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Kommentar

"I love Raute": Lena Meyer-Landrut und Co: Der Hype der Jungwähler um Merkel ist Meinung ohne Haltung

Jetzt auch noch Lena Meyer-Landrut: Junge Prominente outen sich öffentlich als Fans von Angela Merkel und repräsentieren damit offenbar auch die Ansichten ihrer Altersgenossen. Aber was sagt das wirklich über das politische Bewusstsein dieser Generation aus?

Angela Merkel

Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einer Wahlkampfveranstaltung in Binz

In diesen Wahlkampftagen mutet bisweilen an wie einer dieser Pappaufsteller, um den man seinen Arm legen kann: Jeder möchte sich mal für ein schnelles Foto im Glanz der Kanzlerin sonnen - Cathy Hummels als Merkels "Fashion-Twin" beim Familientag der CDU, Sophia Thomalla beim gemeinsamen Schnitzel zum Lunch, und Lena Meyer-Landrut postet bei Facebook und Instagram ein "I-love-Raute"-Logo. Auch Nationalspieler Toni Kroos machte kürzlich über die sozialen Netzwerke deutlich, wie sehr er Merkel mag: "Es lebe Angie!!!", ließ er da anlässlich des TV-Duells wissen.

In der heiß umkämpften Wählerzielgruppe der jungen Leute erfreut Merkel sich einer Beliebtheit, von der frühere Kanzler nur träumen konnten. Gerhard Schröder bekam vielleicht noch ein paar Props von Altrockern wie Klaus Meine und Marius Müller-Westernhagen, aber schon an Helmut Kohl arbeitete sich die  damals so ausdauernd ab, dass gleich eine ganze Generation an streitlustigen Jungpolitikern nachwachsen konnte.

Lena, Cathy, Toni Kroos: Promis pro Merkel

Tatsächlich sagt der seltsame Hype um Angela Merkel eine Menge über das politische Bewusstsein ihrer Unterstützer aus. Es ist kein Zufall, dass sich mit Cathy, Kroos & Co. vor allem jene Promis pro Merkel positionieren, die sonst selten mit scharfen politischen Beobachtungen aufhorchen lassen, sondern eher mit scharf geschossenen Fotos oder scharf geschossenen Freistößen. Vielmehr liegt der Verdacht nahe: Dass viele Jungwähler ihre Stimme wegen Merkel der CDU geben werden, hat nichts mit Inhalten zu tun.

Eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov fand bereits im Juli heraus: Mehr als jeder dritte Jugendliche (35 Prozent) würde sich für Angela Merkel entscheiden, wenn der Kanzler oder die Kanzlerin direkt gewählt würde. "Das Mütterliche oder - aus Sicht der Jungen - auch Großmütterliche steht für Geborgenheit", erklärte YouGov-Sprecher Holger Geißler das Ergebnis.

Das Problem: Mütterlichkeit ist natürlich kein Kriterium für die Kompetenz einer Kanzlerin - eher würde sie diese "Qualität" zur Bundespräsidentin befähigen. Klar, es kann nicht schaden, dass Merkel auch in hektischen Zeiten Ruhe ausstrahlt und über ein beeindruckendes Talent zur allgemeinen Beschwichtigung verfügt (der traurige Gegenentwurf zu dieser Haltung ist schließlich aktuell im Weißen Haus zu beobachten).

Aber es scheint, als ob ausgerechnet die Eigenschaften, die Merkel so gerne negativ ausgelegt werden - das Verwalten von Zuständen, das Aussitzen von Problemen -, auf die Jugend besonders beruhigend wirken. Die Kanzlerin sendet Signale, die in unsicheren Zeiten das so dringend benötigte Sedativum ersetzen. "Ein Weiter-so ist auch eine Haltung", heißt es dazu in einem Kommentar bei "Bento", dem Jugendportal von "Spiegel Online". In dem Text wird der Merkelsche Pragmatismus kurzerhand zur Paradedisziplin erhoben: "Vielleicht ist die Generation Merkel eine Generation der neuen Spießer – so what?"

Stabilität klinge dieser Tage verlockend, schreibt "Bento"-Autorin Britt-Marie Lakämper weiter, und überhaupt sei die Welt längst zu komplex geworden für simple Ideologien von einst, für die früheren Slogans der Eltern wie "Make love not war" oder "Atomkraft - nein, danke!". Die Ironie: Wenn die Zeit der einfachen Lösungen vorbei ist - warum entscheidet sich die "Generation Raute" auf dem Wahlzettel dann ausgerechnet für die einfachste aller Lösungen?

Angela Merkel und "die Vision, alles werden zu können"

So schwingt beim Hype um Merkel stets die Gefahr der inhaltlichen Egalheit mit. Das wird auf besonders abenteuerliche Weise deutlich, wenn eine bekennende Anti-Feministin wie Sophia Thomalla mit Merkel zum Thema "Frauen im Fokus" zusammensitzt. Oder wenn es in Meyer-Landruts Message heißt, dass die Kanzlerin Frauen "die Vision" gebe, alles werden zu können. Abgesehen davon, dass Merkel bisher nicht als Kämpferin für Frauenrechte in Erscheinung getreten ist, bietet es sich anlässlich dieses quatschigen Slogans an, das alte Helmut-Schmidt-Zitat zu bemühen: "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen."

Kurz: Es sagt wenig über die politischen Qualitäten der Angela Merkel aus, wenn sie bei jungen Leuten gut ankommt. Es verrät aber eine ganze Menge über das politische Bewusstsein einer Generation. In einem "Tagesspiegel"-Kommentar wurde Toni Kroos für seinen Merkel-Tweet ausdrücklich gelobt: "Endlich mal 'ne Meinung!" Sogar eine Meinung, die der Weltmeister alles andere als exklusiv hat. Nur leider handelt es sich bei vielen Altersgenossen um eine Meinung, die nicht zur Haltung taugt.