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Augenzeugen berichten: Meine Familie war beim 11. September dabei – erst jetzt haben wir darüber gesprochen

Die Familie von NEON-Redakteurin Ivy kommt aus New York, doch in den vergangenen 18 Jahren hat sie nie mit ihnen über den Terroranschlag auf das World Trade Center geredet – bis jetzt.

11. September

Ein Turm des World Trade Centers in New York stürzt in sich zusammen, nachdem er von einer Passagiermaschine getroffen worden ist

Als ich acht Jahre alt war, heute vor 18 Jahren, kam ich nachmittags unsere Holztreppe runtergehüpft. Ich kann mich noch genau an das Knarzen erinnern, das immer die Ankunft eines Familienmitgliedes im Wohnzimmer ankündigte. Aber meine Mutter reagierte überhaupt nicht darauf. Sie saß vor dem Fernseher und weinte. Bis ich wirklich verstanden habe, warum sie wie wild immer wieder auf und ab gehend telefonierte, dauerte es einige Zeit.

Die Erinnerungen an den 11. September 2001 sind für mich total verschwommen. Ich habe das Bild von unserem riesigen Röhrenfernseher, auf dem Szenen wie aus einem Action-Film gezeigt wurden im Kopf, das Bild von meiner weinenden Mutter und die Angst in ihren Augen. Meine Familie väterlicherseits kommt aus New York und sie versuchte wohl vergeblich, den anderen Teil der Familie zu erreichen. Die Telefonnetze waren damals überlastet und wir bekamen es mit der Angst zu tun. So langsam begriff auch mein achtjähriges Ich, was da gerade passiert war. Zum Glück ging es meiner Familie gut, niemand wurde verletzt. Doch mein Onkel Jimmy, der eigentlich nicht mein Onkel ist, sondern einer der besten Freunde meines Vaters, war während des Anschlags auf die Türme des World Trade Centers direkt in der Nähe – und musste alles mitansehen. Weder mit ihm noch mit meiner Oma, die ebenfalls in New York lebt, habe ich je detailliert über diesen Tag geredet. Bis heute.

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"Ich wünschte ich hätte nie zugesehen."

Ich will nicht länger so wichtige Teile der Vergangenheit meiner Familie nicht wissen und bitte Jimmy, mir zu erzählen, wie er den Tag erlebt hat. Sofort schickt er mir ein Bild des neuen World Trade Centers, in dessen Nähe er auch heute arbeitet und erzählt:

"Damals habe ich in der Chambers Street in TriBeCa gewohnt und war auf dem Weg zum World Trade Center, um einen Zug nach Jersey City zu nehmen. Ich hörte dieses laute Geräusch, obwohl ich Kopfhörer trug und sah, wie ein Flugzeug in den Tower krachte. Es fühlte sich so surreal an, wir waren alle in Schock." Jimmy weiß noch, dass einige Menschen zu dem Postamt neben dem World Trade Center gerannt sind und zusahen, wie Papier und Schutt herunterfielen. Es seien nur eine oder zwei Minuten vergangen, bis die Menschen anfingen,  aus dem Gebäude zu springen. "Ich wünschte, ich hätte nie zugesehen. Ich fühlte mich nie wieder in meinem Leben so hilflos, wie damals, als die Leute sprangen und wir nichts im Geringsten tun konnten. Zum Glück wurde ich nicht verletzt", erzählt er mir und ich bekomme einen Kloß im Hals. Mir war nicht bewusst, wie nah Onkel Jimmy dran war. Auch die Zeit danach war für ihn nicht leicht: "Wir wurden aus unserer Wohnung evakuiert und haben fast drei Monate lang in einem Hotel gelebt. Blicke ich zurück, bereue ich es, nicht mit einem Therapeuten über diese Erfahrungen geredet zu haben. Ich habe definitiv zu viel getrunken. Aber das hat wohl jeder in der Stadt." Heute arbeitet er übrigens ausgerechnet in dem Hotel, das Soho Grand Hotel, bei dem sie damals Zuflucht fanden, als Lower Manhatten evakuiert wurde.

"Wir fühlen noch 18 Jahre später die Erschütterung"

Auch meine Oma war zum Zeitpunkt des Anschlags in New York, damals arbeitete sie als High-School-Direktorin nur wenige Kilometer vom World Trade Center entfernt. Auch ihre Geschichte habe ich vorher nie so detailliert gehört: "Ich werde diesen Tag niemals vergessen. Mit einem Kollegen war ich zu einer Besprechung in seinem Büro, als wir aus dem Fenster blickten und sahen, wie das erste Flugzeug in das World Trade Center einschlug. Es war ein wunderschöner klarer Tag und wir wussten sofort, dass das kein Unfall sein konnte. Dann das zweite Flugzeug. Wir schauten nur kurz weg und wieder hin und die Türme waren verschwunden. Sie waren innerhalb von Sekunden weg. Es war wie in einem Science-Fiction-Film," erzählt sie mir am Telefon. Dann sei das Chaos ausgebrochen.

Sie erinnert sich, dass Eltern anriefen, alle verzweifelt versuchten, irgendetwas herauszufinden. Einige Mitarbeiter seien völlig durchgedreht, hätten die Kinder alleine gelassen. Einige der Kinder seien weggerannt, die Versuche, sie aufzuhalten seien missglückt, erzählt mir meine Oma. Andere seien von ihren Eltern abgeholt worden. Abends haben sie dann erfahren, dass es sich um einen Terroranschlag handelte. "Wir entschlossen uns, die Schule offen zu lassen, da einige Kinder keinen Ort hatten, zu dem sie gehen konnten. Danach passierte etwas Außergewöhnliches: Es war still in New York. Totale Stille, Tage lang. Die Läden waren geschlossen, die Menschen verhielten sich, als seien sie auf einem anderen Planeten." 

Meine Oma erinnert sich am Telefon an eine ähnliche Situation, als sie selbst noch in der High-School war. Der Tag, an dem John F. Kennedy erschossen wurde, habe eine ähnliche Stimmung ausgelöst, erzählt sie. Es sei das zweite Mal in ihrem Leben gewesen, dass sie ein großes kollektives Trauma erlebt habe. Kommen ein großer Sturm, eine Flut oder ein Erdbeben, versucht sie zu erklären, könnten Menschen damit umgehen. Ist die Quelle der Katastrophe aber ein Mensch, können viele es nicht begreifen. Sie fühlte damals eine unglaublich tiefe Traurigkeit. "Danach passierte etwas Wundervolles. Die Menschen wurden wütend, sie ließen sich nicht unterkriegen, sie lebten ihre Leben weiter. New York begann, sich zu erholen. Aber es ist eine Erinnerung, die wir nie vergessen werden. Die Menschen sterben noch heute an den Folgen, zum Beispiel an Lungenkrebs aufgrund der hohen Schadstoffbelastung damals." Ein Jahr später ging meine Oma in Rente, auch wegen diesem Erlebnis. Es gäbe so viel Hass in der Welt, doch wir dürften unsere Leben nicht davon beeinflussen lassen, sinniert sie. Amerika sei daraufhin viel nationalistischer geworden, ob das gut oder schlecht sei, könne sie nicht beurteilen. "Jetzt sind wir hier und fühlen noch 18 Jahre später die Erschütterung."

Das muss ich erst einmal sacken lassen, die Geschichten von Jimmy und meiner Oma haben mich mitgenommen. Jetzt, mit 26, habe ich langsam das Gefühl, viel der Vergangenheit meiner Familie und damit auch meiner eigenen zu verstehen. Zumindest versuche ich, zu verstehen, was es mit dir macht, zu sehen, wie Menschen in den Tod stürzen. Oder wenn sie versuchen, in einer Extremsituation die Ruhe zu bewahren und panische Kinder und Lehrer beruhigen müssen. Ich denke an den Tag von vor 18 Jahren und würde am liebsten mit meiner Mutter mitweinen.