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Interview mit einer Organisatorin: In der Schweiz streiken heute Tausende Frauen – und das soll erst der Anfang sein

In der Schweiz legen heute tausende Frauen ihre Arbeit nieder, um für Gleichberechtigung zu demonstrieren. Die 26-Jährige Anna in Zürich gehört dazu und ist sich sicher, dass der Protest Einfluss auf die Wahlen haben wird.

Video: Frauenstreik in der Schweiz

Zürich ist an diesem Morgen lila. Aus den Fenstern hängen Flaggen, sie wehen von den Balkonen. Frauen tragen lila Kleidung oder Buttons mit dem Symbol der vergangenen Tage: der erhobenen Faust mit dem roten Daumennagel. Es gab schon ein gemeinsames Streikfrühstück von Aktivistinnen im Park und ein Künstler zieht eine Klitoris aus Gips durch die Straßen. Noch ist es ruhig – aber später wird es Konzerte geben, Kundgebungen, vielleicht sogar Straßensperren.

Das berichtet die 26-Jährige Anna, als NEON sie telefonisch erreicht. Die Projektleiterin in einer feministischen NGO ist eine von über 500 Frauen, die in Zürich Aktionen zum zweiten nationalen Frauenstreik organisiert haben; hunderttausende Teilnehmerinnen werden erwartet. "Heute sollen mal die Frauen im Vordergrund stehen“, sagt Anna. Männer könnten sich solidarisch zeigen, sollten aber eher im Hintergrund bleiben und organisieren – schließlich geht es heute mal nicht um sie. Anna hat von ihrem Arbeitgeber frei bekommen – viele Frauen mussten jedoch einen Tag Urlaub nehmen oder können erst am Nachmittag am Streik teilnehmen, einige machen kurze Streikpausen oder zeigen sich eben mit einem roten Daumennagel oder einem lila Kleidungsstück solidarisch.

"Wenn Frau will, steht alles still"

Es ist der zweite landesweite Streik dieser Art in der Geschichte der Schweiz: Vor 18 Jahren riefen Frauen zum ersten Mal dazu auf, ihre Arbeit ruhen zu lassen. Unter dem Motto "Wenn Frau will, steht alles still“ legten Arbeitnehmerinnen, aber auch Hausfrauen, bezahlte und unbezahlte Tätigkeiten einfach nieder. Zu diesem Zeitpunkt war die Gleichstellung in der Schweiz offiziell erst seit 10 Jahren in der Verfassung verankert, seit 20 Jahren konnten die Frauen des Landes offiziell an Wahlen teilnehmen. Ausgangspunkt war damals die Unzufriedenheit von Arbeiterinnen im Jura, die deutlich weniger verdienten als ihre Kollegen. Im Jahr 2019, fast 20 Jahre später, sei es eher eine Reihe von gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen, sagt Anna. "Es gab nicht diesen einen Moment, eher ein Gefühl von 'es reicht'.“ Auch die Debatte um #MeToo sei sicher ein Auslöser gewesen.

"Wir sind mit vielen Dingen später dran“, sagt die 26-Jährige heute. "Die Gesellschaft in der Schweiz ist immer noch klar patriarchalisch organisiert“. Frauen seien gesellschaftlich für die Familie zuständig, blieben oftmals zu Hause. Offizielle Zahlen belegen das: Nur 41 Prozent der Frauen in der Schweiz arbeiten Vollzeit, bei den Männern sind es 80 Prozent. In Deutschland machen die Frauen immerhin 50 Prozent aus. Da die Kinderbetreuung in der Schweiz teuer ist, entscheiden sich viele Familien für ein Modell mit einem Verdiener – meist bleibt dann die Frau zu Hause. Viele Frauen arbeiten zudem in sozialen Bereichen und verdienen weniger. Das Gender Pay Gap liegt aktuell bei 18,3 Prozent, von denen aber nur ein Teil durch die Ausbildung oder die Branche zu erklären sind. Die Folge: Frauen erhalten nur eine halb so hohe Rente wie Männer.

Familienarbeit ist Frauensache

Politisch verändern sich die Dinge nur langsam: Seit 1996 gibt es ein Gleichstellungsgesetz, um den Verfassungsartikel wirklich umzusetzen, und auch die Regeln gegen sexuelle Gewalt wurden verschärft. Doch wenn es um die Gründe geht, warum Frauen heute streiken sollten, kann Anna trotzdem unzählige aufzählen: Es gebe zu wenig Frauen in der Wirtschaft und der Politik, die Unterschiede zwischen den Gehältern seien eklatant, die Kinderbetreuung teuer. "Die aktuellen Gesetze zementieren die gesellschaftlichen Strukturen“, beklagt sie. Vätern steht nach der Geburt gerade mal ein freier Tag zu – einen bezahlten gesetzlichen Mutterschutz von 14 Wochen gibt es erst seit 2006.

Familienarbeit bleibt damit oft Frauensache. Eine Tatsache, die so auch oft noch in Schulen und Bildungseinrichtungen vermittelt werde, sagt Anna. Das erleben auch sie und ihre Freundinnen: "Mir fällt im Studium zum Beispiel auf, dass der Professor Frauen häufiger unterbricht oder auch ihre Meinung als nicht so wichtig abgetan wird“, sagt die 26-Jährige.

Frauen sind wieder politisch motiviert

Und auch das Thema Gewalt gegen Frauen macht sie wütend. "Sexuelle Belästigung wird oft verharmlost“, erzählt sie. "Das gehört eben dazu“, heißt es dann. Dabei zeigt eine aktuelle Studie von Amnesty International wie aktuell das Thema in der Schweiz ist: Fast 60 Prozent der Befragten gaben an, sexuell belästigt worden zu sein. Doch Anna ist zuversichtlich, dass sich mit dem Streik etwas verändert. Gewerkschaften und linke Organisationen haben zum Streik aufgerufen, andere Organisationen und Verbände haben sich angeschlossen.

Viele Frauen, die bisher nicht so politisch aktiv waren, hätten sich nun engagiert und auch Politiker und Parteien seien auf die Welle aufgesprungen. "Der Streik wird auf jeden Fall Auswirkungen auf die Wahlen im September haben“, sagt Anne. Und die werden positiv für die Frauen sein, da ist sie sich sicher. Außerdem soll es nicht wieder fast 20 Jahre bis zum nächsten Streik dauern – schon im nächsten Jahr am 14. Juni sind wieder Aktionen geplant. "Lieb bitten hat uns noch nie weitergebracht – es ist Zeit für Streik.“

NEON auf dem Weltfrauentag in Berlin