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#DeineWahl: Martin Schulz bei Youtubern: Cannabis, Jugendsünden und Hasskommentare

Milchpreise bei Aldi statt Rente mit 70, Cannabis-Legalisierung statt Abgassskandal - nach Bundeskanzlerin Angela Merkel stellte sich jetzt auch Herausforderer Martin Schulz den Fragen von vier Youtubern und lieferte einige Überraschungen.

Zum Abschluss och ein Selfie: Martin Schulz nach dem Interview mit Nihan Sen (m.) und Lisa Sophie (r.)

Zum Abschluss och ein Selfie: Martin Schulz nach dem Interview mit Nihan Sen (m.) und Lisa Sophie (r.)

Es gibt also doch noch Überraschungen in diesem eher trägen Wahlkampf. Ein Berliner Studio einer Tochterfirma des TV-Konzerns ProSiebenSat.1: Nihan, eine junge Deutsche mit türkischen Wurzeln, die bei Youtube mit Beauty- und Entertainment-Tipps mehr als 780.000 Leute bei Laune hält, will im Live-Interview aus herauskitzeln, was der größte Mist war, den er in seiner Jugend gebaut hat.

Schulz ziert sich ("Muss ich das sagen? Ich schäme mich ein bisschen"), bis er seine "zweitschlimmste" auspackt: "Ich habe mal so mitten in einer durchzechten Nacht (...) ein Paket Waschpulver ins Freibad geschüttet", erzählt der Kanzlerkandidat. Er sei über den Zaun geklettert, dann sei schon die Polizei angerückt. Geschnappt wurde Schulz aber nicht: "Ich war schnell genug."


Bunter Ritt durch die Themen

Doch Nihan, deren Großeltern einst aus der Türkei als Gastarbeiter nach Deutschland kamen, hatte auch politische Fragen, nach Ausländerfeindlichkeit, die auch sie als Migrantin der dritten Generation immer wieder spüre und nach der Herausforderung der Integration. "Es ist wichtig, dass von Kindesbeinen an die deutsche Sprache gelernt wird", sagte Schulz. Auch darum wolle die zwölf Milliarden Euro in das Bildungssystem stecken, brachte er schnell noch eine Botschaft aus dem Wahlprogramm unter. Zur Integration sagte Schulz, dass er als Schüler einen türkischstämmigen, engen Freund gehabt habe und dass es aus seiner Sicht durchaus okay sei, "zwei Identitäten zu haben", eine deutsche und eine ausländische.


Anfeindungen oder Hassbotschaften aber seien etwas, mit dem er auch als Politiker immer wieder konfrontiert sei, zum Beispiel auf . "Ich versuche mir dann zu sagen, die sind so weit unten die Typen", sagte dazu Schulz, "die sind auf einer Ebene, die können mich nicht mehr treffen". Das klappe aber nicht immer. Auch von seiner weithin bekannten Alkoholsucht erzählt er. Wie sein Traum platzte, Fußballprofi zu werden, er von der Schule flog, zur Flasche griff, davon loskam, dann Buchhändler wurde. Sein Rat an die junge Generation: "Schmeißt euer Leben nicht weg!"

Martin Schulz verspricht Breitbandausbau

Kanzlerin war vor drei Wochen eine Stunde live ebenfalls von vier Youtube-Stars interviewt worden. Das Video wurde inzwischen über 1,7 Millionen Mal aufgerufen und fast 50.000 Mal kommentiert. Von Merkels Auftritt blieb vor allem hängen, ihr Lieblingsemoji ist der Smiley - und "wenn es gut kommt, noch ein kleines Herzchen dran".


Am Sonntagabend war es zwischen Merkel und Schulz im großen TV-Duell ziemlich kuschelig zugegangen. Gerade junge Zuschauer waren genervt, dass keine Sekunde über Bildung und so gut wie gar nicht über das schnelle Internet geredet wurde, mit denen einige prominente "Selbstdarsteller" im Netz mittlerweile mehr Geld verdienen als Spitzenpolitiker oder Manager.

Ein Kernanliegen ist der internetaffinen Community natürlich der Ausbau digitaler Breitbandnetze, auf das der 24-jährige Youtuber Marcel alias "MarcelScorpion" hinwies. Schulz räumte ein, dass Deutschland hier Nachholbedarf habe: "Um wirtschaftlich wettbewerbsfähig zu bleiben, brauchen wir einen massiven Ausbau", stellte er klar. Sorgen der Youtuber wegen des "Bundestrojaners" als Überwachungsinstrument gegen Kriminalität im Netz, versuchte der SPD-Kandidat zu zerstreuen.

Zuschauern gefällt Schulz' Offenheit

Vielen der bis zu 15.000 Zuschauer, die das Gespräch bei Youtube verfolgen und bei Twitter kommentieren, gefällt, wie offen der 61-Jährige sich präsentiert. "Schulz ist deutlich sympathischer und nicht so 'Fake' wie Merkel. Er ist deutlich spontaner, und das gefällt mir", twittert ein "Alex".


So erfährt die Netzgemeinde, dass die Schulzens mal Wellensittiche hatten, er in Brüssel Vorkämpfer für den Tierschutz gewesen sein will ("Wie ich nur konnte"), seine Ehefrau, die er sonst strikt aus dem Wahlkampf heraushält, eine "Nachhaltigkeitspedantin und -pädagogin" sei, die rund um Würselen für bedrohte Arten kämpfe. Ein Serienjunkie ist Schulz nicht, kennt aber "House of Cards" (wie Francis Underwood will er nicht werden). Nach der Wahl sollte im Bundestag ohne Parteizwang über eine Legalisierung von Cannabis abgestimmt werden.

"Formate mit 4 Interviewern können doch aufgehen"

Mirko Drotschmann alias "MrWissen2Go" will noch herausfinden, ob der Berufspolitiker den Alltagscheck besteht. Was kostet der Liter Milch bei Aldi? Schulz liegt mit 70 Cent ganz gut, ebenso kennt er die auf bis knapp zwei Euro gestiegenen Butterpreise. "Ich hab' mich nicht vorbereitet", beteuert er. Auch die miesen Umfragewerte der SPD sind Thema. Hat er mit der Mission Kanzleramt abgeschlossen? "Ich habe das nicht abgeschrieben. Ich kämpfe bis zum letzten Meter."


Im großen TV-Duell am Sonntag konnte Schulz zwar bei unentschlossenen Wählern punkten, insgesamt verlor er aber den Umfragen zufolge gegen Merkel. Der Ausflug in die Netzwelt hat ihm viel besser gefallen. "Hat Spaß gemacht", twittert er zu einem Selfie mit den vier Youtubern. "Formate mit 4 Interviewern können doch aufgehen", stichelt Schulz. Nur eine Sorge treibt ihn um. "Aber bitte: Macht das mit dem Waschpulver nicht zu Hause nach!"


 

wue/AFP/DPA

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