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EU erhöht im Streit um Lieferverzögerungen Druck auf Impfstoff-Hersteller Astrazeneca

Vorbereitung einer Impfung mit dem Astrazeneca-Vakzin
Vorbereitung einer Impfung mit dem Astrazeneca-Vakzin
© © 2021 AFP
Aus Empörung über die Verzögerungen bei der Auslieferung des Corona-Impfstoffs von Astrazeneca hat die EU-Kommission den Ton gegenüber dem britisch-schwedischen Pharmakonzern deutlich verschärft.

Aus Empörung über die Verzögerungen bei der Auslieferung des Corona-Impfstoffs von Astrazeneca hat die EU-Kommission den Ton gegenüber dem britisch-schwedischen Pharmakonzern deutlich verschärft. Die angekündigten Lieferverzögerungen seien "nicht akzeptabel", sagte EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides am Montag. Einen Rückschlag in der Impfstoff-Entwicklung mussten unterdessen der US-Pharmakonzern Merck und das französische Pasteur-Institut verkünden. Sie geben ihr gemeinsam entwickeltes Vakzin wegen zu geringer Wirksamkeit auf.

Die EU habe "Entwicklung und Produktion des Impfstoffes" von Astrazeneca vorfinanziert und verlange nun dafür die Gegenleistung, betonte Kyriakides. "Die Europäische Union möchte genau wissen, welche Dosen von Astrazeneca bisher wo produziert wurden und ob und an wen sie geliefert wurden." Doch diese Fragen habe das Unternehmen bislang nicht zufriedenstellend beantwortet.

Zuvor hatte EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen Astrazeneca-Chef Pascal Soriot in einem Telefonat aufgefordert, die Lieferzusagen an die EU einzuhalten. Nach Angaben eines Kommissionssprechers erinnerte von der Leyen den Unternehmer daran, dass die EU "beträchtliche Summen" in das Unternehmen investiert habe, um sicherzustellen, dass die Impfstoff-Produktion in Gang komme.

Am Freitag hatte Astrazeneca mitgeteilt, der EU zunächst weniger Corona-Impfdosen liefern zu können als vorgesehen. Grund seien Probleme in "einem Werk in unserer europäischen Lieferkette". Eine Woche zuvor hatte bereits Pfizer über Lieferverzögerungen des Biontech-Impfstoffs wegen Umbaumaßnahmen in einem Werk im belgischen Puurs informiert.

Der Astrazeneca-Impfstoff, von dem die Kommission bis zu 400 Millionen Dosen bestellt hat, ist zwar in der EU noch nicht zugelassen. Am Freitag könnte die EU-Arzneimittelbehörde EMA aber grünes Licht geben. Es wäre der dritte Impfstoff nach Biontech/Pfizer und Moderna, der in der EU eingesetzt werden könnte.

Der Kommissionssprecher sagte, es könne bei komplexen Impfstoffen immer zu Produktionsproblemen kommen. "Aber wir erwarten, dass das Unternehmen Lösungen findet." Astrazeneca müsse "alle Möglichkeiten ausschöpfen", um zügig zu liefern.

Soriot sprangerte beim digitalen Weltwirtschaftsforum am Montag seinereits eine "Ich-Mentalität" bei der Impfstoffbeschaffung in einigen Ländern an, auf die Vorwürfe der EU ging er aber nicht ein.

Kyriakides hatte sich nach eigenen Angaben zunächst am Wochenende schriftlich an Astrazeneca gewandt. Am Montag habe es dann ein Treffen der Kommission und Vertretern der Mitgliedstaaten mit Astrazeneca gegeben. Ein weiteres Treffen sollte demnach am Montagabend stattfinden.

Die EU-Kommission habe den 27 Mitgliedstaaten zudem vorgeschlagen, einen "Exporttransparenzmechanismus" einzuführen, sagte Kyriakides weiter. "Künftig müssen alle Unternehmen, die in der EU Impfstoffe gegen Covid-19 herstellen, Impfstoff-Exporte an Drittländer frühzeitig melden."

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) war zuvor mit einem ähnlichen Vorschlag noch weiter gegangen. Der CDU-Politiker plädierte dafür, dass die Hersteller Lieferungen an Nicht-EU-Länder in Brüssel genehmigen lassen müssen. "Nur so können wir nachvollziehen, ob unsere EU-Verträge mit den Herstellern fair bedient werden."

Die Bundesregierung erklärte, sie unterstütze die Bemühungen der EU, Astrazeneca zur Einhaltung seiner Lieferzusagen zu bewegen. Es sei "völlig richtig", dass sich die EU-Kommission um diese Angelegenheit kümmere, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Allerdings gebe es bei der Herstellung von Impfstoffen wegen der langen Lieferketten "immer Unwägbarkeiten".

Um die Corona-Pandemie einzudämmen, forschen etliche Pharmakonzerne und Institute intensiv an einem Impfstoff. Wie am Montag bekannt wurde, geben Merck und das französische Pasteur-Institut ihren gemeinsamen Impfstoffkandidaten auf. Erste Tests hätten eine zu geringe Wirksamkeit gegen das Coronavirus ergeben, erklärte das Pasteur-Institut in Paris. Wegen zu geringer Wirksamkeit stoppt Merck nach eigenen Angaben zudem noch ein eigenes Impfstoff-Projekt.

Eine gute Nachricht hatte dagegen der US-Hersteller Moderna zu vermelden. Sein Corona-Impfstoff wirkt nach Unternehmensangaben auch gegen die zuerst in Großbritannien und Südafrika aufgetauchten neuen Virus-Varianten, die als besonders ansteckend gelten.

AFP

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