HOME
Aus der Community

Getötete Reality-Show-Teilnehmerin: Abschiedsbrief an Sarah Heinrich: "Es tut mir leid, dass du so ein schweres Leben hattest"

"Du wurdest schikaniert – und wir alle haben gelacht. Liebe Sarah, es tut mir unfassbar leid, dass du so ein schweres Leben hattest." Unsere Community-Autorin war Mitschülerin der 2016 getöteten Sarah Heinrich – und will sich nun mit einem Brief von ihr verabschieden.

Von NEON-Community-Mitglied Alexandra Fritz

Abschiedsbrief an Sarah Heinrichs

Mit ihrem Brief möchte unsere Community-Autorin für eine letzte Würde Sarah Heinrichs sorgen  (Symbolbild)

Getty Images

Auch ich habe gelacht, wenn du in deinem "Einfach-so-sein" lustiger warst, als die anstehende Physikstunde es werden konnte. Zwischen den Unterrichtseinheiten. Im Flur. Auf dem Pausenhof. Vor der Toilette. 

Die Nachricht über deinen Tod erschrak mich sehr. Ich erinnere mich, wie schwer du es in der Klasse hattest. Es war in der Zeit, als wir 13 bis 16 Jahre alt waren. Du kamst von einer anderen Schule. Einer Realschule. Wolltest neu anfangen. Anfangs warst du nur befremdlich. Man konnte dir ansehen, dass du in deiner eigenen Welt lebtest. Später wurde es immer schlimmer, weil sich immer mehr gegen dich verschworen haben. Deine Eigenart eckte so sehr an, obwohl sie überhaupt nichts Schädliches oder Boshaftes hatte. Du warst ein lieber, freundlicher Mensch.

Vielleicht hattest du etwas Autistisches, was aber niemals als wertvoll oder tolerierbar thematisiert wurde. Auch ich maße mir mit dieser Vermutung etwas an, was dir möglicherweise nicht gerecht wird. So wie es die Journalisten tun, die dich als unvorsichtig, dumm oder gar geistig behindert in ihren Artikeln deklarierten. Die Lehrer haben zugesehen, statt zu schlichten, aufzuklären und dich zu integrieren. Haben uns nicht zu Mitgefühl angehalten. Vielleicht konnten auch sie es nicht besser. Die Hauptschule kann zu einer schwer handhabbaren Angelegenheit werden. Deine Eltern waren schon älter, konnten nicht verstehen, was in der Schule passiert.

"Wir sind die Blöden. Und damit hattest du recht."

Ich erinnere mich an die Szene, als Mitschüler dir die Krücken weggenommen haben und du auf dem kaputten Fuß durchs Schulhaus Richtung Ausgang gerannt bist. An den Horror in der Umkleidekabine vor dem Sportunterricht, wenn sie dir die Brille, das Oberteil oder die Schuhe versteckten. Oder daran, wie Mitschüler es lustig fanden, dir Pfennige vor die Füße zu schmeißen, weil du wie wahnsinnig auf den Boden gestürzt bist und sie eingesammelt hast. Immer und immer wieder hast du dich auf das Geld gestürzt, denn in deiner Logik hast du nicht erkannt, dass du genau dadurch alle angefeuert hast. Einmal sagtest du, dass wir, die wir das Geld wegschmeißen, ja wohl die Blöden sind. Und damit hattest du Recht.

Du warst kein dummes Mädchen. Dein Potential konnte nur nicht gefördert werden. Nur die wenigsten schaffen das komplett aus sich selbst heraus. Wir brauchen Zuspruch und Anstoß von außen. Du hast Geschichten erfunden. Deinen Barbies Charaktere gegeben. Extrem kreative Fan-Fiction verfasst. Das alles hast du im Unterricht in dein Notizbuch geschrieben. Einmal durfte ich reinsehen. Dein Hobby wurde zu deiner Welt. Anekdoten über unsere Lehrer standen in dem Buch. Eigentlich war das sogar ziemlich witzig.

"Wir gafften dich an, weil wir uns schon an deiner Art, uns anzuschauen aufhängen konnten"

Deine Begeisterung für die Barbies ist insgeheim sogar einmal auf mich übergesprungen. Ein Mädchen aus der Parallelklasse, die dich auch kannte, sammelte ebenso Barbies. Als ich bei ihr zuhause war, sah ich einige der Puppen in einem Gestell auf der Fensterbank stehen. Sie erzählte mir, dass du viel mehr hast. Zuhause kramte ich meine alten Puppen aus dem Speicher hervor, setzte mich ins Wohnzimmer, kleidete sie neu ein und kämmte ihnen die Haare. Die Terrassentür stand offen und der ältere Nachbarsjunge schaute hinein und sah mich. Sofort begann ich mich zu schämen, weil ich doch ... weil WIR doch eigentlich schon viel zu alt für Barbies waren.

Du warst still und zurückhaltend. Hast nur auf uns reagiert. Im Unterricht gafften wir dich an, weil wir uns schon an deiner Art, uns anzuschauen aufhängen konnten. Daran, dass du uns mit deinem starren Blick zu ignorieren versuchtest. Daran, wie du mit unserem Lachen über dich zu kämpfen hattest, wenn der Lehrer sich der Tafel zuwandte.

"Wenn du nicht gewesen wärst, wäre ich dann vielleicht ihr Opfer gewesen?"

Die Hauptschule war nicht der richtige Ort für dich. Das und unser Drang zum Fantasieren und Schreiben hatten wir gemeinsam. Genau wie du, habe ich auch Schmerz und Einsamkeit kennengelernt. Zu uns musstest du wechseln, weil du auch in der Realschule bis ans Limit ausgegrenzt wurdest.

Einmal ging ich zu unserer Klassenlehrerin und erzählte ihr, dass wieder alle sich auf dich gestürzt haben. Sie schüttelte bloß den Kopf und meinte zu mir "Du, mit deinem sozialen Tick". Das war kein Heldenakt. Dafür war es zu wenig. Wir wurden für ein paar Jahre durch dasselbe schulische Umfeld geprägt. Weder waren wir die Schmink- und Klamotten-Mädels noch die, die abends schon mit dem Trinken angefangen haben. Wenn sie sich nicht auf dich gestürzt hätten, wäre ich dann vielleicht ihr Opfer gewesen? In der Zeit als du da warst, bin ich ruhiger geworden.

"Damals warst du still"

Früher warst du ziemlich dünn. Wenn wir im Flur auf den Lehrer warteten, standest du immer mit geballten Fäusten da. Auch beim Gehen hattest du meist beide Hände zu Fäusten geschlossen. Heute glaube ich, deine Wut darin zu erkennen.

Jahre später habe ich dich einmal am Bahnhof stehen sehen und sprach dich an. Du ignoriertest mich und hast keine Antwort gegeben. Wie auch schon früher in der Schule, wenn dich einer anpöbelte, gingst du schnellen Schrittes auf die andere Straßenseite, ein paar Meter weiter weg. Dort hast du dann wie erstarrt gestanden.

Damals warst du still. Dass du dich 2011 ans Fernsehen gewandt hast, wundert mich bis heute. Denn auch dort wurdest du zum Gespött der Gesellschaft. Vielleicht warst du so viel alleine, dass du es einfach nicht gelernt hast, Menschen einzuschätzen. Wie soll man das auch lernen, wenn man immer ausgegrenzt wird? Vermutlich hast du einen Ausbruch aus deiner Welt gebraucht. Dann hast du dich mit Hilfe einer interessierten Journalistin, die dich ernst nahm, sehr reflektiert mit deiner Lage auseinander gesetzt. Hast öffentlich über die Sendung gesprochen, sie kritisiert und eine Diskussion über die Machenschaften von Sat 1 und Co. angeregt.

"Deine seelischen Schmerzen scheinen mir heute unermesslich groß"

Du hattest deine Mutter verloren und dein Vater musste ins Seniorenheim. Du warst viel allein zu Hause, wurdest nur ab und zu betreut. Dann lerntest du einen immer kränker werdenden, rechtsgesinnten Mann im Internet kennen. Er teilte dein Interesse für esoterische Themen und Verschwörungstheorien. Vielleicht liebte er dich sogar, sah in Dir eine Partnerin, nahm dich als Frau wahr. In seinem Wahn folterte er dich aber auch. Nahm dir schließlich sogar das Leben.

"Liebe Sarah, ich hoffe, du hast deinen Frieden gefunden"

Du warst in meiner Freundesliste. Ich habe gesehen, was du geteilt hast. Kontakt hatten wir jedoch nie, nie haben wir persönlich geschrieben. Dann hast du mich irgendwann gelöscht. Du hattest zahlreiche "Fans", Leute die dir wegen deiner Fernsehauftritte folgten. Als du mich dann gelöscht hast, wolltest du vielleicht bloß aufräumen. So wie wir alle das heute in den sozialen Netzwerken eben machen.

Es tut mir so unfassbar leid für dich, dass du so ein schweres Leben ertragen musstest. Noch immer habe ich ein schlechtes Gewissen bei dem Gedanken an die Schulzeit. Ich kenne die Einsamkeit und ich kenne die Ablehnung. Liebe Sarah, ich hoffe, du hast deinen Frieden gefunden. Ich hoffe, dass du nicht schlimm leiden musstest, als es geschah. Ich hoffe, dass Lehrer, Mitschüler und Nachbarn jetzt mit Mitgefühl an dich denken.


Sarah Heinrichs Gedenkenseite findet du hier


Ihr wollt, dass euer Text auch bei NEON.de erscheint? Dann schickt ihn an community@neon.de oder postet ihn direkt in der NEON-Community.

Keaton Jones
gho
Themen in diesem Artikel