HOME

Keine Macht den Fake News: Gewinnen Politiker Wahlen dank sozialer Medien?

Diese Frage wabert seit dem Sieg von Donald Trump durchs Netz und durch die Köpfe. Was können wir daraus lernen – im deutschen Wahljahr 2017?

Die Geschichte einer obskuren Big-Data-Firma lehrt einen das Fürchten. Cambridge Analytica heißt diese Firma, ihre Datenspezialisten sollen die dumpfe Masse verführt und so zum Wahlsieg verholfen haben. Dafür hat sie offenbar die Profile von über hundert Millionen amerikanischen Facebook-Nutzern analysiert und ihnen zielgenaue Wahlwerbung gesendet. Das Prinzip dahinter nennt sich Microtargeting: Firmen beobachten, was Menschen in sozialen Netzwerken kaufen und liken, lernen sie kennen und empfehlen ihnen dann, abgestimmt auf ihren Stil, passende Produkte – oder eben politische Botschaften.

Anhand der Datenspuren und Eitelkeitssignale, die Menschen hinterlassen, kann man ziemlich gut berechnen, wie sie ticken. Also auch, wie man sie manipuliert. Für jedes Milieu, für jede Einzelmeinung wurden angeblich die richtigen Worte gefunden, um die Menschen zum Wählen zu bewegen; mehr als 170 000 Versionen von Trumps Wahlkampfbotschaften seien im Umlauf gewesen, heißt es, maßgeschneiderte Propaganda.

Ein Artikel aus der Schweizer Publikation „Das Magazin“ beschrieb vor Kurzem dieses düstere Bild; er wurde tausendfach geteilt und geliked und führte wenige Monate vor der Bundestagswahl zu der großen Frage: Können wir verhindern, dass rechte Populisten auch hier in den sozialen Netzwerken die Massen verführen?

Fest steht schon jetzt: Facebook wird sich trotz eindringlicher Appelle nicht ändern 

Microtargeting ist Facebooks wichtigstes Geschäftsmodell, seine Existenz. Sollten nun also einfach alle anderen Parteien digital aufrüsten und ähnliche Firmen für sich engagieren?

So einfach ist es nicht. Schon 2008, als das erste Mal antrat, hieß das vorherrschende soziale Netzwerk noch Myspace, und my.barackobama.com war das erste Politik-Portal, das auf personalisierte Botschaften und massenhafte Datenerhebungen setzte. Auch damals war Microtargeting ausgiebig im Einsatz. Nur hieß diese Aktivierung von ungenutztem Wählerpotenzial damals noch „Digital Grassroots“ und wurde von den sogenannten Guten benutzt. Und war doch nichts anderes. Beide Lager kämpften also mit ähnlichen Mitteln.

2017 geht es auch in Deutschland um die Frage, ob Freunde oder Feinde der offenen Gesellschaft regieren werden. Wird die dank digitaler Kampagnen den Stimmenfluss massiv zu ihren Gunsten verschieben? Kann Big Data wirklich dabei helfen, Merkel die Wiederwahl zu sichern oder eben doch der SPD die nötigen Prozentpunkte zur Kanzlerschaft zu verschaffen? Immerhin versprechen nun die Generalsekretäre aller Parteien, einen Schwerpunkt des Wahlkampfs auf das Netz zu richten. Die SPD holte sogar den US-Wahlkampfstrategen Jim Messina als Berater für Digitales an Bord. Der war maßgeblich an Barack Obamas Wiederwahl 2012 beteiligt. Die Etablierten rüsten also digital auf. Doch hilft das?

Im Netz haben es die simplen Botschaften einfacher als bedachte Sätze 

Manche Themen lassen sich nicht auf Tweetlänge darstellen. Politikberater wie Julius van de Laar gehen zudem davon aus, dass solch ein digitaler Extremwahlkampf einer Partei am Ende „nur wenige Prozent“ mehr bringen könnte.

Was vielleicht noch wichtiger ist: Es gibt Waffen im digitalen Arsenal, die zurecht umstritten sind. Social Bots zum Beispiel, diese kleinen Programme, die etwa auf Twitter Nachrichten verschicken, ohne dass eine Person dahintersteckt. Das können Hasstiraden sein, aber auch seriöse Texte wie Ausschnitte aus den Wahlprogrammen der Parteien. Alle deutschen Parteien haben verkündet, diese Technologie im nicht nutzen zu wollen – nur die AfD bezieht keine klare Stellung. Damit dürfte der digitale Wahlkampf immer ein Ringen mit ungleichen Mitteln bleiben. Wer sich nur aufs Netz konzentriert, verliert Kraft, die er in andere Lösungsversuche stecken könnte. Und für die gibt es Bedarf genug.


Dieser Text ist in der Ausgabe 02/2017 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. NEON gibt es auch als eMagazine für iOS & Android. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.


 

Neon-Logo Das könnte Sie auch interessieren

Von:

Michael Moorstedt