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Zuhause: Die Märchenmaschine

Angeblich beginnt mit 3D-Druckern eine neue industrielle Revolution. Aber stimmt das? Die NEON-Redaktion hat sich die Schreibtischfabrik bestellt.

Der Artikel des 3D-Drucker-Selbstversuchs in der NEON

Der Artikel zum 3D-Drucker-Selbstversuch in der NEON-Ausgabe vom Juli 2013 erschienen

Das Paket, das das letzte Paket sein könnte, das ich in meinem Leben in Empfang nehmen muss, hat zwei Tage Verspätung. So weit also läuft alles ganz normal. Aus Styropor, Schaumstoffflocken und Plastikfolien schäle ich einen etwa fünfzig Zentimeter breiten und dreißig Zentimeter hohen Metallkörper heraus, der mit Display, LED-Leuchten, USB-Anschluss und dem dicken Handbuch im Sortiment eines Elektromarktes nicht auffiele. Aber eigentlich, versicherte man mir, verberge sich in der Kartonverpackung nichts weniger als eine neue industrielle Revolution. Und die Schachtel steht jetzt offen.

Der Replicator 2 ist ein 3D-Drucker, ein Roboter, der Dinge herstellt. Das Gerät erinnert entfernt an einen Kopierer und besteht aus einem Elektromotor und einem Druckkopf, der flüssigen Kunststoff in hauchdünnen Schichten zu einem dreidimensionalen Objekt zusammenfügt. Mit dem 3D-Drucker, heißt es, kann man Spielzeug, Werkzeuge oder kleine Kunstwerke direkt ausdrucken und wird so zum Fabrikanten. Und wer eine eigene Fabrik besitzt, muss sich natürlich keine Sachen mehr vom Boten liefern lassen.

Große Hoffnungen ruhen auf dem 3D-Drucker

Der 3D-Drucker ist zugleich Science-Fiction und Arbeitsalltag. In der Fernsehserie "Star Trek" steht auf der Brücke des Raumschiffs ein Gerät namens Replicator, das wichtige Werkzeuge, Snacks oder auch ein Martiniglas herstellt.

In der Realität werden 3D-Drucker schon seit einiger Zeit eingesetzt, beim Zahnarzt etwa, um passgenaue Kronen anzufertigen, Architekturbüros präsentieren ihre Entwürfe als 3D-Modelle, Ingenieure drucken winzige, komplexe Einzelteile, die mit herkömmlichen Fertigungstechniken nicht zu verwirklichen wären. Als "Santa-Claus-Machine" werden 3D-Drucker auch genannt. Das passt, weil man sich so viel von der Technologie verspricht und doch Probleme hat, das alles zu glauben: Barack Obama erklärte in seiner Regierungserklärung, dank des 3D-Druckers werde die Industrie aus China in den Westen zurückkehren und ein neues Wirtschaftswunder beginnen. 3D-Drucker, berichteten verschiedene Medien in den vergangenen Monaten, werden die Eroberung des Weltraums ("Mondstation aus dem 3D-Drucker") sowie ewiges Leben ermöglichen ("Organe aus dem 3D-Drucker").

Der kühle LED-Fabrikofen

Der Replicator 2 ist eines der ersten Geräte für den Privatgebrauch. 1970 Euro kostet der schwarze Kasten. Drückt man den On-Knopf, ertönt eine kurze Synthiemelodie. Im Inneren des Druckers leuchtet ein feuerrotes LED-Licht wie in einem Fabrikofen. Wärme verspürt man nicht. Auf der Rückseite hängt eine große Spule mit Schnur aus PLA-Kunststoff: dem Rohmaterial. Ich warte, bis sich der Druckkopf auf 220 Grad Celsius erhitzt hat, und führe dann die Plastikschnur in ein kleines Loch ein. Ein Kilo PLA kostet sechzig Euro und reicht, um 400 Schachfiguren auszudrucken. Ein Dutzend Schachsets für sechzig Euro klingt nach einem guten Deal, finde ich.
Der Replicator 2 steht wie eine Frage im Raum: Und was willst du jetzt machen? Ich habe keine Ahnung. Auch meine Kollegen, die die Maschine skeptisch umkreisen, bezweifeln, "dass da was Sinnvolles rauskommt". Ich denke darüber nach, ob diese Fantasielosigkeit ein Symptom unserer Überflusskonsumkultur ist.

Der erste Versuch in der NEON-Redaktion

Die Bestellungen der NEON-Kollegen: eine iPhone-Schutzhülle, ein Legostein, mit dem man endlich Kuppeln bauen kann, "alles aus dem Star-Wars-Universum", eine dicke Puppe, die den Schlankheitswahn von Barbie untergräbt, und, natürlich, ein erigierter Penis (immer der erste Witz).

Da ich keine Ahnung habe, wie man ein 3D-Modell eines erigierten Penis anfertigt, gebe ich "3D-Modell + Penis" in eine Suchmaschine ein. Es stellt sich heraus, dass sich bereits einige Menschen dieses Problems angenommen haben. In einer kostenpflichtigen Datenbank für 3D-Dateien kostet ein Pixelpenis knapp neunzig Dollar. Ich entscheide mich stattdessen für eine Kondomskulptur. Es ist kaum schwieriger, im Internet eine 3D-Datei zu finden als einen MP3-Song oder die neueste Folge von "Breaking Bad". Auf Onlineplattformen wie Thingiverse – betrieben vom Hersteller des Replicator 2, Makerbot Industries – stehen viele tausend Dateien kostenlos zum Download zur Verfügung. Auf den ersten Blick sieht Thingiverse so aus wie ein normaler Onlineshop: Vasen, Lampenschirme, Schmuckstücke und Spielzeug werden mit Fotos und Produktbeschreibung angepriesen, es gibt Empfehlungsdienste, Nutzerbewertungen und eine lebendige Community. Nur dass man kein fertiges Produkt bestellt, sondern einen Bauplan runterlädt. Nach nur wenigen Minuten finde ich ein iPhone-Case, lade die Datei auf den Computer, starte die Software Makerware, mit deren Hilfe das 3-D-Modell in den maschinenlesbaren G-Code übertragen wird, mit dem auch computergesteuerte Maschinen der Großindustrie kommunizieren, und drücke den Knopf "Makeit ". Der Druckkopf bewegt sich in zackigen Bewegungen über die Plattform und spuckt einen hauchdünnen Plastikfaden aus, die Scharniere quietschen, in der Luft liegt der Geruch von geschmolzenem Plastik. Immer wieder fährt der Druckkopf die Umrisse der iPhone-Hülle ab, bald kann man ein durchsichtiges Bild erkennen, das langsam in die Höhe wächst. Der Drucker ist saulaut. Aber was wäre eine Revolution ohne Krach?

Und das Ergebnis?

Nach knapp neunzig Minuten meldet der Roboter mit einem triumphierenden Piepsen: Ich bin fertig! Im Bauch des Druckers liegt eine Schutzhülle aus durchsichtigem Plastik. Vorsichtig berühre ich das neugeborene Objekt. Es ist merkwürdig kühl und gar nicht zerbrechlich. Ich besuche meine Kollegen nebenan und muss mir ein breites, stolzes Grinsen verkneifen: "Schaut, was ich gemacht habe!" Aber: Habe ich wirklich was gemacht? Ich habe Files gespeichert, Knöpfe gedrückt, den Cursor über den Bildschirm flitzen lassen. Und doch, da ist jetzt was.

Produktion im Schnelldurchlauf: Bis man ein zwanzig Zentimeter großes Produkt hergestellt hat, vergehen auch mal einige Stunden.

Ich bin Teil der Konsumgeneration. Und eher ungeschickt. Schon als Kind blieb ich, wenn mein Vater in der Kellerwerkstatt verschwand, lieber vor dem Fernseher sitzen und guckte "Sesamstraße" und, wenn Mama ebenfalls beschäftigt war, amerikanische Superheldenserien. Der produktive Soundtrack aus dem Keller, das Hämmern, Sägen und Knistern, interessierte mich nur wenig, er führte eher dazu, dass ich den Fernseher lauter stellte. Wenn Papa irgendwann zurück an die Oberfläche kam, freute ich mich natürlich trotzdem über die Schaukel, das Stockbett, die Schatztruhe mit den eleganten Metallbeschlägen, in der ich meine Videospiele verstaute. Ansonsten vertraute ich aber Spielzeugläden und dem Otto-Versand. Im Fach Handarbeit und Werken hatte ich folgerichtig immer eine Vier.

Eigene 3D-Objekte designen

Auch wenn nun der Roboter die Arbeit macht, benötige ich ein gewisses Basteltalent – um das Gerät korrekt einzustellen und, vor allem, um mit Hilfe eines 3D-Programms die Vase zu entwerfen, die ich dem Redaktionssekretariat schenken will. Im Internet gibt es Software wie Autodesk 123-D gratis zum Download. Bald merke ich, dass man mit wenigen Klicks simple geometrische Formen zu 3D-Körpern machen kann, wie man das Volumen und die Form verändert, das Objekt dreht, dehnt, verzerrt – und bei Nichtgefallen wieder löscht. Der Designprozess funktioniert erstaunlich intuitiv, und nach nur zwei Stunden habe ich eine Vase entworfen, die zwar nicht unbedingt schön ist, von der ich aber immerhin behaupten kann, dass sie auf dem Umriss einer Schneeflocke basiert.

Dann allerdings endet jeder zweite Druckvorgang mit dem vorzeitigen Abbruch oder einer Fehlermeldung. Mal verstopft der Druckkopf, mal stolpert ein Kollege über das USB-Kabel, mal habe ich die Wandstärke zu dünn definiert, und die Blumenvase ist nicht wasserdicht. Das Scheitern motiviert mich jedoch nur, den nächsten Versuch zu starten, bis das Modell keine unnötigen Ecken und Kanten mehr hat, bis das Wasser drinbleibt, bis ich es kann. Die Handwerkskunst, hat der amerikanische Soziologe Richard Sennett geschrieben, sei ein "grundlegender, anhaltender Impuls des Menschen" und gebe den Bastlern das "Gefühl, in der Welt verwurzelt zu sein". Im 21. Jahrhundert aber, meint er, habe die flexible Arbeitswelt, die den Menschen alle paar Jahre eine neue Tätigkeit aufzwingt, zum Verfall der Handwerksethik geführt und die Menschen von ihren Händen entfremdet. Sennett plädiert dafür, den Stolz in der Handwerkskunst zu reanimieren – und spricht nicht nur von Glasbläsern und Goldschmieden, sondern ausdrücklich auch von Programmierern.
Sennett hat Recht. Die Arbeit mit dem Replicator 2 unterscheidet sich nicht besonders von traditionellen Handwerkstätigkeiten wie Schnitzen oder Schreinern, sie erfordert ein Gespür für Materialien und Geschick mit Werkzeugen. Und das Endprodukt in der Hand zu halten, ist enorm befriedigend. Bald läuft mein Drucker rund um die Uhr. Mit gemischten Ergebnissen: Das Sekretariat ist von meiner Vasenkreation wenig beeindruckt ("nett"). Die fette, pädagogisch wertvolle Puppe ist leider sehr hässlich und fördert bei mir eher den Schlankheitswahn. An einem Bad-Hair-Day drucke ich mir in zehn Minuten einen Kamm aus und fühle mich vor dem Spiegel recht attraktiv. Und produktiv.

Die Maker – eine neue Jugendbewegung?

"Maker" nennen sich jetzt die Nutzer von 3D-Druckern und ähnlichen Geräten gerne – und das klingt nicht zufällig wie Punker und Rocker, wie eine popkulturelle Bewegung mit eigenen Codes und eigener Sprache, die die Werte des Mainstreams in Frage stellt.

Maker lehnen den Massenkonsum ab und wollen die Welt mit eigenen Schöpfungen und Spezialanfertigungen füllen – made by me statt made in China. Bre Pettis, der Erfinder des Replicator 2, fusioniert "Das Kapital" mit dem Optimismus des Silicon Valley zu einem kruden Technomarxismus: Er will die "kreativen Produktionsmittel für jedermann verfügbar machen". Das klingt natürlich erst einmal gut. Und doch frage ich mich, als ich die missglückten Druckprodukte in den Müll schmeiße, ob es notwendigerweise ein zivilisatorischer Fortschritt ist, meine Vasen und Plastikschirme selbst zu gestalten, statt dies Leuten zu überlassen, die das gelernt haben. Wird jetzt wirklich alles besser?

In der Zeitung lese ich von einem amerikanischen Studenten, der sich eine funktionstüchtige Pistole ausgedruckt hat – in der Anonymität der Garagenwerkstatt, ohne Seriennummer, ohne Waffenschein. Gesetzbuch und Gesellschaft sind auf solche Geräte nicht vorbereitet. Die schwedische Anti-Copyright-Gang "Pirate Bay", deren Filesharing-Plattform so ein großes Ärgernis für Hollywood und die Musikindustrie darstellte, hat bereits angekündigt, die Baupläne physischer Objekte ins Netz zu stellen, was das Patentsystem zerstören könnte. Andere prophezeien den Tod der globalen Logistikbranche, weil wir mit 3D-Druckern den Gütertransport ins Internet verlagern, oder träumen von jungen Designern und Erfindern, die sich von Großkonzernen emanzipieren, weil sie ihre Ideen einfach ausdrucken und vermarkten können.

Was könnte der 3D-Drucker verändern?

Nach fünf Tagen Arbeit mit dem Replicator 2 kommen mir diese Visionen gleichzeitig plausibel und absurd vor – der Druckprozess ist sowohl aufregend als auch ernüchternd.

Ein Gerät vom Bildschirm in die Wirklichkeit zu beamen, gibt mir ein erhabenes Gefühl. Ein kleiner Fehler aber, und ich erhalte statt eines fertigen Produkts nur verworrene Plastikfäden und einen Kunststoffklecks, als wäre eine Seifenblase geplatzt. Sicher, die Drucker werden in den kommenden Jahren billiger, besser, flexibler und schneller werden, die Nutzer geschickter und kreativer. Trotzdem kann man sich kaum vorstellen, dass es möglich – und vor allem: ökonomisch sinnvoll – ist, in jedem Haushalt einen 3-D-Drucker aufzustellen, der komplexe Produkte wie einen Turnschuh oder gar ein Smartphone drucken kann. Wird es in fünf Jahren also 3D-Copyshops geben? Plastikgeschirr made in the kitchen? Berliner Hipster, die mit dem Drucker abgefahrene Aschenbecher in Kleinserie fertigen und in irgendeiner Bar von Freunden verkaufen?

Ich glaube nicht. Irgendwie erinnert mich der Drucker an die Virtual-Reality-Brillen, die Mitte der Neunzigerjahre aufkamen und einen Blick in dreidimensionale Pixellandschaften erlaubten. Der Mensch, hieß es, werde in Kunstwelten abtauchen. Zwanzig Jahre später hat niemand, den ich kenne, eine solche Brille, und doch sind wir auf ganz andere Art und Weise immer online und verbunden. Die Nachfahren des Replicator 2 werden die Welt ohne Zweifel verändern, aber auf eine Art, die wir uns nicht vorstellen können, weil uns die Gegenwart den Blick verstellt. Ich drehe meine Plastikvase in der Hand und stelle eine Blume hinein. Mich beschleicht das Gefühl, dass ich mich in einigen Jahren an diesen ersten Kontakt mit dem erinnern werde. Vermutlich genau so: Scheiße, war das damals primitiv.

Dieser Text ist in der NEON-Ausgabe vom Juli 2013 erschienen. Hier können Einzelhefte des NEON-Magazins nachbestellt werden. Alle Ausgaben ab September 2013 gibt es außerdem auch digital in der NEON-App.