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Deutschland muss sich auf lang anhaltende Rezession einrichten

Container am Westhafen in Berlin
Container am Westhafen in Berlin
© AFP
Deutschland muss sich wegen des Gaspreisschocks auf eine lang anhaltende Rezession einrichten. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) dürfte bereits im dritten Quartal leicht geschrumpft sein, im Winterhalbjahr sei ein deutlicher Rückgang zu erwarten, erklärten die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem Herbstgutachten. Die Inflation bleibt auf einem Rekordhoch. Der Arbeitsmarkt dürfte aber stabil bleiben.  

Die Institute rechnen in ihrem Herbstgutachten damit, dass die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr - wegen des guten ersten Halbjahrs - noch um insgesamt 1,4 Prozent wachsen wird. Im kommenden Jahr werde das BIP aber um 0,4 Prozent zurückgehen. Ausgehend von diesem niedrigen Niveau erwarten die Forscher 2024 wieder ein Wachstum von 1,9 Prozent.

Die stark gestiegenen Gaspreise erhöhten die Energiekosten "drastisch" und führten zu einem "massiven gesamtwirtschaftlichen Kaufkraftentzug", heißt es in dem am Donnerstag präsentierten Gutachten. Mittelfristig dürfte sich die Lage "etwas entspannen" - dennoch dürften die Gaspreise deutlich über Vorkrisenniveau liegen. "Dies bedeutet für Deutschland einen permanenten Wohlstandsverlust."

Die Inflation dürfte nach Einschätzung der Experten im kommenden Jahr die Marke von im Schnitt 8,8 Prozent erreichen - viele private Haushalte werden erst im kommenden Jahr die höheren Energierechnungen zahlen müssen. In diesem Jahr rechnen die Ökonomen mit 8,4 Prozent Teuerung. 2024 werde "allmählich wieder" die Marke von zwei Prozent erreicht.

Vom Arbeitsmarkt gehe eine "stabilisierende Wirkung" aus, heißt es im Gutachten weiter. Die Nachfrage nach neuen Arbeitskräften dürfte zwar angesichts der konjunkturellen Schwächephase zurückgehen. "Aufgrund des Personalmangels in vielen Branchen ist trotz der Wirtschaftskrise keine erhöhte Arbeitslosigkeit zu erwarten", sagte der Konjunkturchef des RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung, Torsten Schmidt.

Die Löhne werden demnach deutlich stärker steigen als in der Vergangenheit. 2024 würden die Erhöhungen deutlich über der Inflation liegen, so dass die Kaufkraft wieder "ausgeglichen" sei.

Auch die Unternehmen könnten die Energiepreisschocks "großteils" noch gut verkraften, sagte Schmidt. Sie hätten hohe Auftragsbestände, die Lieferengpässe gingen gleichzeitig zurück. Bislang könnten sie die gestiegenen Kosten an die Verbraucher weitergeben. Ausnahme sei die chemische Industrie. Auch die konsumnahen Dienstleistungen wie die Gastronomie würden den Kaufkraftentzug deutlich spüren. 

Die Berechnungen stellten die Forschungsinstitute für den Fall an, dass es im Winter keinen Gasmangel gibt. Sollte der Verbrauch dagegen nicht ausreichend sinken, müssten die Unternehmen ihre Produktion zusätzlich einschränken. Dann rechnen die Forscher mit einem Minus von 7,9 Prozent im kommenden Jahr - und von einem weiteren Minus um 4,2 Prozent 2024. Ein weiteres Risiko ist die Corona-Pandemie.  

Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) erklärte, mit ihrer Prognose von minus 0,4 Prozent für 2023 "dürften die Institute die Wucht und Dauer des Abschwungs unterschätzt haben". Auch die Inflation werde aller Voraussicht nach im kommenden Jahr weiter zulegen. Die Produzentenpreise seien bereits um mehr als ein Drittel gestiegen. "Dieser Effekt wird sich in den kommenden Monaten auch in den Verbraucherpreisen widerspiegeln."

Der Energiepreisschock "wird noch sehr lange nachwirken", heißt es im Gutachten. Oliver Holtemöller vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle wies auch auf eine positive Seite hin: Die Chance in der Krise liege darin, "dass neue Dinge schneller entwickelt werden", etwa Energiespartechnologien. 

Der Regierung empfahlen die Wirtschaftswissenschaftler, Unternehmen und private Haushalte gezielt zu unterstützen und nicht mit der Gießkanne. Verbraucherinnen und Verbraucher müssten in die Lage versetzt werden, ihre Strom- und Gasrechnung zu bezahlen, sagte Schmidt. Eine "massive Nachfragestimulierung" etwa durch eine Gaspreisbremse sei zu vermeiden.   

Beteiligt an der Frühjahrsprognose sind das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen (RWI), das Leibniz-Institut in Halle (IWH), das Münchner Ifo-Institut und das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel. Ihr Gutachten dient der Bundesregierung als Grundlage für ihre eigene Prognose.

AFP

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