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Interview

Bundestag: Deutschlands jüngste Abgeordnete: "Das ist und bleibt immer etwas Besonderes"

Ronja Kemmer ist die jüngste Abgeordnete im Bundestag. Mit 25 zog sie ein, jetzt ist sie 28. Im NEON-Interview zieht sie Bilanz und erzählt, wie spannend ihre Aufgabe ist: "Ich habe keinen Tag bereut."

Für Ronja Kemmer aus Baden-Württemberg gehen mit Ende der Legislaturperiode im Bundestag drei aufregende Jahre vorbei. Mit 25 ist sie als jüngste Abgeordnete ins Parlament eingezogen, jetzt ist sie 28, verheiratet, hat ihre ersten Reden im Plenum hinter sich - und die CDU-Politikerin blickt im NEON-Interview zurück: auf Formulare für Aktenordner, auf lange Tage, auf die Aufgaben für ihre Generation und auf viel Verantwortung.

Sie sind als jüngste Abgeordnete für die CDU in den eingezogen. Wie kam es zu der dieser "Blitzkarriere"?

Das war eigentlich ein dramatischer Umstand, ich bin für nachgerückt, der im Dezember 2014 gestorben ist. Das war natürlich ein Schock. Ich habe mich dann aber relativ schnell, nach Rücksprache mit meiner Familie, entschieden, dass ich das Mandat annehme. 

Wie reagierte denn Ihr Umfeld, als Sie gesagt haben: "Ich gehe jetzt nach und werde Abgeordnete"?

Ich war zu dem Zeitpunkt ohnehin nicht zu Hause, weil ich im letzten Studienjahr im Ausland war. Meine Eltern haben mich zwar immer unterstützt in meinem politischen Engagement, aber ihnen war wichtig, dass ich mein Studium zu Ende bringe. Sie haben sich für mich gefreut und meine Entscheidung mitgetragen. 

"Erfahrene Mitarbeiter sind Gold wert"

Seit wann engagieren Sie sich denn schon in der Politik?

Ich war eigentlich schon lange politisch interessiert, ich komme aus einer politischen Familie, auch wenn meine Eltern nicht parteipolitisch festgelegt waren. Mit ungefähr 18 habe ich dann angefangen, mich zu engagieren, habe mir Jugendorganisationen von Parteien angeschaut. Auf der Schule waren auch schon ein paar Mitglieder und ich habe dann meine Heimat bei der Jungen Union gefunden. Vor allem die Bildungspolitik der hat mich damals überzeugt. Während des Studiums habe ich dann unter anderem für einen Landtagsabgeordneten der Union gearbeitet. 

Mit 25 in den Bundestag und "keinen Tag bereut": Ronja Kemmer (28, CDU), die jüngste Abgeordnete des Parlaments

Mit 25 in den Bundestag und "keinen Tag bereut": Ronja Kemmer (28, CDU), die jüngste Abgeordnete des Parlaments


…. und dann saßen Sie plötzlich selbst im Parlament und trugen Verantwortung. Wie groß war der Respekt vor der Aufgabe?

Dass ich viel Verantwortung auf mich nehme, war mir klar. Da hatte ich auf jeden Fall Respekt vor. Am Anfang waren vor allem die organisatorischen Dinge eine große Aufgabe: Die Legislatur lief ja schon, als ich ins Parlament kam, vieles war schon eingespielt und ich kam neu dazu. Der Bundestag ist schon ziemlich bürokratisch, wie man sich vorstellen kann. Ich musste mir ein neues Büro aufbauen und für jedes Kabel, jeden Ordner, den man braucht, gibt es Formulare und Zuständigkeiten. Man hat am Anfang einfach total viele Fragen. 

Wer oder was hilft dann beim Einstieg?

Ich kannte glücklicherweise schon einige Abgeordnete, und auch unsere Landesgruppe hat mich unterstützt. Mein Glück war, dass ich auch erfahrene Mitarbeiter hatte. Das war Gold wert. 

"Wichtig, dass unsere Generation im Bundestag sitzt"

Können Sie als jüngere Abgeordnete umgekehrt auch den "Alteingessenen" helfen?

Klar, das kann zum Beispiel das Thema Social Media sein, zu dem unsere Generation einen ganz anderen Bezug hat, aber es gibt auch anderes: Als wir im vergangenen Jahr 25 Jahre Deutsche Einheit gefeiert haben, wollten die älteren Kollegen schon vieles von den jüngeren Abgeordneten wissen. Wir sind ja völlig selbstverständlich in einem vereinten Deutschland aufgewachsen, da interessiert es die Kollegen einfach, wie wir das wahrnehmen. Der Austausch findet eigentlich ständig statt.

Findet dieser Austausch auch unter den jüngeren Abgeordneten statt?

Ja, den gibt es auch. Es gibt ja in allen Fraktionen jüngere Abgeordnete, da trifft man sich schon. Allerdings muss ich auch sagen: Nur weil man jung ist, hat man bei vielen Themen nicht die gleiche politische Meinung. Dafür ist man ja auch in unterschiedlichen Parteien. 

Wie profitieren die Parteien denn grundsätzlich von ihren jüngeren Abgeordneten?

Wir können natürlich jüngere Menschen leichter ansprechen - Stichwort Wahlbeteiligung von Jungwählern. Und ich denke, es ist grundsätzlich wichtig, dass auch unsere Generation im Bundestag sitzt. Das Parlament soll ja ein Querschnitt der Gesellschaft sein und das heißt auch, dass es ein paar jüngere Repräsentanten darin geben sollte.

"Mein Tag hat selten weniger als zehn Stunden"

Wie sieht Ihr Alltag im Parlament aus? Ist es anstrengender, als Sie vorher dachten oder gelingt Ihnen eine gute Work-Life-Balance?

Mein Tag hat eigentlich selten weniger als zehn Stunden, ich bin natürlich auch viel abends und am Wochenende im Einsatz. Gerade samstags und sonntags bin ich meistens im Wahlkreis unterwegs, weil ich die Menschen treffen will. Das ist in Ordnung, das gehört einfach zu dieser besonderen Aufgabe. 

Gibt es auch Tage, an denen Sie morgens denken: "Ich habe heute keine Lust"?

Natürlich habe ich auch mal einen schlechten Tag, alles andere wäre auch verwunderlich - das gilt ja für jeden von uns. Und manchmal würde ich mir auch mehr Zeit für andere Themen wünschen, die Taktung in Berlin ist schon sehr hoch. 

Was sind denn Ihre Herzensthemen?

Bei den Themen Digitalisierung und bin ich mit Leidenschaft dabei, auch wenn der Bund da ja gar nicht alle Kompetenzen hat. Und vor allem in der Europapolitik steckt viel Herzblut: Ich bin Mitglied im Europaausschuss und werbe für Europa, gerade in diesen schwierigen Zeiten. 

In Ronja Kemmers erster Rede ging es um Europa

… um Europa ging es ja auch in Ihrer ersten Rede vor dem Parlament.

Ja, das war aufregend. Ich war es zwar vorher schon gewohnt, vor Gruppen zu sprechen, aber im Bundestag zu reden, das ist und bleibt immer etwas Besonderes. Beim ersten Mal war ich super-nervös, da rutschte mir schon das Herz in die Hose - alles andere wäre gelogen.


Würden Sie denn sagen, die ersten Jahre im Bundestag haben sich gelohnt?

Es geht natürlich immer darum, Mehrheiten zu organisieren und ich bin eine von gut 600 Abgeordneten, da kann man immer mitwirken. Konkret wird es allerdings, wenn es um Projekte im eigenen Wahlkreis geht, wenn man sieht: An dieser Umgehungsstraße habe ich mitgewirkt, für jenes Kulturprojekt habe ich Zuschüsse organisiert. Da wird das eigene Handeln sichtbar. Ich vertrete ja meine Heimat, meine Region - das ist die zentrale Aufgabe der Abgeordneten.

Ich kann nur jedem empfehlen, sich zu engagieren. Der Brexit ist das beste Beispiel. Wenn es die Jüngeren nicht tun, führt es leider zu solchen Ergebnissen wie in Großbritannien. Da hatten die Jüngeren eine andere Meinung, haben sich aber nicht eingebracht oder an der Abstimmung teilgenommen. Es lohnt sich, mitzumachen. 


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"Ich habe keinen Tag bereut"

Also wollen Sie in den nächsten vier Jahren wieder dabei sein?

Auf jeden Fall. Der Start war zwar überraschend, aber ich bin mit so viel Herzblut und Leidenschaft dabei und würde mich total freuen, wenn ich es weiter machen darf. Ich habe keinen Tag bereut, dass Mandat angenommen zu haben.

Kein Politiker-Interview ohne Koalitionsfrage, auch bei der jüngsten Abgeordneten nicht …

Ich glaube, ob man in der Union oder in der SPD fragt, die Große Koalition ist nirgends die Wunschpartnerschaft. Sie ist in Krisenzeiten wichtig, aber sollte nicht dauerhaft regieren. Von daher kann ich mir auch andere Konstellationen vorstellen. Schon allein aus strategischer Sicht hoffe ich, dass wir nach der Wahl mehr als eine Option haben. 


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