt es das ganze Dilemma von "El Chapo" auf den Punkt: Besonders gut kommt Guzmán mit dieser Serie nicht weg. In jeder Hinsicht.