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Katalonien: "Sie sind alle die Enkelkinder von Faschisten" - was zwei Katalanen vom Referendum halten

In Spanien hat sich eine Unabhängigkeitsbewegung für Katalonien formiert – auch tausende Studenten und junge Katalanen setzen sich für ein Referendum ein. Zwei junge Katalanen erzählen in NEON, was sie von der Abstimmung am heutigen Sonntag halten.

In ganz haben sich seit den frühen Morgenstunden Tausende Menschen vor den Wahllokalen versammelt, um bei einem umstrittenen Referendum über die Unabhängigkeit der Region von Spanien abzustimmen. Mehr als 5,3 Millionen Menschen sind aufgerufen, in einem der 2315 Wahllokale ihre Stimme abzugeben. Der illegalen Abstimmung, so die Zentralregierung in Madrid (Spanien), sind Massendemonstrationen und Konfrontationen in und um der katalanischen Hauptstadt Barcelona vorausgegangen - Wahlzettel wurden kassiert, Urnen abgeräumt. 

Vergangenen Donnerstag sind laut Medienberichten rund 15.000 Menschen auf die Straße gegangen, um sich für das stark zu machen - darunter vor allem auch viele junge Leute. Was treibt sie an - oder auch nicht? Denn Umfragen zufolge ist zwar weniger als die Hälfte der Bevölkerung tatsächlich für eine Trennung, aber fast 80 Prozent wünschen sich ein Referendum über die Frage.

In NEON erklären zwei junge Katalanen, auf welcher Seite sie stehen - und warum.  

Ich bin gegen die Unabhängigkeit von Katalonien, weil ...

Judith Alguero Llop, 34, arbeitet bei einer internationalen NGO und lebt in

"Ich bin für das Referendum am Sonntag, aber nicht unbedingt für die Abspaltung von . Worum es mir, und vielen anderen in meiner Generation geht, ist die Freiheit, zu entscheiden. Die Reaktion der spanischen Regierung, die Wahlzettel zu kassieren und Wahlurnen abzubauen, ist undemokratisch. Insofern ist die bevorstehende Wahl, sollte sie denn überhaupt stattfinden können, auch ein Zeichen gegen das Verhalten der spanischen Regierung. Eine Protestwahl.

In der Vergangenheit wurden viele Fehler im Umgang mit Katalonien begangen. Katalonien ist wirtschaftsstark. Viele haben das Gefühl, immer noch für die Krise im Jahr 2008 herzuhalten – während das Geld an anderer Stelle, etwa im sozialen Bereich, besser aufgehoben wäre.

Wenn das Referendum gestoppt wird, werden sich viele Katalanen vermutlich noch mehr für die einsetzen. Auch, wenn das mehr eine Idee des Gefühls als der Logik sein dürfte. Denn eine Art Brexit will hier keiner. Viele junge Katalanen fühlen sich als Europäer – und fürchten, dass sie nach einer Abspaltung schlechter in der EU dastehen. Für mich geht es bei dieser Wahl um den demokratischen Prozess. Nicht um die Abspaltung von Spanien."

Ich bin für die Unabhängigkeit von Katalonien, weil ...

Roger Seró, 32, arbeitet als Redakteur beim katalanischen Radio und lebt in Barcelona  

"Du kannst nicht für oder gegen das Referendum sein, wenn du ein Demokrat bist. Du kannst höchstens gegen die Unabhängigkeit Kataloniens sein. Ich bin aber dafür, weil ich nicht in einem imperialistischen, rassistischen und korrupten Staat leben will und eine neue, feministische, soziale und freie Republik aufbauen möchte.

Ich glaube nicht, dass sich besonders oder ausschließlich junge Leute für die Unabhängigkeit Kataloniens einsetzen. Es ist ein universelles Gefühl. Der Antrieb für junge Menschen mag aber sein, dass sie sich keine Zukunft in Spanien vorstellen - außer, als Kellner für Touristen zu arbeiten und ein Leben lang keine Arbeitsrechte zu besitzen.

Dabei ist es auch egal, ob das Referendum stattfinden wird oder nicht. Es geht um das Ergebnis. Es ist mir egal, was die spanische Zentralregierung sagt oder davon hält. Sie alle sind die Enkelkinder von Faschisten, die den spanischen Bürgerkrieg 1936 zu verantworten haben.

Die Zukunft von Katalonien liegt daher in den Händen der Katalanen. Es geht nicht nur um ein "Ja" oder "Nein" bei der Wahl. Es geht um viele andere Probleme die wir in der Zukunft entscheiden müssen, und ich hoffe ohne den Druck, den spanischen Staat mitzuziehen, wie in den vergangenen Jahren.

Eine Stimme für die Unabhängigkeit Kataloniens ist keine Stimme gegen die EU. Im Gegenteil: Um ein EU-Mitglied zu werden, MUSS man ein unabhängiger Staat sein."

Mit Material der DPA