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Opfer und Angehörige sagen erstmals in Prozess zu Pariser Anschlägen aus

Eine Gendarmin bewacht den Eingang zum Gerichtssaal.
Eine Gendarmin bewacht den Eingang zum Gerichtssaal.
© © 2021 AFP
Pierre zitterte, als er als einer der ersten Nebenkläger im Prozess zu den Pariser Anschlägen vor sechs Jahren seinen 13.

Pierre zitterte, als er als einer der ersten Nebenkläger im Prozess zu den Pariser Anschlägen vor sechs Jahren seinen 13. November 2015 beschrieb: "Ein Selbstmordattentäter hat sich vor uns in die Luft gesprengt", sagte der pensionierte Gendarm am Dienstag im Gerichtssaal in Paris. In den kommenden fünf Wochen sollen etwa 350 Überlebende und Angehörige ihre Erlebnisse der Terrornacht schildern.

Im Schnitt sollen etwa 15 Menschen pro Tag angehört werden. Sie sprechen mit Blick in Richtung der Richter. Die Angeklagten sitzen hinter ihnen, getrennt durch eine Glaswand.

Bei Anschlägen an einem Fußballstadion, in einem Pariser Ausgehviertel und im Konzertsaal Bataclan töteten islamistische Attentäter 130 Menschen. 350 wurden verletzt. Es waren die schlimmsten Anschläge, die Frankreich je erlebt hat.

"Ich trage diese Explosion noch immer in mir, diesen Lärm und den Geruch", sagte Pierre, der seinen Nachnamen nicht veröffentlicht sehen will. "Es war ein solcher Schock, den in zwei Teile zerrissenen Körper und die Fleischfetzen überall zu sehen", erinnerte er sich. Dieses Erlebnis habe ihn bis heute traumatisiert.

Der Gendarm der Republikanischen Garde war am Abend des 13. Novembers vor dem Fußballstadion Stade de France in der Nähe von Paris mit mehreren Kollegen auf Streife. Im Stadion spielte die französische Nationalmannschaft ein Freundschaftsspiel gegen Deutschland. Unter den Zuschauern waren auch der französische Präsident François Hollande und der damalige Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier.

Philippe, ebenfalls Gendarm, sagte, er habe niemals einen schlimmeren Schock erlebt. In seinem Beruf habe er gelernt, sich auf viele schlimme Situationen einzustellen. "Aber auf Selbstmordattentäter wurden wir nicht vorbereitet", sagte er.

Vor Beginn der Anhörungen äußerten einige Opfer ihr Unbehagen, in Anwesenheit der Angeklagten zu sprechen. "Ich hoffe, ich werde nicht weinen", sagte Bilal Bley Mokono dem französischen Sender LCI. Er war bei dem Anschlag am Fußballstadion verletzt worden und kam im Rollstuhl zum Gerichtssaal, der im ehemaligen Justizpalast im Zentrum von Paris eingerichtet worden war.

Manche der Opfer, die vor Gericht aussagen wollen, erhoffen sich eine Erleichterung. "Ich tue das für mich. Ich glaube, dass es mir danach besser geht", sagte Carole Damiani. "Es wird vieles wieder hochkommen und es werden Dinge gesagt werden, die uns schwerfallen", sagte Arthur Dénouveaux, Überlebender des Bataclan und Vorsitzender der Opfervereinigung Life for Paris.

Die Zahl der Nebenkläger in dem umfassendsten Prozess, den Frankreich je erlebt hat, ist mittlerweile auf etwa 2200 angewachsen. Auf der Anklagebank sitzen 20 mutmaßliche Attentäter und Helfer. Hauptangeklagter ist das einzige noch lebende Mitglied der Kommandos, der 32 Jahre Franko-Marokkaner Salah Abdeslam. Urteile werden im Mai 2022 erwartet.

AFP

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