HOME

Dilemma um Merkel: Ich kann nicht anders: Warum ich dieses Jahr zum ersten Mal die FDP wähle

Für viele Wähler geht es am 24. September auch um eine strategische Entscheidung. So wie für Christoph aus Bayern, der zum ersten Mal in seinem Leben nicht die CSU wählen wird. Hier erzählt er, warum.

Ich bin in geboren und aufgewachsen und wähle seit jeher die CSU. Doch dieses Jahr habe ich ein großes Problem: Meine einstige Partei ist in den letzten Jahren unwählbar geworden, sowohl inhaltlich, als auch vom Personal her. Wenn Generalsekretär Andreas Scheuer solch einen Mist über "ministrierende Senegalesen" verzapft, kann ich das nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren, denen meine Stimme zu geben. Bei mir im Wahlkreis ist sogar Alexander Dobrindt der CSU-Kandidat. Beim besten Willen nicht!

Auch inhaltlich habe ich mit der nicht mehr viel gemein. Die Herdprämie zum Beispiel. Wir sind junge, moderne Menschen. Mit sowas kann ich einfach nichts anfangen. Dieses Stockkonservative reicht mir schon in meinem privaten Umfeld. Meine Freundin und ich sind nicht verheiratet, haben aber ein Kind. Das ist hier, wo wir leben, schon ein halber Skandal. 

Dazu das peinliche Verhalten "meiner" Partei bei der für alle. Und natürlich dieses unsägliche Gefasel von der Obergrenze für Flüchtlinge. Ein Unding! Wo soll die denn bitte sein, lieber Herr Seehofer? Nein, da bin ich bei Frau Merkel: Erstmal helfen, wenn's brennt – und dann schauen, wie wir das regeln. 

Ich ertrage die CSU nicht, will aber Merkel

Und da beginnt mein Dilemma. Ich will keinen Wechsel. Uns geht es gut, Deutschland geht es gut. Wenn ich mir anschaue, was sonst so in der Welt abgeht, mit Trump und Co., da lobe ich mir die entspannte, unaufgeregte Kanzlerin. Die hat in Krisen alles im Griff, die macht keine Experimente – und sie ist mir auch deutlich sympathischer als Martin Schulz. 

Am liebsten wäre mir eine Jamaika-Koalition, aber wenn ich die Grünen wählen würde, laufe ich am Ende noch Gefahr einer rot-rot-grünen Regierung – und das will ich auf keinen Fall. Die Linken mit ihren Ansichten zu Außen- und Wirtschaftspolitik sollen auf keinen Fall regieren. Ich will nicht aus der Nato austreten, und wohlhabendere Menschen enteignen liegt mir als BWLer auch mehr als fern. 

Die FDP hat wieder eine Chance verdient

Da werden meine Optionen dann auch langsam eng, denn die AfD ist selbstverständlich keine. Also muss ich dieses Jahr der meine Stimme geben – und das tue ich auch nicht nur aus der Not. Ich muss gestehen: Ich bin ein Lindner-Fan. Der Mann ist einfach sympathisch und eloquent – und mit ihm kann ich sicher mehr anfangen als mit Dietmar Bartsch oder Cem Özdemir. 

Als Lehrer liegt mir das Thema Bildung am Herzen, und bei der FDP hat man verstanden, was es da zu tun gibt. Wir brauchen eine moderne Bildung, der duale Weg sollte gefördert werden, nicht jeder muss studieren. Außerdem nehme ich "die Liberalen" als Versprechen. Die individuelle Freiheit wird immer mehr der Sicherheit geopfert. Ich will aber keine Videoüberwachung an öffentlichen Plätzen, keine Vorratsdatenspeicherung, keine Gesichtserkennung in der U-Bahn. Das geht mir alles zu sehr in Richtung Orwell. Wir brauchen mal wieder eine freiheitliche Kraft an der Macht. Und nach vier Jahren außerhalb des Parlaments hat die FDP auch mal wieder eine Chance verdient.

Protokoll: Finn Rütten
Themen in diesem Artikel