HOME

Mode für die Tonne: Was passiert wirklich mit unseren Retouren?

Wir bestellen, wir drehen uns vor dem Spiegel, wir schicken zurück. Unsere Kleidung und Produkte werden häufig unter hohem Ressourceneinsatz in Asien hergestellt, reisen um die halbe Welt, werden verpackt, zu uns nach Hause und von uns wieder zurück geschickt – und zum Teil ungenutzt weggeworfen. 

Mode für die Tonne: Was passiert wirklich mit unseren Retouren?

Die meisten von uns gehen davon aus, dass unsere Retouren zurück in den Verkauf gelangen - aber das ist nicht immer richtig. 

Getty Images

Es kann so schön sein. Ich wische ahnungslos durch meinen Instagram-Feed, die Füße wippen im Takt eines guten Songs, vor meinem Fenster stürmt es. Ich muss auch nicht raus, es ist ja alles in meinen Händen. Und zwischen den altbekannten Gesichtern und ihren aufregenden Leben dann diese Anzeigen, die mich besser zu kennen scheinen, als mir lieb ist - und dabei klingen wie meine Oma: Mein Kind, du fährst doch jetzt so viel Rad, hast du denn dafür die richtige Jacke? Mh, ja, doch, eigentlich schon. Aber was ist mit den Schuhen? Eine Pfütze und die Füße sind nass. Mh, ich weiß nicht, wär' das so schlimm? Ja! Du warst diesen Winter viel zu oft krank. Stimmt. In etwas mehr als fünf Klicks habe ich neue Schuhe. Nicht einmal im Bezahlprozess wird mir ein Moment des Innehaltens gegönnt. PayPal ist ein Fluch.  

Pakete bis zum Mond und fast wieder zurück

Für das vergangene Jahr prognostizierte der Onlinehandel einen Umsatz von 53,4 Milliarden Euro – das ist vier Mal so viel wie 2008. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace hat dazu mal eine Rechnung angestellt: Im deutschen Handel wurden 2017 rund 3,4 Milliarden Pakete verschickt. Legt man eine mittlere Pakethöhe von nur 20 cm an, reichen die übereinandergestapelten Pakete bis zum Mond und knapp wieder zurück. So oder so: Es ist 'ne ganze Menge. 

Die Gründe für den Onlinekauf sind bei mir die gleichen wie bei allen anderen auch: Es ist unkompliziert, gemütlich, die Auswahl ist groß und wenn etwas nicht passt, liegt in jedem Paket ein wunderbares Stück Papier namens "Retourenschein". Und davon machen wir in der Regel kräftig Gebrauch: Laut einer Umfrage des Meinungsforschungs-Institutes Nuggets bestellen fast zwei Drittel der Kunden unter 30 Jahren Kleidung und Schuhe schon mit der Absicht, zumindest einen Teil wieder zurück zu schicken. Ob das auch so wäre, wenn sie wüssten, was mit ihren Retouren passiert?

Retouren-Vernichtung als Geschäftsmodell

Entgegen unserer Vorstellung werden Retouren in vielen Fällen nicht neu verpackt und wieder in den Verkauf gegeben, sondern wandern auf direktem Weg in den Müll. In einer von Greenpeace beauftragten Studie der Marktforschungsfirma EHI Retail Institute gaben mehr als die Hälfte der befragten Onlinehändler an, einen Teil ihrer Retouren direkt zu entsorgen. Dafür haben sie wirtschaftlich nachvollziehbare Gründe: Das Sichten und Neuverpacken ist arbeitsintensiv und lohnt sich oft nicht.

Welche Dimensionen die Vernichtung neuwertiger Waren in Deutschland angenommen hat, zeigt sich besonders deutlich beim Versandriesen Amazon: Nach Recherchen des ZDF und der Wirtschaftswoche gehen an deutschen Standorten rund 30 Prozent der Retouren nicht mehr in den Handel, eine Mitarbeiterin beziffert die nur von ihr zerstörten Warenwerte auf bis zu 23.000 Euro täglich. "Was für ein Irrsinn", sagt sie selbst.

Unser Konsum verschwendet knappe Ressourcen

Und Irrsinn ist es wirklich. Es ist nicht nur unvorstellbar, dass Amazon-Mitarbeiter den lieben langen Tag neue Waschmaschinen, Kaffeevollautomaten, Rasenmäher und anderes in die Presse schieben, es wird noch irrer, wenn wir uns überlegen, woher diese Waren kommen. Amazon-Produkte und auch die Kleidung großer Modeketten werden zumeist in Asien unter hohem Ressourceneinsatz gefertigt, um den halben Globus transportiert, verpackt, an den Kunden verschickt - um dann zum Teil ungenutzt weggeworfen zu werden? Das kann nicht die Lösung sein. 

Der ehemalige Bundesumweltminister Klaus Töpfer, bringt meine Gedanken dazu ganz gut auf den Punkt: "Als ich das gehört habe, habe ich es nicht geglaubt. Das kann doch nicht wahr sein. Das sind Dinge, die knappe Ressourcen nutzen. Die dazu beitragen, dass in einer Welt, die auf neun Milliarden Menschen ansteigt, auf einmal das einfach weggeworfen wird, von dem wir sagen, wir können uns eine Wegwerfgesellschaft nicht mehr leisten? Das kann doch nicht wahr sein." Solche Gedanken wälzen sich derzeit auch in meinem Kopf herum und bringen der nächsten flüsternden Anzeige sicher etwas entgegen. Nachdenklich macht mich aber auch, dass diese Prozesse intransparent genug sind, um sogar einen ehemaliger Bundesumweltminister völlig zu überraschen.

Quellen: Greenpeace Deutschland, Meinungsforschungsinstitut Nuggets, EHI Retail Institute, ZDF und "frontal 21"