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Generation Y: Bin ich jetzt erwachsen, oder was? (Und was das mit meinem Zahnarzt zu tun hat.)

Bei der ersten eigenen Wohnung oder beim ersten Kind – wann ist man eigentlich erwachsen, hat sich unser Autor immer gefragt. Bis er mal wieder beim Zahnarzt war.

Mann mit vier Brillen

Alter ist subjektiv – Erwachsensein auch

Erwachsenwerden, hat jemand mal gesagt, sei wie ein Film von Quentin Tarantino. Erst ist alles ganz cool, es wird viel geflucht, dann wird es sehr kompliziert und am Ende sind alle tot.

Als Kind wollte ich immer gern erwachsen werden, weil man dann alles selbst bestimmen kann und lange aufbleiben, auch abends Fußball gucken und so viel Chips, wie man will, essen kann. Als Jugendlicher wollte ich auch gern erwachsen sein, weil ich dachte, dass dann wahrscheinlich alles einfacher ist und man endlich kapiert hat, wie die Welt funktioniert und wie man das überhaupt alles macht.

Und jetzt? Als (laut Geburtsurkunde) Erwachsener bleibe ich tatsächlich lange auf und schaue abends nicht nur Fußball, sondern einfach alles, was ich will, nur Chips esse ich fast gar nicht mehr, weil ich dann noch weniger so aussehen würde, wie mir gesagt wird, dass ich aussehen sollte. Kapiert habe ich sowieso wenig, fast nichts. Ich bin ein Erwachsener, der sich nicht wie ein Erwachsener fühlt.

Aus dem Erwachsenwerdenwollen wird ein Erwachsenenseinmüssen

Wann ist man denn also endlich erwachsen? Beim Auszug? Mit Spülmaschine? Der ersten eigenen Wohnung? Oder erst mit dem ersten Kind? Oder wenn man anfängt, erwachsene Dinge zu tun, wie früh ins Bett zu gehen, auf die Ernährung zu achten und seinen Urlaub ein Jahr im Voraus zu planen? Wenn ich Ältere danach frage, sagen die einen "nie", die anderen "mit 30", die meisten wissen es nicht und wieder andere denken wahrscheinlich, dass man solche Fragen mit 28 nicht mehr stellen sollte, auch wenn sie es nicht sagen.

Irgendwann mit Anfang, Mitte 20 verschwindet dieses Gefühl, endlich erwachsen sein zu wollen und macht dem Gefühl Platz, erwachsen sein zu müssen. Dann singen wir plötzlich Songzeilen wie "I won’t sit down / And I won’t shut up / And most of all I will not grow up" mit. Es gibt die Momente, in denen ich mich sehr erwachsen und manchmal auch schon ein bisschen alt fühle. Und dann sitze ich wieder Leuten aus meiner Schulzeit gegenüber, die mit mir über Grundstückspreise sprechen wollen und versuche zu schauen, als hätte ich Ahnung davon. Die anderen heiraten, kriegen Kinder und bauen Häuser und man selbst sitzt morgens um sechs betrunken in der S-Bahn. Aus dem Wollen wird der Druck, eine Erwartung erfüllen zu müssen.

Früher war das wahrscheinlich anders. Unsere Eltern und Großeltern haben sich wohl nicht so viele Gedanken über solche Zuschreibungen gemacht – sie taten meistens einfach das, was gerade anstand. Wir aber basteln nimmermüde an unserem ganz eigenen Lebensentwurf, den wir aus allen möglichen Puzzleteilchen zusammenstellen, und werden damit irgendwie nie fertig. Wir wünschen uns das Leben als ein "All you can eat"-Restaurant, in dem wir von allem ein Stückchen probieren können und uns doch nie festlegen müssen. Und dann beschweren wir uns, weil es meistens doch eher einem Lokal mit riesiger Speisekarte ähnelt, in dem wir damit überfordert sind, aus Dutzenden Optionen die richtige auszusuchen – und zwar schnell.

Der Zahnarzt – mein "Zimmer 101"

Was es bedeutet, erwachsen zu sein, habe ich beim Zahnarzt gelernt. Lange Zeit war der Zahnarzt für mich meine persönliche Hölle – mein "Zimmer 101", um mal mit George Orwells Roman "1984" zu sprechen. Es gab nichts Schlimmeres. Immer, wenn ich beim Zahnarzt auf dem Stuhl lag, habe ich an Menschen gedacht, die mir sehr wichtig sind (oder damals waren) oder mir im Kopf irgendeine schöne Phantasiewelt gebaut, dann ging es schneller vorbei. Dass mein Zahnarzt irgendwann Flachbildschirme in seinen Behandlungszimmern anbrachte, auf denen Mariah-Carey-Musikvideos von Youtube laufen, machte die Sache nicht wesentlich besser.

Dann lernte ich zwei Dinge:

1. Wer erwachsen sein will, muss auch mal Dinge tun, auf die er keinen Bock hat, von denen er aber weiß, dass sie sein müssen. Also zum Beispiel einen freiwilligen Zahnarzttermin machen. Oder nicht nur Wein kaufen, sondern auch eigene Weingläser. Und die dann auch spülen.

2. Eine überraschende Erkenntnis, die ich kurz vor meinem letzten Zahnarztbesuch hatte: Ich habe viel weniger Angst vorm Zahnarzt als früher, weil ich mittlerweile weiß, dass es viel schlimmere Dinge gibt, vor denen ich viel mehr Angst haben muss. Vor dem Terror, vor dem Chef, vor der Liebe sowieso, dem Klimawandel, der Rente, dem Tod, vor Kohlenhydraten. Erwachsensein heißt also, die Perspektive zu wechseln und Dinge aus der Erfahrung neu bewerten zu können.

Ich war 2017 fünfmal beim Zahnarzt. Einmal hat er gefragt: "Haben Sie Probleme?" Ich so: "Mit den Zähnen nicht." Der Arzt ist ein älterer Mann, kurz vor der Rente, er hat sehr verständnisvoll genickt und dann gesagt, dass er mir mal lieber eine Betäubungsspritze gibt, weil eh zu viele Leute beim Zahnarzt Helden sein wollen. Wahrscheinlich ging es ihm auch mal so.

PS: Das mit der passiert nur sehr selten ...


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