HOME
Interview

Menschenrechte werden 70: Alles gut zum Geburtstag!? Warum du über deine Menschenrechte nachdenken solltest

Seit 70 Jahren gibt es die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. NEON hat nachgefragt, warum das nicht nur erfreulich, sondern auch für dich immer noch wichtig ist.

Menschenrechte 70 Jahre Geburtstag

Die Allgemeine Erklärung der Menschenrecht feiert ihren 70. Geburtstag: Ein Grund zum Feiern und Grübeln gleichermaßen

Getty Images

Freiheit, Gleichheit, Verbot von Diskriminierung, Schutz der Privatsphäre – kennst du eigentlich deine (Menschen-)Rechte? "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren", so steht es in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (kurz AEMR), die die Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 verabschiedet haben. Nur wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges einigten sich die damals 56 Staaten auf 30 Artikel zum Schutz aller Bürger. Seitdem ist dieser Tag der "Internationaler Tag der Menschenrechte". Auch wenn die UN-Menschenrechtscharta nur eine Empfehlung ist, wurde sie zum Vorbild für viele rechtsverbindliche Dokumente, wie die Genfer Flüchtlingskonvention.

Die AEMR sind die Arbeitsgrundlage vieler Non-Profit Organisationen (NGOs), die sich dem Schutz dieser Rechte verschrieben haben – zum Beispiel "Amnesty International". Dort hat man zum Geburtstag eine Kampagne gestartet: Unter anderem setzen sich MTV-Moderatorin Wana Limar und Rapper Samy Deluxe gegen Diskriminierung und für Asylrecht ein. Aber was haben diese alten Rechte eigentlich mit uns zu tun? Lea Fried war drei Jahre Sprecherin der Amnesty-Jugend und erzählt im NEON-Interview, warum das Thema aktueller ist denn je.


Lea, du bist 18 Jahre alt. Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte gibt es seit 70 Jahren, also schon ein ganzes Stück länger. Was hat deine und meine Generation mit den Menschenrechten zu tun? 
Menschenrechte sind für alle Menschen gültig und damit gelten sie auch für dich. Genau deshalb sind sie auch so wichtig: Von unserer Geburt an stehen jedem diese Rechte zu. Vollkommen unabhängig davon, woher man kommt und was man macht. In Deutschland nehmen wir unsere Rechte oft gar nicht mehr so deutlich wahr, weil sie normal zu seien scheinen. Das beste Beispiel ist aber unser Grundgesetz: Artikel wie die Würde des Menschen, die Meinungsfreiheit und die Religionsfreiheit beruhen auf den Menschenrechten.
 

Warum ist es wichtig, an die Menschenrechte zu erinnern?
Seit Einführung der Menschenrechte hat sich auf der Welt viel verändert. Daher ist es wichtig, sich auf das zu besinnen, was man beschlossen hat und die Menschenrechte im heutigen Kontext zu betrachten. Wir denken oft, dass in Deutschland alles sehr gut läuft. Und das stimmt sicher, im Vergleich zu vielen anderen Ländern. Aber auch wir müssen auf unsere Menschenrechte achten. Zum Beispiel beim Thema Privatsphäre: Man möchte ja auch nicht, dass sein Sitznachbar einem über die Schulter schaut, wenn man eine Nachricht bei WhatsApp schreibt. Aber genau das machen viele große Konzerne und Firmen oder sogar der Staat. Ein Beispiel ist das neue Polizeigesetz in Bayern, welches der Polizei ermöglicht, Telefonate ohne konkreten Verdacht abzuhören.

Wie ist es denn generell um die Menschenrechte bestellt?
Die Menschenrechte haben einen großen Stellenwert in vielen Ländern. Aber gerade in den letzten Jahren hat sich dies im Zuge der Globalisierung verändert. Es sind viele neue Aspekte hinzugekommen, die vor 70 Jahren noch gar keine Rolle gespielt haben, wie zum Beispiel die Digitalisierung. Heutzutage werden die Menschenrechte immer wieder angegriffen und in Frage gestellt: Zum Beispiel nach den Anschlägen am 11. September. Damals wurde im US-amerikanischen Gefängnis Guantanamo wieder Folter eingesetzt, um Informationen zu den Anschlägen von Verdächtigen zu bekommen. In der Türkei wurden nach dem vermeintlichen Putschversuch Menschen verhaftet, weil sie ihre Meinungsfreiheit in Anspruch nehmen wollten.

Allgemeine Erklärung der Menschenrechte 70 Jahre

Die Non-Profit Organisation "Amnesty International" macht mit einer Kampagne auf den Geburtstag der Menschenrechte aufmerksam

Was kann ich konkret tun, um meine Menschenrechte einzufordern?
Das Wichtigste, um seine Rechte einzufordern ist, seine Rechte zu kennen und sich damit zu beschäftigen. Was sind die 30 Artikel und warum wurden sie aufgestellt? Dann merkt man auch, wenn die eigenen Rechte verletzt werden und kann sich dagegen stark machen. In Deutschland können wir bei Ungerechtigkeiten vor Gericht ziehen und klagen. In anderen Ländern ist das nicht so leicht. Dafür gibt es dann den Internationalen Menschengerichtshof.

Und wie kann ich die Menschenrechte von anderen schützen?
Man kann sich zum Beispiel durch Petitionen oder Öffentlichkeitsarbeit für andere Menschen und ihre Rechte einsetzen. Wichtig ist auch hier, auf die Menschenrechte aufmerksam zu machen und darauf, dass sie in vielen Ländern immer noch verletzt werden.

Die Menschenrechte sind quasi die Arbeitsgrundlage für "Amnesty International". Wie sieht eure Arbeit damit konkret aus?
Amnesty International macht ganz viel Recherche- und Öffentlichkeitsarbeit. In den unterschiedlichen Ländern schauen sich sogenannte Researcher die Lage der Menschen an und berichten darüber. Diese Ergebnisse werden dann einmal jährlich im Amnesty-Report veröffentlicht. Zudem setzten wir uns für konkrete Fälle ein, wenn Menschen von Verletzungen ihrer Rechte betroffen sind und üben damit Druck auf die Regierungen aus.

"Amnesty International" hat eine große Kampagne zum Geburtstag der Menschenrechte gestartet. Wen wollt ihr damit erreichen?
Wir wollten damit die Menschen erreichen, die sich vielleicht noch nicht so intensiv mit dem Thema befasst haben. Sie sollen sehen, dass es Menschenrechte gibt, die sie konkret betreffen. Wir haben zum Beispiel Plakate mit einen glücklichen und einem etwas deprimierten Smiley aufgestellt, um zu zeigen, dass die Menschenrechte eben doch immer noch angegriffen werden und nicht für alle gelten. Auch die Zusammenarbeit mit Musiker Samy Deluxe oder Moderatorin Wana Limar sorgt für mehr Aufmerksamkeit.

Wie sollte es denn für die Menschenrechte weitergehen?
Was ich mir wünschen würde ist, dass ganz viele Staaten sich noch wesentlich mehr auf ihre Verantwortung besinnen und die Menschenrechte in ihren Gesetzen verankern. Ganz wichtig ist außerdem, dass die Menschen selbst sich ihrer Rechte bewusst werden und sehen, dass sie eben nicht abstrakt sind. Besonders in der Bildung steckt dabei noch viel Potential: Schon in der Schule sollte viel mehr über Menschenrechte gesprochen werden.