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Film über Fußball-Weltstar: Drogen, Frauen, Mafia: Wie Maradona zum Gott von Neapel aufstieg – und ganz tief abstürzte

Diego Maradona ist mehr als ein Held des Fußballs. Er ist ein Mythos. Das zeigt ein neuer Film, der seit dieser Woche in den Kinos ist und den Fokus auf die Zeit des Argentiniers in Italien legt. Die Doku kommt dem Star dabei so nah, dass es dem Zuschauer den Atem raubt.

Neue Doku zu Diego Maradona kommt ins Kino

"Als ich nach Neapel gekommen bin, haben mich 85.000 Menschen begrüßt", sagt Diego Maradona gegen Ende des Films, der seinen Namen trägt. "Als ich ging, war ich allein." Nun ist an Maradona – auch das zeigt der neue Dokumentarfilm von Regisseur Asif Kapadia – sicher kein Poet verloren gegangen. Trotzdem könnte man das Leben des früheren Fußball-Weltstars nicht besser zusammenfassen.

Diego Maradona war anders als die anderen Legenden seines Sports. Er ist bis heute ein Mythos, um den sich wahrscheinlich mehr Geschichten ranken als um die meisten anderen Prominenten der Welt. Und bei allen Filmen und Büchern ist dem Phänomen wohl noch keiner so nah gekommen wie Kapadia.

Ein hochbegabter und zutiefst zerrissener Held

"Diego Maradona" ist auch deshalb so atemberaubend, weil er auf das komplette private Bild- und Videoarchiv seines Protagonisten zurückgreifen kann. Die daraus entstehende Collage zeichnet das Bild eines hochbegabten und zutiefst zerrissenen Helden.

Kapadia, der bereits mit Dokumentarfilmen über den brasilianischen Formel-1-Weltmeister Ayrton Senna und die britische Popikone Amy Winehouse beeindrucken konnte, umschifft zudem die Schwierigkeit, dass Maradonas Leben ausreichend Stoff für fünf Filme hergibt: Er legt den Fokus auf die Zeit des Argentiniers beim SSC Neapel.

In der Metropole am Vesuv spielt Maradona von 1984, als er den FC Barcelona nach zwei turbulenten Jahren im Unfrieden verlässt, bis 1992, als ihn eine positive Probe des Dopings überführt. In der Zeit, die dazwischen liegt, wird er für die Menschen in Süditalien, die vom Norden gerne als arm, dumm und dreckig belächelt werden, zum, und hier gibt es ausnahmsweise keinen besseren Begriff: Gott.

Die Kamera ist – auch hier passt kein weniger abgedroschener Ausdruck – hautnah dabei, als Maradona dem Volk im komplett gefüllten Stadio San Paolo vorgestellt wird, als die italienischen Abwehrrecken in den Ligaspielen Jagd auf ihn machen, als sich der kleine Ballzauberer langsam zurechtfindet.

Die Bilder sind brillant und sie erzählen von einer Zeit, die viel länger vergangen scheint als sie ist. In den 80er Jahren war die höchste italienische Spielklasse, die Serie A, das Mekka des Fußballs, das die besten Spieler des Planeten lockte – und Maradona stand über allen.

Diego Maradona

Der Gladiator betritt die Arena: Diego Maradona läuft ins Stadio San Paolo in Neapel ein

Picture Alliance

Diego Maradona macht Neapel zum Meister

Er vermittelt einer gebeutelten Region neues Selbstvertrauen und macht den chronisch erfolglosen SSC Neapel zum Titelanwärter. 1986 führt er außerdem die damals sehr durchschnittliche Nationalmannschaft seines Heimatlandes im Alleingang zum WM-Titel in Mexiko. 

Dabei kommt es im Viertelfinale zum Duell mit England. Es wird das Spiel seines Lebens, dem so viel Symbolik innewohnt wie einem überfrachteten Hollywood-Drama. Noch zwei Jahre zuvor kämpften beide Länder erbittert um die Falkland-Inseln und "wie ein neuer Krieg" sei deshalb dieses WM-Match, sagt Maradona aus dem Off.

Dann folgen die Szenen, die jeder Fußball-Fan auswendig kennt. Maradona erzielt in der 51. Minute den Führungstreffer mit der von ihm so bezeichneten "Hand Gottes", bevor er vier Minuten später zu jenem Sololauf ansetzt, der später offiziell zum "Tor des Jahrhunderts" gewählt wird. Ein Spiel und zwei Tore, die erklären, warum Maradona extremer geliebt und gehasst wird als jeder andere Fußballer: Er ist ein Künstler mit der Mentalität eines Straßenräubers.

Ein Jahr später führt er Neapel zur ersten Meisterschaft seiner Geschichte und wird dort endgültig zum Erlöser. Für zwei Monate verfällt die ganze Stadt in einen Ausnahmezustand. In den Straßen werden hellblaue Fahnen geschwenkt, junge und alte Menschen liegen sich in den Armen und singen "Oh Mama/ ich habe so Herzklopfen/denn ich habe Maradona gesehen", an einer Friedhofsmauer steht geschrieben: "Ihr habt was verpasst." Wer Maradona kritisiere, sagt ein Fan, der kritisiere Gott.

Wohl kein Mensch kommt bei derartiger Verehrung ungeschoren davon, und auch Maradona fällt es fortan immer schwerer, nicht den Verstand zu verlieren: Keinen Meter kann er sich in der Öffentlichkeit bewegen, ohne von seinen Anhängern oder Journalisten bedrängt zu werden. Frauengeschichten werden publik, einen unehelichen Sohn erkennt er nicht an. Maradona feiert jetzt Woche für Woche von Sonntagabend nach dem Spiel bis Mittwoch durch, er lässt sich von der Camorra mit Kokain und Prostituierten versorgen.

Der Fußballheld ist längst ein Drogenabhängiger, als er den SSC zum Uefa-Pokalsieg 1989 und einer weiteren Meisterschaft 1990 führt, und er will weg aus Neapel. Bei der WM 1990 trifft er mit Argentinien im Halbfinale auf das Gastgeberland Italien, und weil es sich hier um die Karriere des Diego Armando Maradona handelt, findet das Spiel natürlich im Stadio San Paolo in Neapel statt. Argentinien gewinnt im Elfmeterschießen.

Anschließend wird Maradona von ganz Italien gehasst. Als vor dem Finale gegen Deutschland das gesamte Olympiastadion von Rom die argentinische Hymne mit einem gellenden Pfeifkonzert belegt, das allein Maradona gilt, ist von seinen Lippen mehrfach ein deutliches "Hijos de puta!" ("Hurensöhne!") abzulesen.

"Sie nahmen ihm sein Leben"

Plötzlich werden auch seine Eskapaden, von denen seit Jahren jeder weiß, nicht mehr geduldet. Die Mafia will nichts mehr mit ihm zu tun haben und er wird wegen Drogenbesitzes zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Auch die Dopingkontrolleure haben ihn jetzt auf dem Kieker. 1991 wird er überführt und für ein Jahr gesperrt. Bei der Urteilsverkündung ist schon kein Verantwortlicher des SSC Neapel anwesend. "Sie nahmen ihm sein Leben", sagt sein Personal Trainer aus dem Off.

Dem Zuschauer steht zu diesem Zeitpunkt längst der Mund offen, denn "Diego Maradona" ist eine beinahe biblische Geschichte über Aufstieg und Fall eines Gottes in kurzen Hosen. Ein selbsternanntes "Mamasöhnchen", das vom Messias zum Judas wird und daran zerbricht.

Und so passiert etwas Ungewöhnliches: Nach weit über zwei Stunden will man immer noch mehr über Maradona wissen. Man will mehr über seinen Durchbruch wissen, als er im Alter von 16 Jahren die argentinische Liga schwindlig spielte. Man will mehr über seine Zeit in Barcelona wissen. Und über sein tragisches Leben nach Neapel. Das muss diese Magie sein, der zeit seines Lebens schon so viele erlegen sind. Der streitbare Mensch Maradona ist wie das unstrittige Fußballgenie Maradona: Man kann nicht aufhören, ihm zuzusehen. Herr Kapadia, bitte übernehmen Sie!

"Diego Maradona" läuft jetzt in den deutschen Kinos.