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Ukraine startet Großoffensive zur Rückeroberung von Cherson

Zerstörtes Einkaufszentrum in Cherson
Zerstörtes Einkaufszentrum in Cherson
© AFP
Die Ukraine hat eine Großoffensive zur Rückeroberung der seit Monaten von russischen Truppen besetzten Region Cherson im Süden des Landes gestartet. In der gesamten Region liefen "starke Artillerieangriffe auf feindliche Stellungen", sagte Serhij Chlan, Abgeordneter und Berater des Regionalgouverneurs, am Montag. Unterdessen machten sich Experten der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) auf den Weg zum von russischen Soldaten besetzten ukrainischen Atomkraftwerk Saporischschja.

"Dies ist die Verkündung dessen, worauf wir seit dem Frühling gewartet haben - der Anfang vom Ende der Besatzung in der Region Cherson", sagte Chlan dem Fernsehsender Pryamyj TV. Ziel der Offensive ist es demnach, die russischen Truppen auf das andere Ufer des Dnipro zurückzudrängen und die Stadt Cherson zurückzuerobern. 

Gegenüber der Nachrichtenagentur AFP sprach er von einem "vorbereiteten, ausgewogenen Beginn einer Gegenoffensive" und erklärte, ukrainische Flugzeuge seien am Montag "entlang der gesamten Frontlinie " im Einsatz.

Die ukrainische Militärgruppe "Kachowka" erklärte auf Facebook, sie habe "den Rückzug" einer Kampfeinheit pro-russischer Separatisten von ihren Stellungen in der Region beobachtet.

Das russische Verteidigungsministerium erklärte am Abend, die ukrainischen Gegenoffensiven in den Regionen Cherson und Mykolajiw seien "kläglich gescheitert" und die Ukrainer hätten "schwere Verluste" erlitten. Russlands Armee habe 26 Panzer, 32 gepanzerte Fahrzeuge und zwei Kampfflugzeuge der Ukrainer zerstört. Die Ukraine habe zudem mehr als 560 Soldaten verloren, hieß es von russischer Seite.

Die Angaben konnten zunächst nicht von unabhängiger Seite überprüft werden.

Die Region Cherson mit ihrer gleichnamigen Hauptstadt am Ufer des Dnipro grenzt an die 2014 von Russland annektierte Schwarzmeer-Halbinsel Krim. Als erste Großstadt der Ukraine war Cherson Anfang März kurz nach Beginn der russischen Invasion von der russischen Armee eingenommen worden. Die Region ist für die Landwirtschaft des Landes von zentraler Bedeutung und wegen ihrer Nähe zur Krim auch strategisch wichtig. 

Weiter nördlich am Ufer des Dnipro, im etwa 180 Kilometer Luftlinie von Cherson entfernten ukrainischen Atomkraftwerk Saporischschja, soll im Laufe der Woche ein Expertenteam der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) eintreffen. Die "Unterstützungs- und Hilfsmission der IAEA" sei jetzt auf dem Weg in das von russischen Soldaten besetzte Kernkraftwerk, teilte IAEA-Chef Rafael Grossi am Montagmorgen im Kurzbotschaftendienst Twitter mit. 

Grossi hatte über Monate Zugang zu der Anlage in Saporischschja gefordert - und Anfang August vor der "sehr realen Gefahr einer nuklearen Katastrophe" gewarnt. Auf einem seinem Tweet beigefügten Foto war der IAEA-Chef mit einem Team aus 13 Menschen zu sehen, die Mützen und Westen mit dem Logo der UN-Nuklearbehörde tragen.

Das mit sechs Reaktoren größte Kernkraftwerk Europas ist seit Anfang März von russischen Truppen besetzt. In den vergangenen Wochen war die Gegend des Akw Saporischschja wiederholt beschossen worden, wofür sich die Ukraine und Russland gegenseitig verantwortlich machten. Der Beschuss nährte die Furcht, dass es in Saporischschja zu einer ähnlichen Atomkatastrophe kommen könnte wie 1986 im ukrainischen, damals zur Sowjetunion gehörenden Tschernobyl.

Moskau und Kiew machten sich nun gegenseitig für mögliche Gefahren für die Inspekteure verantwortlich: Während der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba die anstehende Mission als "schwerste in der Geschichte der IAEA" wegen der "aktiven Kampfhandlungen" durch Russland bezeichnete, forderte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow "internationalen Druck" auf die Ukraine, damit diese den "Beschuss" des Akw beende.

Die US-Regierung drang darauf, das Akw angesichts der Kämpfe in der Gegend kontrolliert herunterzufahren. Eine solche Abschaltung sei "kurzfristig die sicherste und am wenigsten riskante Option", sagte John Kirby, Sprecher des Nationalen Sicherheitsrats, in Washington.  

AFP

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