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Adoption: Geborgen auf Zeit

Sie springt ein, wenn andere Mütter nicht mehr weiter wissen. Birgit Martschin nimmt Findelbabys bei sich auf. So lange, bis sie Adoptiveltern gefunden haben oder die Mütter es sich anders überlegen.

Text und Interview: Yvonne Adamek

Acht Wochen maximal, dann ist es vorbei – das Windelnwechseln, das Aufstehen in der Nacht, aber auch das Kuscheln und das quiekige Lachen beim Spielen. Acht Wochen maximal wird Birgit Martschin Mama von Baby Valentina sein. Sie wird eine Rolle einnehmen, die eigentlich für eine andere Frau gedacht war.

Doch Valentinas leibliche Mutter ist nicht da. Neun Monate hatte sie verdrängt, dass in ihrem Bauch ein neuer Mensch heranwuchs. Nur wenige Stunden nach der Geburt gab sie das kleine, noch namenlose Mädchen in einem norddeutschen Krankenhaus ab. Am selben Tag klingelte bei den Martschins das Telefon. Eine Mitarbeiterin vom Projekt Findelbaby der Organisation Sterni-Park erzählte von Valentina. „Wir kommen sofort“, sagte Birgit Martschin. „Nach so einem Anruf kribbelt es immer im Bauch“, erzählt die 47-Jährige. „Das ist die Neugier auf den kleinen Menschen, den wir bald bei uns begrüßen dürfen.“ Fotos von zehn Babys hängen in ihrem Schlafzimmer an der Wand neben der Wickelkommode. Zehn fröhliche kleine Gesichter, die hier ein Zuhause auf Zeit gefunden haben. Bald wird ein Foto von Valentina dazukommen.

Seit fünf Jahren nimmt die Familie Martschin Säuglinge bei sich auf, die von ihren Müttern in einem Krankenhaus oder einer Babyklappe abgegeben wurden. Acht Wochen hat die leibliche Mutter danach Zeit, es sich anders zu überlegen. Meldet sie sich nicht, kommt das Kind zu Adoptiveltern. In der Zwischenzeit versucht Birgit Martschin, ihren „Engeln“, wie sie selbst die Findelbabys nennt, all die Liebe und Geborgenheit einer Mutter zu geben. Ihr gesamtes Leben stellt sie dafür um: keine langen Abende mit Freunden, keine spontanen Ausflüge, dafür Windeln wechseln, kurze und häufig komplett schlaflose Nächte. Valentina, das kleine Mädchen mit den dichten schwarzen Haaren, schlief in den ersten Nächten nur sehr unregelmäßig, weinte viel – typisch für Findelbabys. Ob sie wohl instinktiv wissen, dass die Frau, die sie versorgt, eine Fremde ist? Studien zeigen, dass selbst erwachsene Findelkinder häufig unter Verlustängsten leiden.

„Babys spüren schon im Bauch, wenn sie nicht gewollt sind“, ist Birgit Martschin überzeugt. „Ich will ihnen so viel Sicherheit zurückgeben, dass sie möglichst unvorbelastet in ihr Leben starten.“ Aber kann einem Kind in acht Wochen wirklich das Urvertrauen zurückgegeben werden, das ihm direkt nach der Geburt genommen wurde? Birgit Martschin glaubt daran. Das tat sie schon vor fünf Jahren, als sie zum ersten Mal von Sterni-Park hörte. Durch einen Zeitungsartikel erfuhr sie von der Mutter- Kind-Betreuung und den Babyklappen. Martschin musste sofort an ihre eigenen drei Kinder denken, an die Chancen, die sie hatten, an die Wärme, mit der sie so selbstverständlich aufgewachsen waren. „Ich wollte etwas von unserem Familienglück abgeben.“

Die Norddeutsche ist Mutter aus Leidenschaft. Nichts mache sie so glücklich, wie für ihre Kinder da zu sein, sagt sie. Schon bei der ersten Schwangerschaft stand für die gelernte Kinderarzthelferin fest, dass sie zu Hause bleiben will. Das hat sich bis heute nicht geändert. Noch immer kümmert sie sich um alles und alle in dem lichtdurchfluteten Haus südlich von Hamburg. Die 24-jährige Julia und die 16-jährige Laura wohnen noch im Haus. Der 21-jährige Phillip ist erst vor Kurzem ausgezogen. Jeden Sonntagabend trifft sich die ganze Familie – zum Essen und Reden. Bei den Martschins wird viel geredet.

So war es auch damals, als Mutter Birgit zum ersten Mal darüber nachdachte, ein Findelkind aufzunehmen. Ihre größten Bedenken: Die anderen Familienmitglieder könnten sich durch den Neuzugang vernachlässigt fühlen. Doch alle Kinder freuten sich auf ein kleines Geschwisterchen – von Eifersucht keine Spur. Am Ende blieben nur noch die Zweifel von Birgit Martschin selbst: Würde sie einem fremden Baby genauso viel Liebe geben wie den eigenen Kinder? Trotz der Zweifel meldete sie sich als Pflegemutter an. Nach nur sechs Wochen der erste Anruf: ein kleiner Junge. Als Birgit Martschin ihn zum ersten Mal in die Arme schließt, sind alle Zweifel verschwunden.

„Unglaublich aber das Herz macht da keinen Unterschied. Hält man so einen kleinen Menschen erst mal fest, möchte man ihn nie mehr wieder loslassen.“ Doch ohne Loslassen geht es nicht. „Wenn wir ein Findelbaby bei uns haben, versetzt uns jedes Telefonklingeln in Alarmbereitschaft“, erzählt Birgit Martschin. „Es kann jederzeit passieren, dass die Mutter ihr Kind ganz zurück- oder auch mal nur für ein paar Stunden sehen will.“ Dann setzen die Martschins und Sterni-Park alles in Bewegung, um das Treffen zu organisieren.

Schließlich ist es für die meisten Kinder das Beste, bei der eigenen Mutter aufzuwachsen. Vier Mal schon haben es sich die leiblichen Mütter anders überlegt, die Martschins mussten ihren kleinen Gast wieder abgeben. Das erste Mal war für alle am aufregendsten. Die Autofahrt damals zum Treffpunkt der Übergabe werden Laura und ihre Mutter nie vergessen.

Schweigend saßen sie nebeneinander. „Wir waren beide sehr angespannt“, erinnert sich Birgit Martschin. „Wir wussten schließlich kaum etwas über diese Frau, der wir jetzt ihr Kind zurückgeben sollten.“ Um die Anonymität zu wahren, gibt Sterni-Park nur die Informationen weiter, die für die Betreuung des Kindes wichtig sind. „Natürlich hat man trotzdem ein Bild im Kopf – ob man will oder nicht.“ Kein besonders gutes. Wird sich die Frau dieses Mal ausreichend um ihr Baby kümmern? Oder ist sie wieder überfordert und setzt es vielleicht sogar ein zweites Mal aus? Und dann stand sie da: eine junge, verunsicherte Frau. „Sie war uns so ähnlich. So normal.“ Eine Studentin, die von ihrem Freund verlassen wurde, als sie ihm von ihrer Schwangerschaft erzählte.

Diese Mütter sind nicht herzlos – Birgit Martschin ist es ein Anliegen, das zu betonen. „Die Frauen sind völlig verunsichert und vor allem unglaublich alleine.“ Viele wurden von der eigenen Familie im Stich gelassen oder sind einfach noch viel zu jung, um selbst ein Kind großzuziehen. Sie sehen keinen anderen Ausweg. „Wer weiß, was ich getan hätte, wenn mein Mann und meine Eltern bei der ersten Schwangerschaft nicht hinter mir gestanden hätten.“ Sterni-Park gibt den Frauen das, was sie am dringendsten brauchen: Zeit.

Zeit, um die Panik abklingen zu lassen, um die Gedanken neu zu ordnen und um eine Entscheidung zu treffen, die – egal wie sie ausfällt – ihr Leben für immer verändern wird. In den vergangenen elf Jahren hat die Organisation etwa 500 Mütter betreut, die ihre Schwangerschaft versteckt oder verheimlicht hatten. Sechzig Prozent der Frauen haben sich in den ersten acht Wochen doch noch für ein Leben mit Kind entschieden. Die anderen Findelbabys wachsen bei Adoptiveltern auf. Fast alle werden irgendwann einmal erfahren, wer ihre leibliche Mutter ist. Nur die wenigsten Frauen wollen für immer anonym bleiben.

Auch deshalb beginnen die Martschins mit dem ersten Tag, an dem ein Säugling zu ihnen kommt, Erinnerungen zu sammeln. Für sich selbst und für die zukünftigen Eltern – egal ob es die leiblichen sind oder nicht. Jedes Kind bekommt ein eigenes Spielzeug. Eines, das es auch dann behält, wenn es die Ersatzfamilie wieder verlässt. In Valentinas Bettchen liegt eine rosa Stoffpuppe. Und natürlich sind da die Fotos. Jede noch so kleine Entwicklung hält Birgit Martschin darauf fest. Das schönste Bild aus den gemeinsamen Tagen bekommt einen Ehrenplatz an der Wand im Schlafzimmer, direkt neben der Wickelkommode. Mit jedem kleinen Gast wird die Wand ein bisschen voller. Welches Foto von Valentina hier wohl einen Platz finden wird? Aus den restlichen Bildern bastelt Birgit Martschin zwei Bücher – eines für sich selbst und eines für die neue Familie. In beide legt sie einen Brief an die Kinder, in dem sie schreibt, wie sie die Zeit mit ihnen erlebt hat. Die neuen Eltern wollen meistens alles über die ersten Wochen im Leben ihres Kindes wissen. „Wann wacht das Baby auf? Welches Schlaflied hört es am liebsten?“ So ein kleiner Mensch verbindet.

Zu fast allen Adoptivfamilien halten die Martschins bis heute Kontakt. Manche kommen sogar regelmäßig zu Besuch. „Unsere Familie wird immer größer.“ Es macht Birgit Martschin glücklich zu sehen, wie gut sich ihre Schützlinge entwickeln. Ihre Erfahrung hilft ihr auch, wenn wieder ein Abschied ansteht. Aber obwohl sie weiß, dass es das Beste für die Kinder ist, tut es trotzdem weh. Jedes Mal aufs Neue. Die Martschins nehmen sich deshalb nach jeder Trennung bewusst Zeit, um diese zu verarbeiten. Eine Art Trauerphase, in der sie viel reden und viel gemeinsam unternehmen. Alles, was die Akkus wieder auflädt. Wenn Valentina weg ist, geht es erst einmal in den gemeinsamen Urlaub Richtung Süden. Ohne den selbstlosen Einsatz von Pflegefamilien wie den Martschins wäre die Arbeit von Sterni-Park nicht möglich. Bei den allermeisten jedoch ist nach der ersten oder zweiten Pflegschaft Schluss. Dann tun die Abschiede einfach zu sehr weh.

Anders Birgit Martschin. Das Wichtigste sei, dass sie mit ihrem eigenen Kinderwunsch abgeschlossen habe, ist sie sich sicher. „Wäre das anders, könnte ich kein Kind hergeben.“ So macht sie weiter. Auch nach Valentina, Findelkind Nummer elf, wird nicht Schluss sein. „Irgendwann packt mich immer wieder die Sehnsucht“, sagt die Ersatzmama. „Dann fühle ich mich ein bisschen schwanger und bin bereit für einen neuen kleinen Menschen in unserem Leben.“ An der Wand neben der Wickelkommode ist noch viel Platz.

Interview auf der nächsten Seite:
»Das ist die letzte Möglichkeit, ein Kind zu retten« – Leila Moysich, Leiterin des Projekts „Findelbaby“, eröffnete die erste deutsche Babyklappe.