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Loveparade-Prozess knapp zehn Jahre nach Tragödie endgültig eingestellt

Justitia
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© © 2020 AFP
Knapp zehn Jahre nach der Loveparade-Tragödie mit 21 Toten hat das Landgericht Duisburg den Strafprozess am Montag komplett eingestellt.

Knapp zehn Jahre nach der Loveparade-Tragödie mit 21 Toten hat das Landgericht Duisburg den Strafprozess am Montag komplett eingestellt. Eine mögliche individuelle Schuld der zuletzt noch verbliebenen drei Angeklagten an der Katastrophe sei zum jetzigen Zeitpunkt als gering anzusehen, begründete die Strafkammer nach Gerichtsangaben ihren Beschluss. Damit endete einer der größten Prozesse der vergangenen Jahrzehnte nach 184 Verhandlungstagen ohne Urteil.

Bei der Duisburger Loveparade waren am 24. Juli 2010 durch ein Gedränge an der Zugangs- und Abgangsrampe des eingezäunten Veranstaltungsgeländes 21 Menschen getötet und mehr als 650 verletzt worden. Gegen sieben weitere Angeklagte hatte das Gericht das Verfahren bereits im Februar 2019 beendet.

In einer Erläuterung ihres Einstellungsbeschlusses hoben die Richter am Montag hervor, dass das Zusammenwirken einer Vielzahl von Umständen zu dem tödlichen Gedränge geführt habe. So hätten die Beweisaufnahme und die Auswertung der Akten ergeben, dass der Veranstaltungsort für die Besuchermengen nicht geeignet gewesen sei. Auch hätten Zugangsanlagen für die erwartete Besucheranzahl eine zu geringe Kapazität aufgewiesen.

Die Menschenströme bei der Loveparade seien unkoordiniert gesteuert worden, massive Störungen in der Kommunikation hätten notwendige Absprachen teilweise unmöglich gemacht. Zudem habe eine Polizeikette den Druck auf der Rampe verstärkt, befanden die Richter.

Auch hätte das Unglück demnach noch am Veranstaltungstag verhindert oder zumindest in seinen Folgen abgemildert werden können, etwa durch koordinierte zeitweilige Schließungen der Vorsperren oder der Zugangsanlagen. Darüber hinaus hätten die Musikwagen auf der Paradestrecke gestoppt werden können, wodurch womöglich mehr Menschen von der engen Rampe auf das weitläufige Veranstaltungsgelände gelangt wären.

Letztlich hätten wohl vielfältige Umstände die Katastrophe heraufbeschworen - von den Anfängen der Planung bis zum Ende des Unglückstags. Unter Gesamtwürdigung dieser Erkenntnisse und aller Umstände des Unglücks sei trotz dessen schwerwiegender Folgen eine mögliche Individualschuld der Angeklagten als gering einzuschätzen.

Bei den ursprünglich zehn Angeklagten in dem Verfahren handelte es sich um sechs Bedienstete der Stadt Duisburg und vier Mitarbeiter des damaligen Loveparade-Veranstalters. Die Anklage lautete auf fahrlässige Tötung und fahrlässige Körperverletzung.

Zuletzt saßen noch drei Beschäftigte der Veranstaltungsfirma auf der Anklagebank. Sie hatten im Februar 2019 wegen damals drohender Geldauflagen einer Verfahrenseinstellung widersprochen. Nach dem Einstellungsbeschluss vom Montag müssen auch sie nun keine Geldauflagen zahlen.

Die Duisburger Strafkammer hatte Anfang April die Einstellung des Prozesses auch gegen die drei letzten Angeklagten vorgeschlagen. In der Folge stimmten Staatsanwaltschaft und Angeklagte der Einstellung zu.

Unter Zeitdruck geriet der Prozess zuletzt zudem wegen der Corona-Krise: Das Gericht stellte das Verfahren pandemiebedingt vorübergehend ein. Dadurch konnten mehrere Verhandlungstage wenige Monate vor Eintritt der Verjährung im Sommer nicht stattfinden. Der Loveparade-Prozess fand aus Platzgründen in einem Kongresszentrum der Düsseldorfer Messe statt.

AFP

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