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Ölindustrie getroffen: Wer steckt hinter Angriff auf Saudi-Arabien?

Dem Iran ist es in den vergangenen Jahren gelungen, seinen Einfluss in der Region massiv auszudehnen. Dafür nutzt Teheran lokale Verbündete wie die Huthis im Jemen oder die Hisbollah im Libanon.

Satellitenbild

Das Satellitenbild zeigt am 14.09.2019 die aus Ölfeldern aufsteigenden Rauchwolken. Foto: NASA Worldview/AP

Die dichten Rauchschwaden über den Ölanlagen in der saudischen Wüste glichen einer bösen Warnung. Bis zu 150 Kilometer weit breiteten sie sich aus und erinnerten das Königreich daran, wie verwundbar die Quellen seines Reichtums sind.

Mehrere Einschläge trafen am Wochenende das Zentrum der saudischen Ölindustrie im Nordosten des Landes. Zu den genauen Schäden schwieg sich die Führung in Riad bisher aus. Doch sie sind groß genug, um die Monarchie zu schocken und die Ölpreise in die Höhe schießen zu lassen.

Mit den Angriffen erreicht der Konflikt des saudischen Königreichs mit seinem schiitischen Erzfeind Iran auf der anderen Seite des Golfs eine neue Eskalationsstufe. Schon häufiger war Saudi-Arabien in den vergangenen Monaten angegriffen worden, aber bisher nicht so massiv. Wieder einmal übernahmen die mit dem Iran verbündeten Huthi-Rebellen aus dem Bürgerkriegsland Jemen die Verantwortung für die Bombardierung.

Doch kamen die Angriffe tatsächlich von dort? Die US-Regierung geht einem Bericht der «New York Times» zufolge davon aus, dass sie aus der entgegensetzten Himmelsrichtung verübt wurden: aus dem Iran oder dem Irak. Denkbar wäre das, da Teheran in der Region über ein dicht geknüpftes Netz an Verbündeten verfügt, die in Irans Sinne handeln und als Reaktion auf die US-Sanktionen gegen das Land militärisch aktiv werden können. Von den USA vorgelegte Satellitenbilder geben jedoch kaum Aufschluss, wer tatsächlich hinter den Angriffen steckt.

HUTHIS IM JEMEN: Die Rebellen kontrollieren große Teile des Bürgerkriegslandes und haben die international anerkannte Regierung aus der Hauptstadt Sanaa vertrieben. Saudi-Arabien unterstützt die Regierung und bombardiert die Rebellen aus der Luft, weil sie den Verbündeten des Irans von ihrer Grenze vertreiben wollen. Die Huthis wiederum greifen das Königreich immer wieder mit Raketen und Drohnen an. Dabei trafen sie schon früher wichtige Ölinfrastruktur.

Die jetzt getroffenen Einrichtungen liegen rund 800 Kilometer von der Grenze zum Jemen entfernt. Trotzdem könnten die Rebellen in der Lage sein, die Anlagen anzugreifen. Sie verfügen mittlerweile über die Drohne «Samad-3», die sie im vergangenen Sommer präsentiert hatten und die sogar noch größere Entfernungen zurücklegen können soll.

Saudi-Arabien bekräftigte am Montag, für die Angriffe hätten die Huthis iranische Waffen eingesetzt - und zwar Drohnen des Typs «Ababil». Die Huthis besitzen mit der «Kasef-1» ein unbemanntes Flugzeug, das nach Ansicht von UN-Experten mit der «Ababil» nahezu identisch ist. Allerdings: «Ababil» und «Kasef-1» verfügen nur über eine Reichweite von 100 bis 150 Kilometern. Der saudische Militärsprecher fügte hinzu, die Drohnen seien nicht von jemenitischem Boden abgefeuert worden. Aber von wo dann?

DER IRAN: Der Iran weist Vorwürfe aus den USA vehement zurück, besäße aber die Kapazitäten, Ziele in Saudi-Arabien anzugreifen. Doch wäre es ein untypisches Verhalten für Teheran. Die Iraner agieren in der Region gewöhnlich auf andere Art und Weise: Sie greifen nicht selbst an - sie lassen angreifen. So haben sie den Huthis im Jemen geholfen, ihre militärischen Kapazitäten auszubauen. Auch im Bürgerkrieg in Syrien unterstützen iranische «Militärberater» zahlreiche Milizen, die an der Seite von Machthaber Baschar al-Assad kämpfen.

SCHIITISCHE MILIZEN IM IRAK: Sie gehören in der Region zu den treuen Partnern des Irans. Die einflussreichen so genannten Volksmobilisierungskräfte stehen zwar offiziell unter dem Kommando des irakischen Regierungschefs, führen aber ein Eigenleben. Gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) kämpften sie in vorderster Reihe. In dieser Zeit gewannen sie nicht nur große militärische Erfahrung, sondern rüsteten sich mit der Hilfe des Irans auch auf.

Die Milizen hätten im Prinzip auch ein Motiv: In den vergangenen Wochen wurden mehrfach Waffenlager der Gruppen im Irak mit Drohnen angegriffen. Diese machten dafür Israel verantwortlich, ebenfalls ein Erzfeind des Irans. Aus Vergeltung könnten sie nun mit Saudi-Arabien einen anderen Verbündeten der USA angegriffen haben. Allerdings sind sie bisher mit derartigen Angriffen nicht in Erscheinung getreten.

Zudem wäre es ein riskantes Spiel. Die Lage im Irak bleibt trotz des militärischen Sieges über den IS fragil. Die US-Sanktionen gegen den Iran belasten auch das krisengeplagte Land, das enge Kontakte zum Nachbarn pflegt, politisch und wirtschaftlich. Ministerpräsident Adel Abdel Mahdi bemüht sich darum, den Irak aus den Konflikten der Region herauszuhalten. In einem Telefonat mit US-Außenminister Mike Pompeo beteuerte er, er wolle Angriffe aus dem Irak auf Nachbarn verhindern.

Die jetzige Bombardierung saudischer Ziele zeigt, dass der Iran vielfältige Möglichkeiten besitzt, als Antwort auf die US-Sanktionen mit militärischer Eskalation zu reagieren. Auch weiter westlich stiegen erst vor Kurzem die Spannungen einmal mehr.

Dort warf die libanesischen Schiitenmiliz Hisbollah, ebenfalls ein enger Verbündeter Teherans, Israel einen Drohnenangriff in der Hauptstadt Beirut vor. Als Vergeltung schoss sie nach eigenen Angaben ein unbemanntes Flugzeug der Israelis ab. Israel wiederum beschuldigte den Iran, mithilfe der Hisbollah den Bau von Präzisionsraketen voranzutreiben. Ein Krieg der Worte und ein Kampf mit Drohnen - der jedoch ebenfalls weiter eskalieren könnte.

dpa