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Catherine Meurisse "Weites Land": Eine Kindheit auf dem Lande, so sieht also das Paradies aus

Wie eine Insel in einer Monsanto-verseuchten Umgebung, so beschreibt die französische Illustratorin Catherine Meurisse ihr Zuhause. "Weites Land" liest sich wie ein riesiges Danke an ihre Eltern, die dafür gesorgt haben, dass ihre Töchter selbstbestimmt aufwachsen können.

Klein Catherine kniet stolz af einem Heuballen

Eins mit der Natur: In "Weites Land" erzählt Illustratorin Catherine Meurisse von ihrer Kindheit auf dem Land

Frankreich, 1987, Umzug aufs Land. Die Eltern von Catherine Meurisse kaufen ein Haus, das eigentlich nur noch aus ein paar Seitenwänden aus alten Steinen besteht, auf einem großen Grundstück in Frankreich. In Eigenarbeit wollen sie für sich und ihre Töchter zurückerobern, was der Flurbereinigung und der Landflucht zum Opfer gefallen ist: die Natur und das Leben im Grünen. Das ist ein großes Vorhaben, denn der verfallene Hof muss von Grund auf hergerichtet werden, um ihn bewohnbar zu machen. Die Fußböden bestehen aus dicken Steinen, zwischen denen das Gras hindurchwächst, es gibt kaum Fenster und Türen. Die Landschaft ist weit und karg. Während der Vater als Erstes die Jahreszahl in einen der Steine meißelt, pflanzt die Mutter einen Rosenstock, ein Ableger aus ihrem eigenen Elternhaus.

Die Mutter pflanzt einen Rosenstock, Vater und Kinder inspizieren die Ruine

1987 zog die Familie aufs Land, es bedurfte einiger Fantasie, sich Haus und Garten vorzustellen

Illustration eines Mädchens, das mitten im Grünen steht

"Weites Land" von Catherine Meurisse, Carlsen Verlag, ab 16 Jahren, 18 Euro, hier bestellbar

Meurisse hat die Graphic Novel "Weites Land" ihren Eltern gewidmet, die schon früh erkannt haben, dass Landwirtschaft nach der Monsanto-Produktionsweise nicht nachhaltig ist. Dass es ein Teufelskreis sein kann, riesige Mengen von Futtermais anzubauen und ihn mit dem Blut von Rindern zu düngen, das voller Antibiotika steckt – und mit dem Mais später wieder die Rinder zu füttern. Dass Monokultur, Genmanipulation und Roundup, der Einsatz von Breitbandherbiziden, sich negativ auf die Natur sowie auf die Gesundheit des Menschen auswirken können. Zwei französische Hippies im Widerstand gegen weltweit eingesetzte Methoden eines riesigen Milliardenkonzerns.

Das Leben im Paradies

Die Schwestern wachsen mitten in der Natur mit den Idealen ihrer Eltern und der kulturellen Inspiration insbesondere eines Buches auf, dem "Roman eines Kindes", den der französische Schriftsteller Pierre Loti 1890 veröffentlicht hat. "In seinem autobiographischen Roman erlebt Loti seine Jugend in frischer Farbigkeit nach", heißt es bei Amazon über das Buch. Genau dieses Prinzip hat auch Meurisse für ihre Kindheitserinnerungen in "Weites Land" befolgt. Auf dem zunächst kargen Boden entsteht ein Paradies, Blumen in allen Farben kündigen den Wechsel der Jahreszeiten an. Bäume und Sträucher umsäumen das Gelände allmählich, um den Wind und den Gestank des Düngers auf den Nachbarfeldern abzuhalten. Meurisse und ihre Schwester erfinden zu dieser Umgebung die passenden Fantasiewelten, in denen neben Louis XIV. auch ein Gartenzwerg eine tragende Rolle hat.

Illustration eines kleinen Mädchens vor einem verfallenen Hof

Klein Catherine vor dem neuen Zuhause: Zuerst war es noch ein wenig karg auf dem Gelände ...

Die ersten Blumen wachsen vor dem Haus

... doch allmählich wurden Landschaft und Haus so, wie die Eltern es sich erträumt hatten

Zum Leben auf dem Land gehört ganz selbstverständlich auch der Tod. Nicht nur beim Wursten und Verarbeiten des Fleischs am Schlachttag auf dem Nachbar-Bauernhof. Jedes kleinste Insekt, jeder Vogel wird begraben und ein unverhoffter Knochenfund menschlicher Gebeine wird von den Mädels direkt in ihr sogenanntes Museum überführt, in dem sie sammeln und ausstellen, was ihnen besonders erscheint. Die Mädchen erkunden neugierig die Natur und fühlen sich als Teil davon, als zugehörig. Wie gesund es auch für die menschliche Psyche ist, in einer grünen Umgebung aufzuwachsen, hat gerade erst eine dänische Studie nachgewiesen. Das selbstbestimmte Aufwachsen, die Abwesenheit lauter Nachbarstimmen, die durch die Wand dringen, der freie Blick ins Grüne, die sonnenwarmen Steine des Hauses, alles Faktoren, die helfen, sich zu besinnen und mit sich selbst auseinanderzusetzen.

Erinnert auch an die eigene Kindheit

Die Kindheit und Jugend von Catherine Meurisse mag den ein oder anderen an seine eigene erinnern. Als nicht das neueste Spielzeug das wichtigste im Leben war, sondern das tägliche Abenteuer, wenn man nach der Schule auf Erkundungsjagd in die Nachbarschaft ging.

Meurisses Illustrationen verführen den Leser zu Rückbesinnung und wecken die Sehnsucht nach Grün. Für Städter bleibt ein Trost: Meist ist es gar nicht so weit bis zum nächsten Wald, See oder Bauernhof. Und Sonntagsausflüge können die Lust aufs Land für den Rest der Woche ein wenig stillen.

Ein Buch zum Träumen, Nachdenken und Genießen.

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