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Familienleben: Die bessere Hälfte

Es muss nicht immer Frankreich sein. Auch in Deutschland gibt es einen Teil, in dem Frauen vorleben, wie Job und Kind zusammengehen. Was macht den Osten so modern?

Text: Nataly Bleuel

»Im Osten haben Frauen immer gearbeitet, das macht sie anders. Zum Glück!«

„Als ich vor 20 Jahren zum Studium nach Leipzig kam, fiel mir bald auf, dass die Frauen nicht nur an den Beinen Haare hatten, sondern auch auf den Zähnen. Das mit den Beinen hat sich schnell gegeben. Geblieben ist das Selbstbewusstsein. Im Osten haben Frauen immer gearbeitet, das macht sie anders. Zum Glück! Bei uns in Köln schmiss Frau den Haushalt und versorgte die Kinder, die frühestens mit drei in den Kindergarten gingen – für drei Stunden, da konnte Mama shoppen. Ein Mann, der es ,nötig‘ hatte, dass seine Frau arbeitet, war kein echter Kerl. Ich fand das gut: ,Wenn meine Frau ein Kind will, muss sie zu Hause bleiben, denn ich mache es bestimmt nicht‘, sagte ich damals dreist in der Kneipe – und fünf junge Ostfrauen fielen wütend über mich her. Ich habe den Abend überstanden, lebend, aber geläutert. Unsere Kinder kamen mit eins in die Krippe. Wir arbeiten beide voll, und als meine Frau noch täglich zum Job nach Berlin pendelte, holte unsere Kinderfrau die Zwillinge aus der Kita. Eine Freundin aus Bayern sagte kürzlich, sie könne nicht arbeiten, wegen ihres Jüngsten – und der ist acht. Acht! Das Rollenverständnis im Westen finde ich antiquiert. Ich bin heilfroh, dass es hier anders läuft. Wenn ich Stellen besetze, lade ich keine Bewerberin ein, die drei Jahre in Elternzeit war. Das wirkt auf mich antriebslos. Der einzige Ehestreit, den ich als Geschlechterkampf bezeichnen könnte, ist der um die Frage, ob ich die Spülmaschine falsch einräume. Haare auf den Zähnen, aber – das ist einfach sexy!“

Carl Pfeiffer, 43, Wirt, lebt mit der Journalistin Dorit Kowitz und den Zwillingen Marlene und Paula, 5, in Leipzig


Es gibt einen Begriff, in dem angeblich alles steckt, was gesellschaftspolitisch zukunftsweisend ist. Er klingt nach einer soziologischen Plakette, und vor allem Wissenschaftlern geht er locker über die Lippen, seit sie ihn sich aus Diskussionen in den USA, Skandinavien und Frankreich abgeschaut haben. Die Rede ist vom „Doppel-Karriere-Paar“. „Die Lebensform des Doppel-Karriere-Paares ist eine spezifische Lösung des für die gegenwärtige Gesellschaft immer drängender werdenden Problems der Vereinbarkeit von Beruf und Familie“, sagte der Soziologe Michael Meuser vor einigen Jahren. Gemeint sind, ganz simpel, Partnerschaften, in denen sich Frau und Mann für Karriere und Kinder gleichberechtigt zuständig fühlen. Wer die Karriere nicht so wichtig findet, kann es „Doppel-Ernährer-Paar“ nennen.

Für diese Lebensform gibt es bislang weder Vorbilder und Modelle noch institutionelle Lösungen“, befand der Soziologe Meuser. Solche egalitär veranlagten Paare seien also gewissermaßen „Lebensstilpioniere“.

Über solche Worte kann eine wie Anke Domscheit-Berg nur müde lächeln. Nicht nur weil sie selbst eine Lebensstilpionierin ist, als Ex-Microsoft-Managerin, getrennt erziehende Mutter und Frauenrechtsaktivistin; oder weil sie schon als Kind ein junger Pionier war. Sondern weil sie den erwähnten Lebensstil seit Langem kennt. Oft hat sie es wiederholt, offenbar mögen es die Leute nicht wahrhaben: Im Osten Deutschlands – wo mal die böse DDR war – lebt in fast jedem zweiten Haushalt ein Doppel-Ernährer-Paar. Das sind weniger Doppel-Ernährer als in Schweden, wo sie 66 Prozent ausmachen; aber ähnlich viele wie in Frankreich – das Land, auf das gerne gezeigt wird, wenn es um Kinderbetreuung und moderne Familienpolitik geht.

In Westdeutschland liegt die Quote der Doppel-Karriere-Paare bei 28 Prozent: In über 70 Prozent aller Haushalte verdient einer das Haupteinkommen, und bei fast 60 Prozent ist es der Mann. Man kann das konservativ nennen; schädlich für Wirtschaft, Zukunft und Partnerschaften. Man kann auch deutlichere Wörter benutzen: Teilzeitfalle, Zuverdienermodell, Hausfrauenmodell. Auch wenn das sicher keiner will.

Die Mehrzahl der Frauen – in West wie Ost – hätte gern ein ähnliches Einkommen wie der Partner (O: 69 %, W: 53 % ). In der Studie „Frauen machen Neue Länder – Frauenkarrieren in Ostdeutschland“, sagten sogar 92 Prozent der Ost- und 80 Prozent der Westfrauen, sie wünschten sich eine gleichberechtigte Partnerschaft, also das Doppel-Ernährer-Modell. Nur dass es in den Neuen Ländern eher Normalfall ist. Der Trend weist also gen Osten. Anke Domscheit-Berg sagt dazu süffisant lächelnd: „Ich glaube, der Westen hat sich schon ein bisschen in unsere Richtung entwickelt.“