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Afghanische Hauptstadt Kabul von Taliban umzingelt

Taliban-Kämpfer in Herat
Taliban-Kämpfer in Herat
© © 2021 AFP
Nach ihrem zehntägigen Eroberungsfeldzug durch Afghanistan stehen die radikalislamischen Taliban inzwischen vor den Toren Kabuls, international wird der baldiger Fall der Hauptstadt befürchtet.

Nach ihrem zehntägigen Eroberungsfeldzug durch Afghanistan stehen die radikalislamischen Taliban inzwischen vor den Toren Kabuls, international wird der baldiger Fall der Hauptstadt befürchtet. Angesichts des raschen Vorrückens der radikalislamischen Miliz sprach Präsident Aschraf Ghani am Samstag im Fernsehen seinen Landsleuten Mut zu. Ein weiteres Blutvergießen werde er nicht zulassen, sagte er. Die "Remobilisierung" der afghanischen Streitkräfte habe oberste Priorität.

Ghani äußerte sich erstmals seit Beginn der Taliban-Offensive in einer Rede an die Nation. "Ich werde nicht zulassen, dass der auferlegte Krieg gegen die Bevölkerung mehr Tote fordert", sagte er. Es seien "ernsthafte Schritte" zur Remobilisierung der Armee eingeleitet worden. Zudem liefen "Beratungen" mit politischen Verantwortungsträgern und internationalen Partnern, um Afghanistan "Frieden und Stabilität" zu sichern.

Genauere Angaben machte Ghani nicht. In einer später vom Präsidentenpalast veröffentlichten Mitteilung hieß es, die Regierung werde zeitnah eine verhandlungsfähige "Delegation" einsetzen. Auch hierzu wurden zunächst keine Details bekannt.

Die USA hatten der afghanischen Armee zuvor mangelnden Einsatzwillen vorgeworfen. Washington beobachte mit "großer Sorge", mit welcher Geschwindigkeit die Taliban ihre Kontrolle ausbauten sowie den "Mangel an Widerstand, mit dem sie konfrontiert sind", kritisierte Pentagon-Sprecher John Kirby.

In zahlreichen Provinzen hatten die afghanischen Regierungstruppen gegenüber den vorrückenden Taliban kaum oder gar keinen Widerstand geleistet. Nach dem Fall der zweit- und der drittgrößten Stadt des Landes ist Kabul de facto die letzte Bastion der Truppen Kabuls. Am Samstag eroberten die Taliban auch die wichtigen Städte Asadabad und Gardes.

In Online-Netzwerken waren zahlreiche Aufnahmen zu sehen, in denen Taliban-Kämpfer mit erbeutetem Kriegsmaterial posierten. Ihnen fielen demnach gepanzerte Fahrzeuge, schwere Waffen und andere hochwertige Ausrüstung in die Hände.

Angesichts der Lage bereiten die USA und andere westliche Staaten wie Deutschland und Großbritannien derzeit unter Hochdruck die Ausreise ihres zivilen Personals aus Kabul vor. Washington entsandte zur Absicherung der Ausreise tausende zusätzliche US-Soldaten nach Kabul, die nach Pentagon-Angaben das Ausfliegen tausender Menschen täglich gewährleisten sollen.

Am Samstag herrschte reger Helikopter-Verkehr zwischen dem Gelände der US-Botschaft in der hochgesicherten Grünen Zone von Kabul und dem internationalen Flughafen der Hauptstadt. Zuvor hatten die USA die Zerstörung sensiblen Materials in ihrer Kabuler Botschaft veranlasst.

Wie Bundesverteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) am Samstag erklärte, soll auch die Bundeswehr die Rückführung deutscher Staatsbürger und Ortskräfte nach Deutschland unterstützen. Diese sollten "schnellstmöglich" aus Afghanistan geholt werden.

Bewohner von Kabul reagierten angesichts der näherrückenden Taliban panisch. Vor Banken bildeten sich am Samstag lange Schlangen, einigen Filialen ging offenbar das Bargeld aus. Nach der Einnahme der Provinzhauptstadt Pul-i-Alam lagern die islamistischen Kämpfer nur noch rund 50 Kilometer von Kabul entfernt.

Zehntausende Menschen waren in den vergangenen Tagen aus anderen Landesteilen nach Kabul geflüchtet, um sich vor den Islamisten in Sicherheit zu bringen. "Ich weine Tag und Nacht", sagte die 35-jährige Muschda aus der Provinz Parwan der Nachrichtenagentur AFP. Sie habe mehrere Heiratsanträge abgelehnt, sagte die alleinstehende Frau. "Wenn die Taliban kommen und mich zum Heiraten zwingen, werde ich mich umbringen."

Die Taliban hatten während ihrer Herrschaft von 1996 bis 2001 eine strenge Auslegung des islamischen Rechts in Afghanistan eingeführt. Mädchen waren von Bildung, Frauen vom Arbeitsleben ausgeschlossen. Straftaten wurden mit öffentlichen Auspeitschungen oder Hinrichtungen geahndet. UN-Generalsekretär António Guterres sprach am Freitag von "entsetzlichen" Berichten über Menschenrechtsverletzungen in jenen Gebieten, die nun wieder von der Miliz kontrolliert werden.

In einem Appell am Samstag forderte die katarische Regierung die Taliban zu einem Waffenstillstand auf. Doha richtet die innerafghanischen Friedensgespräche aus, die seit Monaten nicht vorankommen.

AFP

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