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Gehalt in der Ausbildung: "Es ist immer noch nicht genug zum Leben" – Das denken Azubis über den neuen Mindestlohn

Die Bundesregierung hat ein Gesetz auf den Weg gebracht, mit dem auch Azubis ein Mindestvergütung bekommen sollen. Doch reichen die geplanten 515 Euro als Lehrling aus? NEON hat mit zwei Azubis gesprochen.

Azubis sollen mehr Gehalt in der Ausbildung bekommen

Wenig Geld und viel Kaffee kochen? Beides sollte in der Ausbildung nicht vorkommen – um das Geld-Problem zu lösen, hat die Bundesregierung nun einen Mindestlohn für Azubis auf den Weg gebracht. (Symbolbild)

Getty Images

Zurzeit gibt es in Deutschland 326 anerkannte Ausbildungsberufe. Doch die Gehaltsspannen liegen in den einzelnen Branchen sehr weit auseinander: Während ein Industriekaufmann durchschnittlich 1.047 Euro im Monat verdient, bekommt eine Friseurin gerade einmal 584 Euro. Bei schulischen Ausbildungen erhalten die Azubis teilweise gar keine Vergütung.

Dagegen will die Bundesregierung nun vorgehen und hat ein Gesetz zur Einführung eines Mindestlohns für Lehrlinge beschlossen. Wer 2020 eine Ausbildung beginnt, soll mindestens 515 Euro im ersten Lehrjahr erhalten, im zweiten und dritten Jahr dann jeweils 100 Euro mehr. Bis zum Jahr 2023 soll der Satz auf 623 Euro steigen. Aber reichen 500 Euro in der Ausbildung aus? NEON hat zwei Azubis dazu befragt und die sagen: definitiv nicht!

Lilli macht eine Ausbildung zur Make-up Artistin und Hairstylistin

Lilli macht eine Ausbildung zur Make-up Artistin und Hairstylistin

Lilli, 26, aus Frankfurt, macht eine Ausbildung zur Make-up-Artistin und Hairstylistin

"Von Seiten meiner Ausbildung her verdiene ich aktuell gar nichts – denn ich bin an einer privaten Berufsschule, ähnlich wie bei der schulischen Ausbildung für Erzieher oder Physiotherapeuten. Um meinen Lebensunterhalt zu finanzieren, arbeite ich deshalb noch nebenbei in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderung. Das ist für mich finanziell schon eine echte Umstellung, da ich vorher Vollzeit gearbeitet und ein Gehalt bekommen habe. Da ich in einer WG lebe, ist die Situation okay – zurzeit habe ich so inklusive Miete etwa 800 Euro zu Verfügung.

Doch ich muss mich schon deutlich einschränken: Anstatt mit Freunden auszugehen, trinkt man eher zu Hause einen Wein und auch das Shoppen habe ich auf ein Minimum reduziert. Viele in meiner Klasse bekommen auch noch Unterstützung von ihren Eltern, um finanziell über die Runden zu kommen. Das ist bei mir keine Option und ich möchte das auch nicht; deshalb jobbe ich nebenbei. Und viele meiner Freunde, die auch eine Ausbildung machen, stehen vor ähnlichen Problemen. Sie bekommen gar kein oder nur sehr wenig Gehalt – und von 400 Euro kann doch keiner seine Miete und alle anderen Kosten bezahlen.

Daher finde ich den neuen Mindestlohn an sich gut, denn viele Azubis haben vorher noch weniger verdient. Aber es ist immer noch nicht genug, wenn man eine Vollzeitausbildung macht und noch lernen muss. Ich denke, 500 bis 600 Euro plus Miete wären eine Summe, mit der man gut leben könnte."

Moritz macht eine Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann

Moritz macht eine Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann

Moritz, 27, aus Hamburg, macht eine Ausbildung zum Veranstaltungskaufmann

"Ich bin jetzt im zweiten Jahr meiner Ausbildung und mein Arbeitgeber richtet sich bei der Bezahlung nach den Richtlinien der Industrie- und Handelskammern für meine Branche. Mein Gehalt ist gestaffelt: Ich verdiene im ersten Lehrjahr 700 Euro und dann jedes Jahr 100 Euro mehr – damit liege ich also über dem neuen Mindestlohn.

Obwohl ich in Hamburg lebe, komme ich mit meinem Geld eigentlich ganz gut hin. Das liegt aber auch daran, dass ich in einer WG lebe und nebenbei und an den Wochenenden auf Events arbeite. Zudem bekomme ich noch eine kleine Unterstützung von meinen Eltern und meiner Oma. Für mich ist das okay, da ich sehr sparsam mit meinem Geld umgehe – aber ein Auto könnte ich mir zum Beispiel nicht kaufen.

Auch wenn mich der Mindestlohn nicht betrifft, finde ich die Idee gut, einen einheitlichen Mindestlohn einzuführen  – denn Azubis in anderen Branchen, wie dem Handwerk, verdienen deutlich weniger, glaube ich. Ich könnte mir aber vorstellen, dass viele kleinere Betriebe gegen den Mindestlohn sind, weil es für sie natürlich eine Kostenfrage ist. Trotzdem denke ich, dass der Staat diese Regelungen treffen sollte, damit sich die Unternehmen nicht aus der Verantwortung ziehen können – denn gerade größere Betriebe sind ja meist in der Lage, auch mehr zu zahlen."

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