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Entführung von nordamerikanischen Missionaren setzt Haitis Regierung unter Druck

In Port-au-Prince sind zahlreiche Banden aktiv
In Port-au-Prince sind zahlreiche Banden aktiv
© © 2021 AFP
Die Entführung von 17 nordamerikanischen Missionaren und ihren Kindern setzt die Regierung im krisengeschüttelten Haiti weiter unter Druck.

Die Entführung von 17 nordamerikanischen Missionaren und ihren Kindern setzt die Regierung im krisengeschüttelten Haiti weiter unter Druck. Während neue Details zu dem Fall an die Öffentlichkeit drangen, gab es von Regierung und Polizei bis Sonntag so gut wie keine Reaktion. Die hinter der Entführung stehende Bande betreibt in der von ihr kontrollierten Region schon seit Monaten ungehindert ihr kriminelles Geschäft.

Nach Angaben haitianischer Sicherheitsvertreter hatte die Bande 400 Mawozo die 17-köpfige Gruppe am Samstag in der Nähe der Hauptstadt Port-au-Prince in ihre Gewalt gebracht. Bei den Opfern handelt es sich um fünf Männer, sieben Frauen und fünf Kinder, wie deren christliche Organisation Christian Aid Ministries aus dem US-Bundesstaat Ohio mitteilte. 16 von ihnen haben demnach die US-Staatsbürgerschaft, einer ist Kanadier. Für einige sei es die erste Reise in den Karibikstaat gewesen.

Eines der Opfer setzte laut einem Bericht der US-Zeitung "Washington Post" einen verzweifelten Hilferuf über den Onlinedienst Whatsapp ab: "Wir werden als Geiseln gehalten, sie haben unseren Fahrer entführt. Wir wissen nicht, wohin sie uns bringen", hieß es in der Botschaft. "Bitte betet für uns!"

Während die Regierung schwieg, forderte eine haitianische Menschenrechtsbewegung öffentlich die sofortige Freilassung der Entführten. Der Leiter des Zentrums für die Analyse und Erforschung von Menschenrechten, Gédéon Jean, sprach von einem schweren Angriff auf die Menschenwürde der Betroffenen.

Jean warf der Polizei vor, den kriminellen Banden im Land tatenlos zuzusehen, die sich immer besser organisierten und mehr und mehr Gebiete um die Hauptstadt und in den Provinzstädten kontrollierten. Verantwortlich dafür sei vor allem die "Abwesenheit eines starken Staats". Die Polizei wollte sich zu den Vorwürfen auf Anfrage der Nachrichtenagentur AFP nicht äußern.

Den haitianischen Sicherheitsvertretern zufolge hat die Bande 400 Mawozo in den vergangenen Monaten bereits mehrere Entführungen und Raubüberfälle in der Region zwischen Port-au-Prince und der Grenze zur Dominikanischen Republik begangen. Die Gruppe kontrolliert demnach mehrere Straßen in dem Gebiet. Dort kapert sie immer wieder Fahrzeuge und sogar ganze Busse, verschleppt deren Insassen und verlangt riesige Lösegeldsummen.

Das von großer Armut geprägte Haiti kämpft seit Jahren mit Naturkatastrophen und politischen Krisen, die das Wirtschaftswachstum und jede Entwicklung lähmen. Die bis heute nicht aufgearbeitete Ermordung von Präsident Jovenel Moïse im Juli sowie ein schweres Erdbeben einen Monat später im Südwesten des Landes, bei dem 2200 Menschen starben und 130.000 Häuser zerstört wurden, haben die Probleme des Lands verschärft.

Bewaffnete Banden sorgen für zusätzliche Unsicherheit. Allein zwischen Januar und September registrierte Gédéon Jeans Zentrum mehr als 600 Entführungsfälle - im gleichen Vorjahreszeitraum waren es 231 und damit nicht einmal halb so viele. Die Banden fordern Lösegelder, die zum Teil eine Million Dollar übersteigen. Die große Mehrheit der verschleppten Frauen wird sexuell missbraucht, wie Menschenrechtsorganisationen anprangern.

Die US-Regierung hatte im August eine Reisewarnung der Kategorie vier für Haiti ausgegeben. US-Bürger wurden aufgerufen, wegen der Gefahr durch "Entführungen, Kriminalität, zivile Unruhen und Covid-19" nicht in das Land zu reisen.

Geschäfts- und Berufsverbände in Port-au-Prince riefen schon vor den jüngsten Entführungen für Montag zu einem unbefristeten Streik auf, um gegen das sich ausbreitende Klima der Unsicherheit zu protestieren.

AFP

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