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Maha Vajiralongkorn: Majestätsbeleidigung: Der Tag, an dem ich es mit dem Thai-König aufnahm

Eigentlich war unsere Autorin nur ein kleines Rad in einer großen Zeitungsmaschine. Doch dann geriet sie durch eine Verkettung unglücklicher Umstände an Maha Vajiralongkorn – den König von Thailand. Warum sie vermutlich NICHT ins Arbeitslager kommt und dem Land trotzdem lieber erstmal fernbleibt.

Maha Vajiralongkorn

Seit Oktober 2016 ist Maha Vajiralongkorn der König von Thailand

Picture Alliance

Ich liege bäuchlings auf dem Flokati meiner Mitbewohnerin und habe Schnappatmung. Mein Handy liegt neben mir auf dem Boden. Eben noch war mein Chef dran und begrüßte mich mit den Worten: "Du, Jule, tut mir total leid, dass ich dich an deinem freien Tag stören muss, aber es sieht ganz so aus, als wäre wegen deiner Berichterstattung eine Frau in verhaftet worden." Und jetzt hyperventiliere ich. "Vielleicht musst du ja ins Arbeitslager", sagt meine Mitbewohnerin. Witzig.

Es ist Sommer 2016 und ich arbeite in der Bildrecherche einer großen Tageszeitung. Klingt aufregend, aber ich bin vor allem ein sehr kleines Rädchen in einer sehr großen Maschine. Vor ein paar Tagen haben wir Bilder zugespielt bekommen. Darauf zu sehen ist der damals zukünftige König von Thailand, , am Münchner Flughafen. Mit seiner Mätresse. Und einem Pudel. Er trägt ein Tanktop, bauchfrei versteht sich, Tattoos auf dem ganzen Körper und Wandersandalen. Ah, und der kleine Aufbügelengel auf der Arschtasche sollte vielleicht auch noch erwähnt werden.

Ich habe die Bilder verifiziert, habe mit dem Fotografen gesprochen, mit anderen Menschen, die zum gleichen Zeitpunkt am Flughafen waren. Alles easy. Die Zeitung veröffentlicht die Fotos, sowohl im gedruckten Blatt, als auch online. Sie verkaufen sich gut, alle sind happy, fertig ist die Laube – würde man meinen.

Doch dann teilt ein Brite die Bilder auf seinem Twitter-Account: Andrew MacGregor Marshall ist mit einer Thailänderin verheiratet und bekanntermaßen scharfer Kritiker des Regimes. Seit 2011 darf er nicht mehr ins Land einreisen. Unglücklich: Zu diesem Zeitpunkt befindet sich MacGregor Marshalls Ehefrau in Bangkok – und wird festgenommen. (Kurz zum Durchatmen: Nach einer Befragung zu den Social-Media-Aktivitäten ihres Mannes wurde sie dann auch wieder freigelassen.)

Irgendwie steht auf einmal mein Wort gegen das des thailändischen Geheimdienstchefs

Dann wird es richtig verrückt: Der Chef des "Central Investigation Bureau" der thailändischen Polizei wirft MacGregor Marshall gegenüber Nachrichtenagenturen vor, die Bilder manipuliert zu haben. Der Journalist wirft die Hände in die Luft und verweist auf die deutsche Zeitung, die den Artikel veröffentlicht hat. Die deutsche Zeitung verweist auf das Unterhaltungs-Ressort, das das Thema vorgeschlagen hatte. Das Unterhaltungsressort wiederum verweist auf die Bildrecherche und die verweisen auf mich. Und ich? Ich habe niemanden, auf den ich verweisen kann. Nope. Da gibt’s nur mich und meine Recherche. Ich bin das Ende der Schlange und irgendwie steht irgendwo im Universum auf einmal mein Wort gegen das des thailändischen Geheimdienstchefs.

Womit wir wieder auf meinem Flokati wären. Wusstet ihr, dass auf in Thailand bis zu 15 Jahre Haft stehen? Jep. 15 Jahre. Vor meinem inneren Auge sehe ich mich schon im Schweiße meines Angesichts Felder umpflügen. Dank einer blühenden Fantasie trage ich dabei natürlich auch eine Kugel um den Fuß – was sonst? Die wissen BESTIMMT, wer ich bin, denke ich bei mir. Das kann mir doch keiner erzählen, dass der thailändische GEHEIMDIENST meinen Namen nicht herausbekommt. (Spätestens nach diesem Artikel ist das ja dann eh gegessen. Also, nochmal in aller Form: Moin, ich bin Jule.) Zur Beruhigung rufe ich meine Mutter an. "Mama", sage ich, "was, wenn die gleich vor meiner Tür stehen?" "Ach Schatz", antwortet sie, "wenn, dann stehen sie um die Ecke. Das ist viel unauffälliger." Ah ja, noch so ein Witzbold.

Ich reise lieber erstmal nicht mehr nach Thailand

Besteht die Möglichkeit, dass ich etwas überdramatisch reagiert habe? Naja, also ... ja. Aber waren dies die ersten Bilder des zukünftigen KÖNIGS VON THAILAND in einer solchen Aufmachung? JAHA! Sonst wurde der immer und überall nur in einer perfekt sitzenden Uniform gezeigt und auf einmal hängt ihm die Jeans auf halb acht. Ich bitte euch, das kann der Regierung nicht besonders gut gefallen haben. Und bei der Majestätsbeleidigung verstehen die Thais tatsächlich keinen Spaß. Da wurde vor ein paar Jahren mal einer verhaftet, weil er den HUND des Königs beleidigt hatte. Und jetzt erzähl mir nochmal einer, ich würde übertreiben.

Inzwischen ist glücklicherweise Gras über die Sache gewachsen. Ein paar Wochen später tauchten weitere Bilder des Thai-Royals in ähnlicher Kluft auf und auch wenn die Regierung eine Zeit lang noch versuchte, mäßig gut retuschierte "Gegenbeweise" zu veröffentlichen, war irgendwann klar: Auch ein Mann wie Maha Vajiralongkorn trägt manchmal bauchfrei.

Und trotzdem warte ich lieber noch ein paar Jahre, bevor ich wieder nach Thailand reise. Man weiß ja nie.

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