Politik Japan und das Atom

Politik: Japan und das Atom

In der neuen Ausgabe von NEON findet ihr einen Artikel, in dem meine Kollegin Nora und ich Antworten auf die wichtigsten Fragen zu dem Atomunfall in Fukushima vor drei Jahren zusammengetragen haben. Die Recherche hat uns noch einmal vor Augen geführt, wie entsetzlich die Katastrophe gewesen ist – und wie tragisch es ist, dass ausgerechnet Japan, das einzige Land, das je mit Atombomben angegriffen wurde, noch einmal ein atomares Trauma erleben musste. Wie das Verhältnis der Japaner zur Atomenergie sich über die Zeit gewandelt hat, und wie es sich in ihrer Popkultur manifestiert hat, darüber haben wir mit der Japanologin Steffi Richter von der Uni Leipzig gesprochen.

Stimmt es eigentlich, dass Godzilla ein Film über die japanische Erfahrung mit der Atombombe ist?

Ja, das ist richtig. Also, der allererste von den zahlreichen Godzilla-Filmen jedenfalls positioniert sich deutlich gegen Atomkraft. Diesen Film gibt es übrigens in zwei Versionen: einer amerikanischen und einer japanischen. In der amerikanischen Version endet der Film mit einem hoffnungsvollen Ausblick, da kann die Welt aufatmen. In der japanischen heißt es dagegen: »Wenn wir in maßloser Vermessenheit fortfahren, die Atomkraft zu missbrauchen, kann es sein, dass Schlimmeres geweckt wird.« Der Film soll also eine Warnung an die Menschheit vor der Atomenergie sein – er stellt die Frage, ob wir diese Gewalt als Menschen beherrschen können.

Wie geht denn das zusammen? Die Japaner machen mit Hiroshima und Nagasaki Horrorerfahrungen mit Atombomben. In einem total populären Film wird vor der Atomenergie gewarnt. Und dann baut dieses Land trotzdem Kernkraftwerke.

Das ist eine komplizierte Frage. Da muss man in die Geschichte reingehen. Zwischen den Bomben von 1945 und dem Bau des ersten Kernkraftwerks in Japan in den Sechzigern ist zunächst ja schon einmal eine gewisse Zeit vergangen. Diese Zeit war entscheidend. Japan war von den alliierten Streitkräften, vor allem den USA besetzt gewesen. In dieser Zeit gab es auf der ganzen Welt die Diskussion über das »gute« gegen das »böse« Atom – es ging also darum, dass Kernkraft nicht nur Bomben, sondern eben auch Energie bedeuten kann. Durch Populärkultur, Ausstellungen, auch durch Zensur in Japan selbst hat man da versucht, die öffentliche Meinung zu beeinflussen. In Japan hieß es denn auch: Gerade wir sind zur friedlichen Nutzung berechtigt. Wir sind die Opfer, und wir wollen jetzt eine frohe Zukunft.

Gab es in Japan denn keine Auseinandersetzungen dazu?

Doch, und wie! Es gab eine Friedensbewegung, eine Anti-Atomkraft-Bewegung. 1954, in dem Jahr also, in dem auch Godzilla erschien, wurden auf dem Bikini-Atoll Wasserstoffbombentests durchgeführt, dabei wurde ein japanisches Fischerboot verstrahlt. Die Besatzung ist über kurz oder lang an der Strahlung gestorben. Das hat zu großem Aufruhr geführt. Konservative Kräfte haben dann aber gemeinsam mit den Amerikanern daran gearbeitet, die Stimmung umzudrehen.

Mit was für Argumenten?

Man hat gesagt, dass wir Menschen technisch dazu in der Lage seien, diese immense Kraft zu friedlichen Zwecken zu nutzen. Das war übrigens auch in den sozialistischen Ländern so: dass man gesagt hat, mit Kernkraft können wir die Menschheit weiterbringen. In Japan hat man diese Position in Romanen, Filmen und Propaganda gefördert. Kritiker wurden als Anti-Amerikaner, als Kommunisten und Fortschrittsfeinde marginalisiert.

Zugleich gab es doch aber weiter Popkultur, die sehr kritisch mit der Kernkraft umgeht.

In den Siebzigern erschien zum Beispiel das immens beliebte Manga »Barfuß durch Hiroshima«, die das Überleben eines Jungen nach dem Atombomben-Abwurf erzählt. Allerdings ist dieses Manga wohl nur im Westen als reine Atombombenkritik gelesen worden. In Japan war das Manga vielschichtiger. Es war zwar eine humanistische Position gegen den Atomkrieg, aber es war auch einfach ein sehr gut gemachtes, total spannendes Manga für Jungs.

Gibt es denn auch Manga, die Pro-Atomenergie sind?

Solche Manga gibt es durchaus, aber sie werden vermutlich nicht so sehr unter dem Aspekt »böses Atom« gelesen. Sie plätschern so dahin, ohne groß politisch zu wirken – Hauptsache Action.

Wenn ich Sie richtig verstehe, kann man das aber doch so zusammenfassen: Es hat in Japan in der Populärkultur immer wieder sehr kritische Auseinandersetzung mit der Atomenergie, mit der Atombombe gegeben.

Das ist ein wenig zu optimistisch… Besser: Das Thema Atom (als Bombe und als Kraftwerk) ist durchaus präsent gewesen, inwieweit sich kritisch damit auseinandergesetzt wurde ist eine andere (und noch zu erforschende) Frage.

Gibt es heute in Japan eigentlich eine nennenswerte Bewegung gegen Atomkraft?

Ja. Die Bewegung war nie sehr groß, aber selbstständig und selbst finanziert hat es Widerstand und Kritik in Japan sehr wohl immer gegeben. Diese Bewegung ist durch die Atomlobby immer wieder angegriffen und drangsaliert worden. Und natürlich stimmt es, dass sich keine grüne Partei herausgebildet hat, wie bei uns in Deutschland. Die Grünen haben die Atomkraft hier ja auch immer wieder zum Thema öffentlicher Debatten gemacht. In Japan sind die Proteste meist lokal verhaftet geblieben.

Wie sehen die aus?

In Japan gibt es genau wie bei uns in der Nähe der AKWs sehr gespaltene Bevölkerungen. Auf der einen Seite die Profiteure – solche Gemeinden werden in Japan wie in Deutschland mit sehr viel Geld sozusagen ruhiggestellt ­ und auf der anderen lokale Aktivisten, die Angst vor der Strahlung haben, Bauern, Fischer, Umweltaktivisten.

Ist es denn richtig, dass die Japaner im Allgemeinen kein Problem mit Kernkraft haben?

Die Aussage hat bis zur Katastrophe in Fukushima gestimmt. Seit dem Desaster sind etwa siebzig Prozent gegen Atomkraft. Diese Menschen wollen auch mehr oder weniger schnell den Ausstieg. Diese siebzig Prozent sind trotz der Siege der derzeitigen Regierung, die wieder für Atomenergie Stimmung macht, ziemlich konstant geblieben. In der Regierungspartei gibt es übrigens durchaus auch Kräfte, die nicht an die Zukunft der Atomenergie glauben. Genauso in der Wirtschaft. Es ist nicht so, dass die japanische Elite total überzeugt ist von der Zukunft der Kernenergie. Manche haben auch Sorge, dass der neue, »grüne« Kapitalismus, mit Windrädern und Solarzellen, in Japan verpasst werden könnte.

Seit dem Tsunami vom März 2011 sind in Japan ja alle Kernkraftwerke abgestellt. Merken die Japaner nicht gerade, dass es auch ohne Kernkraft geht?

Bestimmt. Daher kommen ja auch diese siebzig Prozent. Aber es gibt glaube ich, dieses Thema betreffend, auch eine große Müdigkeit in Japan. Die Leute haben keine Lust, sich ständig mit diesem düsteren Thema auseinanderzusetzen. Sie wollen nicht jeden Tag mit dem Geigerzähler über den Markt gehen, sie wollen nicht ständig darüber nachdenken, dass sie zwischen lauter Kraftwerken auf einer erdbebenbedrohten Insel leben.


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