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Familienleben: Prädikat: Wertlos

Wann ist eine Gesellschaft familienfreundlich? Wenn sie keine Auszeichnung mehr braucht, dass etwas "familienfreundlich" ist.

Was haben die Stadt Gladbeck, das Skigebiet Stubaital und der Elektrogerätehersteller Bosch gemeinsam? Sie eint, dass sie sich alle mit dem Prädikat „familienfreundlich“ schmücken, weil sie irgendwann einmal von irgendjemandem dafür ausgezeichnet wurden. Gladbeck wirbt mit diversen Angeboten, unter anderem dem Projekt „Gesund aufwachsen“, das Schwangere und Mütter von Kindern unter drei Jahren „in allen Lebenslagen unterstützen“ soll; das Stubaital kann mit einem „Big Family Kinderland“ aufwarten, einem „flachen, abgetrennten Areal“, in dem man „ganz leicht“ skifahren lernen kann. Und Bosch? Verspricht zukünftigen Mitarbeitern: „Sie haben viele Möglichkeiten, Ihre Arbeitszeit mit den Zeiten Ihrer Kinder abzustimmen.“ Ja, stimmt. Alles sehr familienfreundlich.

Aber warum genau braucht es dafür eine Auszeichnung? Oder anders herum gefragt: Müsste es nicht der Normalzustand sein, dass ein Unternehmen, eine Stadt, ein Skigebiet, Restaurants, Hotels, ja die Gesellschaft an sich familienfreundlich ist? Und ist nicht die Tatsache, dass es anscheinend solcher Labels bedarf, der beste Beweis für die grundsätzliche Familienunfreundlichkeit unserer Gesellschaft? Denn wenn es ausgewiesene Bereiche gibt, in denen Kinder willkommen sind – dann bedeutet es folgerichtig, dass es ganz viele Bereiche geben muss, in denen sie es nicht sind. Was eine Selbstverständlichkeit sein sollte, wird zu einer Ausnahme, einem Zusatzangebot, mit dem man werben kann. Sollte das Etikett „familienfreundlich“ je als helfender Hinweis für Familien gedacht gewesen sein, die sich in diesem Land schnell als Störenfriede fühlen: Das hat eher nicht funktioniert. Vielleicht war es mal gut gemeint – aber jetzt ist es vor allem eines: ein hervorragendes Marketinginstrument. Wer damit wirbt, muss gut sein, schließlich wird ja ganz offensichtlich auch an die Allerkleinsten gedacht. Gladbeck stellt man sich da doch gleich viel grüner vor, das Stubaital ist wahrscheinlich wirklich ein herzlicher Ort mit lauter gut gelaunten Skilehrern und Bosch nicht irgendein Unternehmen, sondern eines mit menschlichem Antlitz.

Die Familie als prima Zielgruppe – davon zeugen ja auch die Kinderhotel-Ketten, in denen die Welt mit nie versiegendem Zauberbrunnen und monströsen Bobby-Car-Fuhrparks auf Zwergenformat schrumpft; oder die Familiencafés mit Spielzimmer und unbegrenzten Lätzchen. Die Dienstleistung ist einfach: Zu uns dürft ihr kommen, hier stört ihr niemanden – wir sind, ja, familienfreundlich. Das macht das Ganze allerdings nicht weniger fragwürdig. Denn am Ende steht eine Ghettoisierung. Auf der einen Seite der Familienurlaub mit Dauerbespaßung, auf der anderen „adults only“- Aufenthalte im Wellnesshotel. Klar, wenn alle unter sich bleiben, fühlt sich niemand mehr gestört. Aber ob es gut ist, wenn Kinder glauben, an jedem Urlaubsort warte ein Känguru-Maskottchen auf sie und in jedem Café gebe es eine Spielecke mit „Elmar“-Büchern? Ob es sinnvoll ist, Kinder nur in vorformatierte, perfekt auf sie eingerichtete Bereiche zu lassen? Wenn schon Aufkleber, Label, was auch immer, dann wäre ich dafür, es genau umzudrehen, und zwar in eine Warnung: „familienunfreundlich“. Vermutlich wären wir schockiert, wo das überall prangen würde.