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Politik: Sozialhilfe – Ordnung war gestern

Im Chaos leben, allein ins Kino gehen, am Wochenende rumgammeln: Total okay, meint unsere Autorin. Warum denken alle, sich für ihren Lebensstil rechtfertigen zu müssen?

Die Norm: Statt allein im Restaurant zu sitzen, kochen viele Menschen lieber zuhause

Die Norm: Statt allein im Restaurant zu sitzen, kochen viele Menschen lieber zuhause

Text: Vivian Pasquet | Illustration: Frank Höhne

Meine Oma sagte einmal, im Krieg sei Ordnung überlebenswichtig gewesen. Wenn die Luftangriffe kamen, hätte sie wissen müssen, wo Verbandzeug, Decken und Kerzen sind.
Ich bin ein Kind des Friedens.

In meinem Zimmer liegen die Kleider auf dem Boden, neben Zeitungsstapeln und einem Schachbrett. Die Post stapelt sich auf dem Schreibtisch, darauf ein Kokosnusstrinkbecher, der Laptop. Ich habe überlegt, ob man das einfach so schreiben kann. Man wird ja leicht verurteilt. Messie, verwahrlost, dreckig.

Ungeschriebene Gesetze

Obwohl nirgendwo festgelegt ist, dass Socken in Schubladen verbannt, Hosen zwischen Regalbretter gequetscht oder Hemden auf Kleiderbügel aufgespießt gehören, sind wir umzingelt von Stauraum: Kommoden, Schränke, Aufbewahrungssysteme in allen Größen und Formen. Und niemand käme auf die Idee, sich zu rechtfertigen, weil es bei ihm zwanghaft ordentlich ist.

Neulich übernachtete ich bei einer Bekannten. Der Teppich war perfekt gesaugt, die Kanten ihrer Bettdecke wie mit dem Lineal gezogen. Ich sollte auf der Couch übernachten und hatte Angst, auf das schneeweiße Kissen zu sabbern. Ein beklemmendes Gefühl. Entschuldigt hat sie sich nicht dafür.

»Sorry, ist etwas unordentlich hier«, gehört inzwischen zu jedem guten Begrüßungssmalltalk dazu. Das Aufräumen-bevor-Besuch-kommt ist dabei nur eines der vielen ungeschriebenen Gesetze, die wir befolgen, um nach außen das Gesicht zu wahren. Meistens geht es bei diesen Regeln darum, nicht zu zeigen, wie man wirklich lebt, wer man tatsächlich ist oder was man gerne machen möchte. Jeder von uns folgt in irgendeiner Situation einem Gesetz, das seinem Wesen eigentlich gar nicht entspricht.

»Der nächste Schritt«

Ich habe einen Freund, der in einer WG wohnt und bei offiziellen Gesprächen immer von »seiner Wohnung«, anstatt von seinem Zimmer redet. Weil es ihm peinlich ist, den nächsten Schritt noch nicht gegangen zu sein. »Der nächste Schritt« ist ein guter Kumpel von »Sorry, ich habe nicht aufgeräumt«.

Leute gehen ihn zum Beispiel, wenn sie sagen, es sei jetzt endlich Zeit für »was Eigenes«. Ich habe nie verstanden, wieso es erwachsener sein soll, allein statt in einer WG zu wohnen – und wer diese unsichtbaren Altersgrenzen gezogen hat, die bestimmen, wann was zu tun ist.

Leute, die sich dafür schämen, den »nächsten Schritt« noch nicht gegangen zu sein, sind oft dieselben, die sich nicht wohl dabei fühlen, allein in einem Restaurant zu sitzen, ohne Begleitung ins Kino zu gehen oder eine »Bunte« auf das Band an der Supermarktkasse zu legen.

Der ständige Druck der Norm

In solchen Momenten trauen wir uns nicht, wir selbst zu sein, weil wir Angst haben, andere könnten uns verurteilen. Und so schauen wir uns zwar zu Hause allein einen Film an oder wir kochen, auch wenn niemand da ist, der mitisst. Doch sobald wir dieselben Dinge öffentlich tun, werten wir sie als Ausdruck unserer gesellschaftlichen Minderwertigkeit. Wie man heute zu leben hat, zeigen einem ja permanent die allermeisten Posts auf Facebook, Twitter, Instagram. Das setzt einen dann erst recht unter Druck, diese Norm zu erfüllen. Wer hat eigentlich festgelegt, woran man erkennt, ob jemand als einsam oder glücklich, nicht integer oder charakterstark gilt? Im Grunde genommen niemand – und zugleich wir alle. Weil es unsere tiefsten Urängste berührt, wenn andere denken, wir seien allein, unfähig oder zurückgeblieben.

Erst neulich saß ich mit einem neuen Bekannten an einer U-Bahn-Station. Ich hatte eben erklärt, dass ich keine Lust auf Disco hätte. Dann sagte ich auch noch, dass ich nicht mehr so der Partytyp sei und mir einen Garten wünsche, um dort Tomaten zu züchten. Schnell fügte ich hinzu: »Ziemlich spießig, ich weiß.« Der Bekannte sah mich irritiert an und fragte: »Wer sagt eigentlich, dass Tomaten züchten spießiger ist, als in die Disco zu gehen?« Er hatte recht. Wir sollten endlich nicht mehr vorgeben, so zu sein, wie »man« eben ist, sondern uns fragen, ob das noch unserem »Ich« entspricht. Denn das »man« ist meist die eigene Angst, und es lohnt sich, sich dieser zu stellen. Ich habe begonnen, nicht mehr aufzuräumen, bevor Besuch kommt. Es fühlt sich gut an.

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Vivian Pasquet, 31, ist eigentlich Ärztin und muss sich im Bekanntenkreis ständig dafür rechtfertigen, dass sie als Journalistin arbeitet, obwohl sie doch »etwas Richtiges« gelernt hat.

Dieser Text ist in der Ausgabe 01/16 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. NEON gibt es auch als eMagazine für iOS & Android. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.