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Familienleben: »Die Kinder schreiben mir immer noch Briefe«

Katharina Saalfrank erfüllte mit der Sendung »Die Super Nanny« jahrelang die Quotenträume von RTL. Dann kündigte sie, weil sie mit dem Format nicht mehr zufrieden war. Ein Gespräch aus Nido-Ausgabe #10/2012 über Verantwortung und Familienhilfe vor laufender Kamera.

Interview: Jan Füchtjohann | Fotos: Daniel Josefsohn, Getty Images

Frau Saalfrank, Ende letzten Jahres war es plötzlich vorbei mit Ihrem Job als „Super Nanny“ bei RTL. Was ist passiert?

Ich hatte damals das Gefühl, mich nicht mehr weiterentwickeln zu können. Meine Botschaft war ja: Hier sind Kinder in Not. Ich wollte die wahren Geschichten dieser Familien zeigen. Rundherum gab es aber immer mehr Sendungen, die fiktive, von Drehbuchautoren erfundene Geschichten gezeigt haben – „Scripted Reality“ genannt. Unter diesem Druck wurde auch „Die Super Nanny“ immer schneller geschnitten, dazu gab es dramatisierende Zeitlupen, mit Musik unterlegt, alles unnötig.

Welchen Einfluss hatten Sie darauf, wie die Sendung am Ende aussah?

Gleich zu Beginn meiner Tätigkeit konnte ich das Konzept, das ja aus England kam, verändern: Es sollte zunächst nur um Kinder gehen, die nicht „funktionierten“ und die ich „in den Griff kriegen“ sollte. Das konnte ich aber dann drehen. Stattdessen haben wir uns mehr auf die Eltern konzentriert, der eigentliche Kern des Problems, die oft Schwierigkeiten haben, die Kinder zu verstehen.

Dann sah es bei RTL wieder so aus, als wären vor allem die Kinder schuld.

Nein, im Gegenteil. Unterschiedliche Aspekte haben dazu geführt, dass es für mich Zeit war, etwas Neues zu machen. Die Sendung wurde weniger dokumentarisch und es gab kaum Zeit für Gespräche in den Familien.

Was waren das für Leute, die ein Fernsehteam zu sich ins Haus gerufen haben?

Ich glaube nicht, dass die Leute ein Fernsehteam von RTL gerufen haben, sondern mich. Weil sie glaubten, mich zu kennen. Und sie nahmen in Kauf, dass da noch was dranhängt. Ein paar wollten bestimmt ganz bewusst in die Öffentlichkeit, andere haben woanders keine Hilfe mehr bekommen und waren verzweifelt.

Bildungsbürger haben sich vermutlich eher nicht beworben, oder?

Wir haben einen Querschnitt der menschlichen Schwierigkeiten zu sehen bekommen. Nur weil Herr Müller im Schichtbetrieb arbeitet, heißt das nicht, dass Herr Maier, der in seine Praxis oder Kanzlei geht, nicht auch eine schwierige Beziehung zu seinen Kindern hat. Allerdings gehen Rechtsanwälte und Ärzte mit ihren Problemen nicht so gern in die Öffentlichkeit oder zur Erziehungsberatung. Lieber gehen sie mit ihren Kindern zum Jugendpsychiater oder zum Kinderarzt. Da geht es vor allem um die Probleme der Kinder und nicht die der Eltern.

Hat die Kamera das Verhalten der Leute verändert? Wenn ein Team von RTL zu mir käme, würde ich eher Kaffee anbieten als mit meiner Frau zu streiten.

Kaffee habe ich immer dankend abgelehnt. Aber natürlich sitzt da niemand herum und bohrt in der Nase. Alle fühlen sich erst mal beobachtet. Trotzdem war stets sehr schnell eine Familiendynamik zu erkennen. Manches kann man eben nicht verbergen.

So wie Sie arbeitet aber kein normaler Familienpädagoge, oder?

Doch, die Elemente meiner Arbeit waren an die klassische Familienhilfe angelehnt. Aber in dieser Intensität macht das sonst wohl niemand, so viele Tage und mit direktem Coaching. Besonders war auch, dass ich meine Arbeit permanent auf verschiedenen Ebenen reflektieren musste. Ich wurde ständig vor der Kamera befragt: Wie fühlst du dich? Was denkst du? Wie geht es weiter? Das war sehr anstrengend. Aber auch hilfreich.

Wie war es, wenn Kinder ein inniges Verhältnis zu Ihnen aufgebaut haben?

Die Kinder haben gewusst, dass ich mit ihren Eltern rede, damit es besser für sie wird. Dafür mochten sie mich. Aber ich hatte eine professionelle Beziehung zu allen, mit klaren Grenzen. Ich war keine „Tante“, habe keine Geschenke mitgebracht. Wenn mich ein Kind an der Hand nahm und sagte, dass es mich lieb hat, habe ich geantwortet, dass es mir genauso geht. Also das, was ich echt gefühlt habe. Trotzdem kam immer irgendwann der Punkt, an dem ich mich verabschieden musste: „Es war toll, dass ich dich kennenlernen durfte, ich wünsche dir alles Gute.“

Haben Sie die Kinder je wiedergesehen?

Die Kinder schreiben mir immer noch! Eine ganze Wand in meinem Büro ist voll mit Kinderbildern, Fotos und Briefen von den Familien. Ich denke gerne an viele der Kinder zurück.

Die Kommission für Jugendmedienschutz hat Ihre Sendung stark kritisiert: Sie hätten die Menschenwürde verletzt.

Das ist kein neuer Vorwurf. Ich kann nur sagen, dass ich vor Ort tatsächlich oft gesehen habe, wie die Menschenwürde verletzt wurde. Aber nicht von uns – sondern in den Familien selbst, wo einige Kinder sehr unschöne Dinge erlebt haben.

Wie stehen Sie zu dem Vorwurf, Ihre Sendung hätte Kinder in Situationen der Erniedrigung und Hilflosigkeit zur Schau gestellt?

Es gibt einen Unterschied zwischen „zur Schau stellen“ und zeigen. Die Kinder sollten gesehen werden, mit ihren Kränkungen, ihren Nöten und Ängsten, die sie zu Hause erleben und die sonst niemanden interessieren. Das hat oft etwas angestoßen: Lehrer haben auf einmal verstanden, was da zu Hause los war und ihre Haltung zu dem Kind verändert. Manchmal hat auch die Öffentlichkeit reagiert, oder die Jugendämter haben angefangen, etwas zu tun.

Ihre Sendung wurde auch kritisiert, weil Gewalt gegen Kinder gezeigt wurde, ohne dass jemand eingeschritten ist.

Das ist falsch: Ich selber habe immer eingegriffen! Die Situationen, die Sie beschreiben, sind entstanden, als nur das Team vor Ort war. Ich finde diese Kritik aber absolut widersprüchlich. Denn auf der einen Seite hat uns das Jugendamt immer wieder gesagt, dass es früher leider nichts tun konnte, weil es ja nicht wusste, wie die Verhältnisse wirklich waren und mit „Wir haben nichts gesehen“ argumentiert. Auf der anderen Seite sollten wir die Verhältnisse nicht zeigen. Warum? Damit das Amt auch nichts ändern muss? Das finde ich falsch. Deswegen bin ich gerne bereit, mich dieser Art Kritik zu stellen.

Sie haben das also nur gemacht, weil Sie helfen wollten?

Ich wurde doch um Unterstützung gebeten. Da wäre es falsch, an solchen Stellen wegzusehen – auch wenn das vielen lieber gewesen wäre. Ich verstehe, dass es schwer zu ertragen ist, aber manche Kinder haben das oft schon Jahre aushalten müssen. Wir Menschen lernen in den ersten Jahren so viel wie später nie mehr. Das heißt, dass wir Verantwortung für die Entwicklung der Kinder übernehmen müssen. Ich habe noch während der Schulzeit in Kindergärten gearbeitet und dabei Jungen und Mädchen getroffen, die nicht so gute Entwicklungsmöglichkeiten hatten. Das ist bis heute ein starker Motor für meine Arbeit.

Wie wurden Sie eigentlich zur Expertin im Umgang mit Kindern?

Ich weiß gar nicht, ob ich eine Expertin im Sinne Ihrer Frage bin. Ich mag diese ganzen Superlative nicht: die „Super Nanny“, die mit „hyperaktiven“ Kindern arbeitet. Mich hat eher beeinflusst, dass ich gerne große Schwester war. Ich habe Pädagogik studiert, was aber erst mal nur eine Notlösung war. Denn auf Psychologie hätte ich lange warten müssen, und das mit dem Gesang hat auch nicht geklappt. Im Studium habe ich mich mit behinderten Menschen beschäftigt – danach habe ich mit anderen Augen auf die Welt geschaut. Man sieht, mit wie vielen Vorurteilen die Gesellschaft gerade den Schwächsten begegnet.

Und Sie haben selbst vier Kinder.

Ja. Ich habe schon im Abitur das erste bekommen und war wieder hochschwanger, als ich anfing zu studieren. Das war toll, so konnte ich zu Hause beobachten, was ich gelesen habe. Es hilft sehr, wenn man versteht, dass sich die Trotzphase nicht gegen einen persönlich richtet, sondern dass Kinder das brauchen, um sich gut zu entwickeln.

Inwiefern prägen Ihre Kinder Ihre Sicht auf die Familien, die Sie beraten?

Von prägen würde ich nicht reden. Ich arbeite immer nur mit mir und meinem Gefühl als Instrument. In meiner Ausbildung zur Musiktherapeutin habe ich gelernt, erst einmal mich selbst und meine eigenen Gefühle zu erkunden und zu reflektieren, zu denen natürlich auch die zu meinen Kindern gehören.

Wollten Sie gern ins Fernsehen?

Nein. Am Anfang dachte ich, die suchen eine Expertin für die Arbeit hinter den Kulissen. Wenn man Familienberatung macht, geht die Tür auf, Frau Meier kommt rein und sagt: Mein Kind will nicht schlafen, was soll ich tun? Man berät eine Stunde lang und sie geht wieder. Danach kommt Frau Schmidt mit der gleichen Frage. Also denkt man: Moment, das habe ich gerade schon mal erzählt. Und man fragt sich, ob man übers Fernsehen nicht einfacher mehr Eltern erreichen könnte.

Die „Super Nanny“ war auch die Überbringerin der schlechten Nachricht, dass es Gewalt in deutschen Kinderzimmern gibt. Hat sich daran seitdem etwas geändert?

Vielleicht achtet man heute ein bisschen mehr auf die Probleme der Kinder anstatt auf die Probleme mit Kindern. Leider habe ich kürzlich in einer Studie gelesen, dass vierzig Prozent der Eltern Ohrfeigen und Klapse immer noch als gängiges Erziehungsmittel anwenden. In dieser Hinsicht hat sich in den vergangenen Jahren kaum etwas getan.

Was könnte denn Ihrer Meinung nach besser gemacht werden?

Deutschland ist hier sehr rückständig. Kinder haben erst seit dem Jahr 2000 ein Recht auf gewaltfreie Erziehung, in Schweden etwa gibt es dieses Gesetz schon viel länger. Dazu gab es dort breit angelegte Kampagnen. So ein neuer Konsens fehlt bei uns bis heute.

Wie könnte so eine Kampagne aussehen?

Wenn auf Zigarettenschachteln vor Gesundheitsrisiken gewarnt wird, warum schreibt man nicht auf die Windelpackungen: „Hört euren Kindern zu“? Kinder können sich noch nicht gut selbst äußern. Darum müssen wir das für sie übernehmen.

Was raten Sie mir, wenn ich irgendwo mitbekomme: Diesem Kind geht es nicht so gut in seiner Familie?

Sie sollten nicht sofort drohen: „Ich rufe das Jugendamt!“ Dann machen die Eltern zu. Klüger wäre es, mal Kuchen vorbeizubringen und zu sagen: „Vielleicht gehen wir mal zusammen auf den Spielplatz.“ So kommt man viel eher ins Gespräch.

Sie würden sich nicht an das Amt wenden?

Doch, wenn akute Gefahr besteht. Aber erst sollte man versuchen, mit den Familien in Kontakt zu kommen.

In Erziehungsfragen sind viele Eltern verunsichert. Empfehlen Sie, sich professionelle Hilfe zu holen?

Nein. Eltern geben viel zu viel an Kinderpsychiater und andere sogenannte Fachleute ab. Dabei kennen sie ihre Kinder doch am besten. Mir geht es eher darum, sie merken zu lassen, dass sie selbst Kompetenzen haben. Dazu gehört, dass man sich zugesteht, auch mal nicht zu wissen, was jetzt genau zu tun ist. So ist das Leben.

Und was dann?

Erst mal abregen und auch mal den einen, dann den anderen Weg ausprobieren. Vielleicht liest man auch mal nach, was zum Beispiel die Trotzphase ist. Aber es ist doch Unsinn, dass wir immer gleich alles wissen müssen und unsere Kinder von oben herab erziehen. Viel besser als die ewige Suche nach dem einen richtigen „Wie?“ wäre doch, sich auch mal nach dem „Warum?“ zu fragen: Warum will ich überhaupt, dass mein Kind das und jenes tut oder lässt?

Also keine Ratgeberbücher?

Die finde ich oft schwierig. Vor allem, wenn sie sich nur auf das Verhalten konzentrieren: Was soll ich tun, wenn mein Kind sich vor Wut auf dem Boden wälzt? Woher soll irgendein Lehrer oder Kinderarzt das wissen? Die Eltern kennen ihr Kind und sie kennen die Situation. Sie können am besten einschätzen, was sie gerade wollen und warum.

Vermissen Sie die „Super Nanny“?

Nein. Was mir fehlt, ist die intensive Arbeit mit den Familien. Ich war für jede Sendung sechs Tage lang vor Ort. Heute kommen die Leute meist nur für eine Stunde in die Praxis.

Und fehlt Ihnen die Öffentlichkeit?

Ich kann sehr gut ohne leben. Aber ich habe ein eigenes Abendprogramm und bin auch mal Gast im Radio und in Talkshows.

Würden Sie gerne irgendwann mal wieder Fernsehen machen?

Ich will auf jeden Fall nicht Fernsehen machen, um Fernsehen zu machen. Ich möchte die Dinge sagen, die mir wichtig sind und auf Ungerechtigkeiten aufmerksam machen. Ob im Fernsehen, Radio oder mit einem Buch – das ist Nebensache.

Zur Person:

Katharina Saalfrank wurde 1971 geboren. Sie studierte Pädagogik und ist mit dem Kulturmanager Christian Saalfrank verheiratet. Sie haben vier Söhne. Von September 2004 bis Ende 2011 war Saalfrank die „Super Nanny“ von RTL. Heute hat sie eine Praxis für Familienberatung in Berlin.


Dieser Text ist in der Ausgabe 10/2012 von Nido erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden.

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