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Enttäuschung nach der Wahl: Ich bin Mutter, Mitte 30 - und mein Leben ist für die Parteien quasi kein Thema

Unsere Autorin ist selbstständig und bestens vernetzt - aber sie fühlt sich nach der Bundestagswahl "nicht vertreten in dieser sogenannten Volksvertretung". Sie träumt von Veränderung.

Von Ninia LaGrande

"Alles, was mein Leben im Groben ausmacht, war quasi kein Thema: die Situation der Hebammen und sichere Geburt, Familien- und Gesundheitspolitik, Lehrermangel, Rente für Selbstständige, Datenschutz, Digitales"

"Alles, was mein Leben im Groben ausmacht, war quasi kein Thema: die Situation der Hebammen und sichere Geburt, Familien- und Gesundheitspolitik, Lehrermangel, Rente für Selbstständige, Datenschutz, Digitales"

Ich bin Mitte 30, eines kleinen Kindes, selbstständig und weltweit vernetzt. Keine der Parteien im diesjährigen Wahlkampf hat meine Lebensrealität und Wünsche abbilden können. Alles, was mein Leben im Groben ausmacht, war quasi kein Thema: die Situation der Hebammen und sichere Geburt, Familien- und Gesundheitspolitik, Lehrermangel, Rente für Selbstständige, Datenschutz, Digitales. Und damit bin ich bei Weitem nicht die einzige. Gut: Ich konnte mich gerade noch so am Riemen reißen, vor Enttäuschung nicht die AfD zu wählen. Schlecht: Ich fühle mich nicht vertreten in dieser sogenannten Volksvertretung. Aber was könnten die Parteien besser machen?

Die hatte schon einmal eine gute Idee. Alles neu machen, Positionen neu besetzen, frischen Wind reinlassen. Andrea Nahles mit dem Vorsitz der SPD-Bundestagsfraktion zu betrauen, empfinde ich aber nicht als diesen so herbeigesehnten frischen Wind. Ganz im Gegenteil. Alles bleibt schön im Klüngel.

Die Parteienlandschaft in Deutschland hat ein eklatantes Problem: Sie ist zu männlich, zu alt und zu weiß. Dabei gibt es sie – junge Politikerinnen und Politiker in allen Parteien, die kreativ, motiviert und einsatzbereit sind. Die müssen aber erst einmal viele Jahre Wahlkampf machen, sich gegen die alten Männer im Ortsverein durchsetzen und schön mit der Zahnbürste die Büsten der Altkanzler schrubben bis sie mal eine Chance bekommen, vorne mitzuspielen. Es fehlt so sehr an Diversität, dass ich schon überrascht bin, wenn für die FDP mal jemand anders als Lindner an einem Mikrofon steht. Eine Kanzlerin macht noch keine Gleichstellung – das hat Angela Merkel in den letzten zwölf Jahren eindeutig bewiesen. Also muss man es selbst machen?

Nun.

Mein Engagement wurde ausgenutzt

Ich habe es ja versucht. Als ich 15 Jahre alt war, wollte ich mich engagieren. Mein Viertel besser machen, für Gerechtigkeit einstehen, Dinge im Kleinen sichtbar verändern. Also bin ich in eine Partei eingetreten. Ich habe damals die Partei ausgesucht, die überhaupt sichtbar Lokalpolitik bei uns machte. Ein älterer Freund war ebenfalls Mitglied, schwärmte mir vor, was wir alles machen könnten und schon war da meine Unterschrift auf dem Papierbogen. Was dann folgte, waren zwei Jahre voller Enttäuschungen, Wut und Verzweiflung und am Ende ein Austritt und der Entschluss, nie wieder innerhalb von Parteien arbeiten zu wollen. Mein Engagement wurde ausgenutzt. Ich durfte alle Aufgaben machen, auf die jene, die am Ende die Lorbeeren ernteten, keine Lust hatten. Die wenigen Frauen im Ortsverband – davon ich als einzige unter 50 – machten sich gut als Wahlkampfstand-Accessoire oder Schriftführerin, die Positionen wurden aber immer und immer wieder mit den gleichen alten Männern besetzt. Eines habe ich dabei gelernt: Man muss schon sehr bissfest und durchsetzungsstark sein, um das auszuhalten, und sehr ehrgeizig, um tatsächlich so lange mitzumachen, bis es sich auch für eine junge Frau auszahlen könnte.

Man kann sich nur wünschen, dass die Parteien aus den Ergebnissen der Bundestagswahl die richtigen Schlüsse ziehen und sich tatsächlich grunderneuern. Ich frage mich immer noch, wann die Grünen Digitalisierung für sich entdecken und dieses Thema nicht anderen Parteien überlassen. Wann es der SPD endlich gelingt, dem "S" in ihrem Namen wieder gerecht zu werden – vom "C" in CDU und CSU mal ganz abgesehen. Und wann Christian Lindner merkt, dass hipsterige Wahlplakate nicht ausreichen, um eine Legislaturperiode mit richtigen Inhalten zu füllen. Ich träume von einem Wahlkampf in vier Jahren, in dem ich meine Wahlentscheidung nicht ausschließlich nach dem Gesichtspunkt treffe, Rechtspopulismus zu verhindern. Ich träume von einem Wahlkampf, in dem junge Frauen eine der Hauptrollen spielen und in dem Menschen mit den verschiedensten Hintergründen öffentlich Politik machen dürfen. Ich träume von einem Wahlkampf, in dem es tatsächlich um Veränderung geht und nicht ums Anbiedern und Verharmlosen. Ich träume von einer Politik, in der es um Veränderung geht.

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