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Oppositionskandidatin in Belarus rechnet nicht mit fairer Wahl

Oppositionskandidatin Tichanowskaja beim AFP-Interview
Oppositionskandidatin Tichanowskaja beim AFP-Interview
© © 2020 AFP
Die Kandidatin der Opposition bei der Präsidentschaftswahl in Belarus, Swetlana Tichanowskaja, rechnet nicht mit mit einem fairen Urnengang.

Die Kandidatin der Opposition bei der Präsidentschaftswahl in Belarus, Swetlana Tichanowskaja, rechnet nicht mit mit einem fairen Urnengang. "Wir werden nicht in der Lage sein, Betrug zu verhindern", sagte die Herausforderin des autoritär regierenden Staatschefs Alexander Lukaschenko am Freitag in Minsk der Nachrichtenagentur AFP. Bereits seit Beginn der vorzeitigen Stimmabgabe am Dienstag werde "schamlos" manipuliert. "Da muss man realistisch sein."

Tichanowskaja hatte das Land mit ihrer spontanen Präsidentschaftskandidatur überrascht. Nach dem Ausschluss ihres Mannes, des regierungskritischen Bloggers Sergej Tichanowski, von der Wahl, trat die 37-Jährige an seiner Stelle an. Seither hat die Hausfrau eine Welle der Begeisterung ausgelöst.

"Die Leute wachen auf und finden ihr Selbstwertgefühl wieder", sagte die gelernte Englisch-Lehrerin und ehemalige Übersetzerin AFP. Überall würden jetzt Fragen laut: "Warum landet meine Stimme im Müll? Warum werde ich nicht gehört, will man mich nicht hören? Warum kann ich nichts sagen, weil ich anschließend sofort eingesperrt werde?"

Unter dem seit 1994 amtierenden Präsidenten Lukaschenko gehen die Behörden massiv gegen die Opposition vor. Mehrere potenzielle Präsidentschaftskandidaten sitzen im Gefängnis. Mindestens 1100 Menschen wurden laut der Menschenrechtsorganisation Wiasna seit Mai bei Wahlkampfveranstaltungen festgenommen. Erst am Donnerstag wurde auch Tichanowskajas Wahlkampf-Leiterin vorübergehend festgenommen, dann aber wieder freigelassen.

Dennoch nahmen in den vergangenen Wochen immer wieder tausende Menschen an den Wahlkampfveranstaltungen der Oppositionskandidatin teil. Wegen der damit verbundenen Gefahren wolle sie aber nicht offen zu Protesten aufrufen, sagte sie zu AFP. "Die da oben wissen nicht, was ein friedlicher Protest ist." Da könnte es schnell ein Blutbad geben.

Jeder Belarusse müsse nun für sich selbst entscheiden, ob er auf die Straße gehen will oder nicht, fügte Tichanowskaja hinzu. In der Hauptstadt Minsk war am Freitagabend erneut eine Kundgebung zur Unterstützung der Herausforderin Lukaschenkos geplant.

In jedem Fall habe die unerwartet große Unterstützung für ihre aussichtslos erscheinende Kandidatur gezeigt, dass sich etwas tue im Land, sagte Tichanowskaja weiter. Sie schränkte aber ein: "Viele sind noch nicht aufgewacht."

In Belarus hatte am Dienstag die vorzeitige Stimmabgabe zur Präsidentschaftswahl begonnen, der Hauptwahltag ist am Sonntag. Internationale Wahlbeobachter sind nicht zugelassen. Schon die vergangenen vier Wahlen in der ehemaligen Sowjet-Republik wurden wegen Betrugs und Einschüchterungen von unabhängigen Wahlbeobachtern nicht anerkannt.

AFP

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