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Trash-TV: Ich weiß jetzt, warum Millionen Menschen zum "Traumschiff" einschalten

Unfassbar schlechte Dialoge, Schauspieler aus der Hölle - unsere Autorin hat nie verstanden, warum jedes Jahr nach Silvester Millionen Menschen das "Traumschiff" angucken. Bis sie selbst eingeschaltet hat.

Traumschiff

Warnung: "Traumschiff" gucken kann aggressiv machen

1. Januar 2018, 20:15 Uhr. Mein Freund und ich haben gerade das zweite Mal die Schnaps-Reste vom Küchenboden aufgewischt und die Silvester-Party-Spuren endgültig beseitigt. Der Kopf brummt noch immer leicht, die Stimme ist weg. Also ab auf die Fernsehcouch – und da passiert es: Wir bleiben im ZDF hängen. Beim "Traumschiff".

Ja, genau: Dieser Dauerbrenner des Trash-TVs für ältere Leute, bei dem schon die Werbe-Trailer so schlecht aussehen, als hätte die Video-AG einer Mainzer Gesamtschule sich austoben dürfen. Die Schauspieler sind haarsträubend schlecht, die Handlung hanebüchen. Dazwischen taucht Harald Schmidt auf, aber ganz sicher kann man das nicht sagen, so kurz sind seine Auftritte und älter ist er ja auch geworden. Würde man die 90 Minuten auch ohne Restalkohol im Blut überstehen? Auf gar keinen Fall! Trotzdem weiß ich jetzt, warum nach Silvester Millionen Menschen zum "Traumschiff" einschalten:

1. Der Sherlock-Holmes-Effekt

Seien wir ehrlich: Für eine Folge "Game of Thrones" hätte die Aufmerksamkeitsspanne eh nicht gereicht. Beim "Traumschiff" gibt's keine komplizierten Machtspiele, alle heißen Clara, Sophie oder Ralf und die Storys sind so simpel, dass es dreist ist. Der wilde Waisenjunge Nico will zum Beispiel in Los Angeles Stuntman werden. Dafür braucht er exakt 10.000 Euro. Die baumeln zufällig am Hals eines armen, reichen Mädchens, das ganz allein auf dem Schiff reist und ständig Golf spielt. "Wetten, dass ihr Nico die Halskette klaut?“, sage ich. Und schwupps sehen wir Nico bei einem Juwelier feilschen. Hab ich’s doch gleich gewusst! So ein Erfolgsmoment hat noch keinem Kater geschadet.

2. Dialoge, die weh tun

"Für manche Dinge brauchen wir Frauen eben etwas länger!"- "Nie geht man so ganz“ , "Du bist die Frau meiner Träume, ich will dich nie wieder gehen lassen" Der Ärger über die unverschämten Wort-Floskeln bringt meinen Kater-Kreislauf wieder in Schwung - eigentlich gar nicht so übel.

3. Bloß keine Spannung

Dafür wirkt die Handlung wie Baldrian. "Ich will einen leisen Abschied, ohne großes Tam-Tam", sagt Chef-Hostess Beatrice zum Kapitän. Keine Minute später hält der Kapitän eine Abschiedsrede, die auf dem ganzen Schiff übertragen wird und über der Reling hängen riesige "Bye-Bye, Beatrice"-Banner. Oder: Ralf lernt Clara in einer Umkleidekabine kennen, wechselt zwei Sätze mit ihr - und gesteht ihr sofort seine Liebe. Spannungsbogen? Braucht das "Traumschiff" nicht! Irgendwie beruhigend.

Nach 90 Minuten ist alles so gekommen, wie man es von der ersten Sekunde an weiß - und der Kater ist irgendwie auch schon besser. Ich glaub, nächstes Jahr fahre ich wieder mit dem "Traumschiff" mit.

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