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Großteil der Toten in LKW in Großbritannien möglicherweise aus Vietnam

Vier Tage nach dem Fund von 39 Leichen in einem Lastwagen in Großbritannien verdichten sich die Hinweise, dass es sich bei einem Großteil der Opfer um Vietnamesen handeln könnte.

Le Minh Tuan fürchtet um das Leben seines Sohnes

Le Minh Tuan fürchtet um das Leben seines Sohnes

Vier Tage nach dem Fund von 39 Leichen in einem Lastwagen in Großbritannien verdichten sich die Hinweise, dass es sich bei einem Großteil der Opfer um Vietnamesen handeln könnte. Seit Freitag meldeten mehrere Familien aus dem verarmten Zentrum Vietnams ihre Angehörigen als vermisst. Dort hielten Dorfbewohner am Sonntag einen Trauergottesdienst ab. Die Ermittler hatten zunächst vermutet, dass die Opfer Chinesen seien. Der LKW-Fahrer muss sich wegen Totschlags in 39 Fällen und Menschenhandel verantworten.

Zahlreiche Angehörige, die um ihre vermissten Familienmitglieder fürchten, besuchten den katholischen Gottesdienst von Phu Xuan. "Wir haben uns hier versammelt, um für alle 39 Opfer zu beten", sagte der Pfarrer Nguyen Duc Vinh. "Wir wissen noch nicht, ob es sich um unsere Kinder handelt."

Der Vater des vermissten Le Van Ha sagte der Nachrichtenagentur AFP im Dorf Yen Hoi, er sei sicher, dass sein Sohn unter den Toten sei. Zwei Tage vor dem Leichenfund im englischen Grays habe sein 30-jähriger Sohn ihm geschrieben, er werde nach Großbritannien reisen und die Familie kontaktieren, sobald er angekommen sei. "Wir haben seither nichts von ihm gehört", sagte der Vater Le Minh Tuan unter Tränen.

Le Van Ha verließ demnach im Juni seine Frau und seine beiden kleinen Söhne und machte sich über die Türkei, Griechenland und Frankreich auf den Weg nach Großbritannien. Er habe den Schleppern 30.000 Dollar (33.000 Euro) gezahlt. "Er wollte die Schulden zurückzahlen und das Geld seinen Kindern schicken, damit sie ein besseres Leben haben", sagte der Vater,

Nguyen Dinh Gia sagte, er habe vor einigen Tagen einen Anruf von einem Vietnamesen erhalten, der ihn über den Tod seines Sohnes auf dem Weg nach Großbritannien informiert habe. Der Mann habe ihn um "Verständnis" gebeten und gesagt, dass etwas "Unerwartetes passiert" sei. Nguyen erzählte, sein 20-jähriger Sohn habe sich seit 2018 illegal in Frankreich aufgehalten und habe für rund 12.600 Euro nach Großbritannien weiterreisen wollen, um dort in einem Nagelstudio zu arbeiten. Nguyen bat die vietnamesischen Behörden um Hilfe bei der Identifizierung seines Sohns.

Die britische Organisation VietHome erklärte, sie habe Fotos von etwa 20 Vietnamesen im Alter von 15 bis 45 Jahren erhalten, die seit dem grausigen Fund der Leichen nahe London vermisst würden.

Am Freitag hatte bereits Pham Manh Cuong berichtet, dass seine Schwester unter den Toten sein könnte. Nach seinen Angaben war die 26-Jährige Anfang Oktober aus Vietnam nach Großbritannien aufgebrochen. Am Dienstagabend habe sie dann ihrer Mutter eine verzweifelte SMS geschickt. "Es tut mir leid, Mama. Mein Weg ins Ausland hat keinen Erfolg. Mama, ich liebe dich so sehr! Ich sterbe, weil ich nicht atmen kann."

Die Opfer könnten bei der Reise nach Großbritannien gefälschte chinesische Pässe bei sich getragen haben. Laut dem vietnamesischen Außenministerium setzt die Botschaft in London alles daran, "den Prozess der Identifizierung der Opfer zu beschleunigen". Botschafter Tran Ngoc An sprach am Samstag mit Ermittlern und telefonierte mit der britischen Innenministerin Priti Patel.

Britischen Angaben zufolge befinden sich alle Opfer zur Identifizierung im Krankenhaus. Die Ermittler rechnen mit einem langwierigen Prozess, da sie davon ausgehen, dass die Opfer nicht registriert waren.

Die Leichen der 31 Männer und acht Frauen waren am Mittwochmorgen in einem Industriegebiet östlich von London in einem Lkw-Kühlcontainer entdeckt worden. Der aus Nordirland stammende LKW-Fahrer wurde festgenommen, er soll am Montag vor Gericht erscheinen. Dem 25-Jährigen werden Totschlag, Verschwörung zum Menschenhandel und Geldwäsche zur Last gelegt.

Ein weiterer 48-jähriger Nordire wurde am Samstag in Dublin festgenommen. Drei Verdächtige kamen hingegen nach Angaben der Polizei in Essex am Sonntag gegen Kaution wieder frei. Unter ihnen waren ein 46-jähriger Nordire sowie eine 38-jährige Frau und ihr Ehemann. Das Paar war wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung und Verschwörung zum Menschenhandel in Gewahrsam genommen worden, wies die Vorwürfe aber zurück. Die 38-Jährige soll Besitzerin des Lkw gewesen sein.

AFP