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Zu dritt im Ehebett: "Mein Sohn schläft jede Nacht in unserem Zimmer – und er ist schon 13"

Ob es einfach nur Gewohnheit ist oder doch Angst, weiß Julia nicht genau. Tatsache ist aber, dass ihr Sohn keine Nacht in seinem Zimmer bleibt und das schon sein Leben lang. Doch die Eltern geben die Hoffnung nicht auf, dass sich das noch ändern wird.

Drei paar Füße in einem Doppelbett

Wenn das Kind jede Nacht ins Elternbett kommt, wird das Eheleben auf eine harte Probe gestellt (Symbolbild)

Getty Images

Wenn Julia* von ihrem Kind und seinen nächtlichen Angewohnheiten erzählt, schwingt manchmal ein gewisser Fatalismus mit, ein Unterton, als habe sie sich ihrem Schicksal ergeben. Nach 13 Jahren mit Kind im Ehebett wundert einen das kaum. Aber die Hoffnung darauf, dass sich die Situation im Schlafzimmer ändern lässt, hat Julia noch nicht ganz aufgegeben. Ihr Mann und sie haben oft genug versucht, den ewigen "Ritzenbewohner" loszuwerden, aber bislang hat es nicht geklappt. Spätestens um zwei Uhr nachts steht ihr Sohn in der Tür des Elternschlafzimmers.

"Seit einem guten halben Jahr ist es immerhin so, dass Linus* in seinem Bett einschläft", erzählt Julia. "Es ist einfach auch zu eng geworden, er ist ja nicht mehr so klein. Und seit der Zeit kommt er auch nur noch ins Bett, wenn mein Mann geschäftlich unterwegs ist. Wenn Mathias* zu Hause ist, muss sich Linus eine Klappmatratze in unserem Schlafzimmer aufbauen." Julia klingt ein bisschen stolz auf diesen Teilerfolg. Den Tipp mit der separaten Matratze hatte sie von einer Freundin bekommen, deren Sohn ebenfalls regelmäßig nachts ins Elternbett kroch – mit 15 noch.

Beim ersten Kind war alles anders

Julia möchte anonym bleiben, das Thema Teenager im Ehebett ist ihr unangenehm, auch wenn in ihrem Freundeskreis mehrere Eltern davon betroffen sind. Mit ihnen tauscht sie sich zwar aus, aber das bedeutet nicht, dass sie ihren Sohn öffentlich zur Schau stellen will. Für das Ehepaar war Linus das zweite Kind, sie hatten bereits eine sechsjährige Tochter, Charlotte*, als er geboren wurde. Ein neugieriges, selbstständiges Mädchen, das bereits mit einem Jahr aus dem Kinderwagen hüpfte und in den Wald rannte. Als Kleinkind für die Eltern etwas anstrengend, weil sie ständig die Welt entdecken wollte und man sie nicht aus den Augen lassen konnte. Auf der anderen Seite aber war sie auch autark. Malte oder spielte in ihrem und vergaß dabei die Welt um sich herum.

Mit Linus war es von vornherein anders. Der Junge war mit einem Hydrocephalus auf die Welt gekommen, einer Erweiterung der mit Liquor gefüllten Flüssigkeitsräume im Gehirn. Sein erstes Lebensjahr war mit vielen Arztbesuchen und großer Sorge um seine Gesundheit verbunden, bis ihm in einer Operation ein sogenannter Shunt gelegt worden war, der die überschüssige Gehirnflüssigkeit in den Bauchraum abführt. Dass diese Furcht beseitigt war, bedeutete aber nicht, dass nun ein sorgloses Leben begann. Julia hatte aufgehört zu arbeiten und verbrachte die nächsten Monate und Jahre damit, ihren Sohn zu Physio- und Ergotherapien sowie zu allen möglichen Ärzten zu bringen, da seine körperliche Entwicklung langsamer voranging als bei anderen Kindern. Als er zwei Jahre alt war, lernte das Kind mit dem großen Kopf und den dünnen Beinchen endlich laufen.

Die Sorge ließ nach, aber ein Thema blieb

Irgendwann hatte sich der Alltag normalisiert. Linus ging in den Kindergarten, war ein ruhiges und aufgewecktes Kind und gern in Gesellschaft. Er saß gern dabei, wenn seine Schwester oder seine Eltern Freunde zu Besuch hatten, baute riesige Konstrukte aus Kapla-Bausteinen, fing an, sich selbst mit Freunden zu verabreden. Nur alleine sein, das mochte Linus nie. Weder tagsüber noch nachts. Auch nicht, als er schon zur Schule ging. Oft sprang seine große Schwester als ein, wenn Julia einkaufen musste oder zum Sport wollte. Oder wenn die Eltern abends gemeinsam etwas unternahmen. Dann durfte Linus auch bei Charlotte schlafen, sie nahm gern Rücksicht auf seine Abneigung gegen das Alleinsein, sie war eine liebe Schwester.

Als Charlotte später häufiger selbst etwas vorhatte, verabredete sich Linus, wenn seine Mutter nachmittags unterwegs war. Und abends kam ein Babysitter, der Linus im Elternbett einschlafen ließ – bei brennender Nachttischlampe und geöffneter Tür.

Was macht der Sex?

"Unser Sexleben hat sich größtenteils aufs Wochenende verlagert, dann hat Linus entweder selbst Schlafbesuch oder schläft bei Freunden", erzählt Julia. "Und solange jemand bei ihm ist, ist alles kein Problem, da kommt er auch nicht rüber." Früher allerdings, als Übernachtungsbesuch noch eher die Ausnahme darstellte, war das schwieriger. Als kein Belohnungssystem half, wurde Julias Mann auch schon mal richtig sauer und drohte Linus mit Handy- oder Laptopentzug, wenn er nicht endlich alleine schlafen würde. Julia litt weniger unter dem Dauergast im Bett, Hauptsache, dem Jungen ging es gut.

Weil das Kultbuch der 1990er Jahre "Jedes Kind kann schlafen lernen" schon bei Linus' Schwester eher für Streit zwischen den Eltern als für das Durchschlafen des Kindes gesorgt hatte, war der Versuch nach der heutzutage ohnehin umstrittenen Trainingsanleitung der Autoren Annette Kast-Zahn und Hartmut Morgenroth vorzugehen, von vornherein zum Scheitern verurteilt.

Ärzte sollen helfen

Da fehlender spontaner Sex das Leben eines Paares aber durchaus belasten kann, haben Julia und Mathias alles Mögliche versucht, um eine Lösung zu finden. Auf Anraten einer Psychologin sollte Linus sich um eine - und Jugendtherapie bemühen, für die er über mehrere Tage diverse Tests in einem Institut absolvieren musste. Das Ergebnis: Das Kind ist kerngesund, es liegt keine pathologische Angststörung vor. Normale Familienstrukturen, keine Auffälligkeiten. Eine Therapie wurde, auch von der Krankenkasse, abgelehnt, weil es einfach nichts zu therapieren gab. 

Ein weiterer Versuch führte Vater und Sohn in die Praxis eines Kinder- und Jugendpsychiaters und bescherte ein vergleichbares Ergebnis. "Der Arzt hat damals zu Linus sowas gesagt wie 'Jetzt reiß dich mal am Riemen, du bist jetzt bald ein Teenager'. Es ist zwar nett, immer wieder zu hören, dass man ein ganz normales Kind hat, aber letztendlich werden wir jedes Mal mit einem Schmunzeln weggeschickt", schildert Julia die erfolglosen Versuche, dem Schlafproblem mit professioneller Hilfe beizukommen. "Damit bleibt es dann ein Erziehungsthema."

Rettungsanker Homöopathie?

"Ich weiß selbst nicht, ob ich an Homöopathie glaube", sagt Julia, "aber es gibt durchaus Mittel, die bei mir funktionieren." Sie selbst macht eine Art Wechseljahrsbegleitung bei einer Homöopathin und redet mit dieser auch viel darüber, wenn ein anderes Familienmitglied mal etwas hat. "Und neulich hat sie zu mir gesagt: 'Ich muss den Jungen jetzt mal sehen'," erklärt Julia ihren Entschluss. "Ich glaube schon, dass man gegen eine innenliegende Angst etwas tun kann, dass man durch Homöopathie den Charakter positivieren oder steuern kann." Julia hat positive Erfahrungen mit Kügelchen gegen ihre Flugangst gemacht. Deswegen will sie das auch mit Linus versuchen.

Sollte auch der Plan fehlschlagen, gibt es einen weiteren Hoffnungsschimmer. "Eine Freundin hat mir neulich mit einem süffisanten Lächeln erzählt, dass ihr Sohn quasi direkt vom elterlichen Ehebett in das Bett seiner Freundin gezogen ist", berichtet Julia. Ihr schiefes Grinsen sagt dabei so etwas wie: Die paar Jahre halten wir auch noch aus.

(*Namen von der Redaktion geändert)


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