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Aus dem Leben einer Mutter

Blaumachen for Future?: "Keiner will da einfach zum Schule schwänzen hin": Warum müssen sich Kinder fürs Protestieren rechtfertigen?

Warum sich ein paar Schüler bei "Fridays for Future" gegen den Vorwurf des Schuleschwänzens verteidigen müssen – und warum Ben dachte, dass er nicht zur Schule muss, weil Notre-Dame brannte ...

Von Andrea Müller

Greta Thunberg bei einer "Fridays for Future"-Demo in Hamburg

Greta Thunberg bei einer "Fridays for Future"-Demo in Hamburg

Picture Alliance

Notre Dame brannte.

"Kann ich jetzt Schule schwänzen, Mama?", fragte Ben am Montagabend, als das Herz von Paris in Flammen aufging – und er zusehen musste, wie seine Mutter aufgeregt durch sämtliche Nachrichtenkanäle zappte, in vergeblicher Hoffnung auf eine Erfolgsmeldung der Pariser Feuerwehr. Erst Stunden später war der Brand im Griff. "Hoff nicht", sagte Caspar seinem Bruder, "glaub' ja nicht, dass du schwänzen kannst, nur weil Notre Dame brennt. Fail!"

Doch Ben bestand darauf, dass Greta Thunberg immer wieder vom Haus in Flammen spreche. Und Bens Gedanke war nachvollziehbar: Ein brennendes Gebäude, bei dessen Anblick hunderte Menschen in Tränen ausbrachen, Greta Thunberg und seine Mutter mit desolatem Gesichtsausdruck: Das war Grund genug zum Schuleschwänzen.

Greta Thunberg: "Unser Haus brennt"

Als fleißige Youtube-User kennen meine Kinder die Sätze der schwedischen Umweltaktivistin und ab der vierten Klasse hat inzwischen ohnehin jeder Schüler Europas im Unterricht darüber debattiert, was Greta mit "Unser Haus brennt" meint.

Thunberg sagt diesen Satz überall, wo Klimagipfel tagen, wo Jugendliche für eine konsequentere Klimapolitik auf die Straße gehen. Er wurde Millionen mal geteilt. Ein Dreiwort-Satz, der symbolisch für den desolaten Zustand der Erde steht, eroberte in den letzten Wochen sämtliche Social-Media-Kanäle.

Nun kann man einen Brand im Herzen Europas, eines kulturell-religiösen Epizentrums, durchaus als apokalyptischen Schock betrachten – auch wenn man älter als zehn ist. Und: Auch wenn in diesem Fall weder ein Anschlag, noch politisch motivierte Brandstiftung dahintersteckt, ist das Netz seitdem voller Spekulationen und Verschwörungstheorien, auch wenn die Pariser Staatsanwaltschaft unmissverständlich erklärt hat, dass die Kathedrale durch einen Fehler der Renovierungsarbeiten Feuer fing und die Ursache lediglich ein technischer Unglücksfall ist. Trotzdem haben die Flammen von Paris etwas ausgelöst: Panik und Hilflosigkeit. Ein Feuer, was den Zustand der Welt zu beschreiben schien.

In vielen Kreisen ist "öko" sein immer noch uncool

So war der Brand von Notre Dame zufällige Symbolik für das, was Thunberg in ihren ausgefeilten Reden beschreibt, die so schlicht wie genial sind: "Ihr sollt Panik haben. Ihr sollt die Angst haben, die ich jeden Tag habe. Ihr sollt handeln, als ob unser Haus brennt. Denn unser Haus steht in Flammen." Sätze, so einprägsam wie ein Werbeslogan, den man sein Leben lang nicht vergisst. "Unser Haus brennt" ist das moderne "Atomkraft? Nein danke".

Wer rund 30 Jahre deutsche Umweltpolitik miterlebt hat, weiß, dass sie immer wieder hinter anderen, vermeintlich wichtigeren Themen zurückgeblieben ist. Nicht zuletzt, weil es in vielen Kreisen einfach immer noch uncool ist, "Öko" zu sein. Bei den Jugendlichen zwischen 13 und 19 ist es wieder hip. Greta Thunberg hat das Problem Klimawandel wieder vor die Augen der Welt gerückt, und auf der Prio-Liste der Politiker hoffentlich ein Stückchen nach oben.

Da musste erst ein autistisches Mädchen aus Stockholm kommen, um Politiker auf Klimagipfeln wegen inkonsequenter, lascher Klimapolitik zu ermahnen, um damit eine neue Jugendbewegung zu erschaffen? Eine, die endlich wieder für ihre Zukunft auf die Straße geht? Seit Thunberg am 20. August des vergangenen Jahres zum ersten Mal Schule schwänzte, um vor dem schwedischen Reichstag fürs Klima zu streiken, ist ihre Message explodiert. Drei Wochen lang, bis zu den Parlamentswahlen, zog sie den Protest täglich durch.

Jetzt ist Gretas Ziel auch das Ziel zigtausender Schüler, von Kanada bis Hamburg. Ihre Forderungen: Die Erderwärmung soll unter zwei Grad gehalten werden. Die Treibhausemissionen sollen jedes Jahr um 15 Prozent gesenkt werden. Die Pläne des Pariser Klimaabkommens sollen eingehalten werden.

So edel der Zweck sein mag, er heiligt nicht die Mittel

Ein paar Mitschüler von Caspar wehren sich jetzt gegen die vielen Vorwürfe, sie würden "Schwänzen for Future", was inzwischen in allen Bundesländern die Gemüter erhitzt. Doch die Schulbehörden sehen es nach wie vor streng: Wer in der Schulzeit für Klimaschutz auf die Straße geht, zählt als Schulschwänzer. So edel der Zweck sein mag, er heiligt nicht die Mittel. Und Schwänzen hat disziplinarische Konsequenzen. Elterngespräche, Einträge im Zeugnis, null Punkte für mündliche Leistungen.

Schulen haben offiziell nicht die Möglichkeit, Schüler für "Fridays for Future" vom Unterricht zu befreien. Auch Greta Thunbergs Besuch in Hamburg hat daran nichts geändert. Sympathie oder Antipathie ist kein Kriterium für das Handeln einer Behörde. Viele Schulleiter und Lehrer befinden sich daher im Zwiespalt, auch wenn sie mit "Fridays for Future" sympathisieren. Sie wollen einerseits ihre Schülerinnen und Schüler unterstützen, sich für Klimaschutz einzusetzen – andererseits ist da noch die Sache mit der Schulpflicht.

Stefan Prigge, Schulleiter des humanistischen "Christianeums" im Hamburger Westen kann sich als Beamter nicht offiziell gegen Vorgaben der Schulbehörde stellen. In seiner Schule hat er den "Fridays for Future" auf dem Vorhof seiner Schule Raum gegeben. Die Arbeitsgruppe "Faire Schule" steht für Nachhaltigkeit und Umwelt-Engagement, ihre Ziele seien identisch mit denen von Greta Thunberg, so Prigge. "Wir stimmen grundsätzlich den Zielen von 'Fridays for Future' zu. Aber wir können unsere Schülerinnen und Schüler nicht vom Unterricht befreien. Durch das Versäumen der Schulstunden geht zu viel fachliches Wissen verloren. Wenn sich Eltern und Kind zur Demo während des Unterrichts entscheiden, erwarten wir zuverlässiges Nacharbeiten des Unterrichtsstoffes und die pünktliche Rückkehr zum Unterricht ab der 5. Stunde."

So ähnlich erklären es Lehrer bundesweit. Mit "den üblichen Verdächtigen" erleben Lehrer die Demonstrationen häufig als "Steilvorlage zum Schwänzen", sagt eine Lehrerin aus Tübingen, die anonym bleiben will. Und wen wundert's, dass man in einigen Bundesländern eine parteipolitische Angelegenheit aus Gretas Mission macht – moralisch betrachtet ist es natürlich die sichere Seite.

"Keiner will da einfach zum Schule schwänzen hin"

Caspars Mitschülern, den Klimaschutz-Demonstranten des Gymnasium Othmarschen, scheint es jedenfalls ernst zu sein. "Keiner will da einfach zum Schule schwänzen hin", sagt Maxim, 15, Schüler aus Caspars Klasse. Er selbst war dabei, als Greta in Hamburg war, war beeindruckt von ihrer Präsenz.

Allerdings will auch er nicht jeden Freitag zu den Demos, da müsse er einfach zu viel Unterrichtsstoff nacharbeiten. Maxim erzählt von einer Karikatur zum Thema, die sie im Philosophie-Unterricht besprochen haben, sie zeigt Menschen auf hoher See auf einem Holzfloß: "Weil ihnen kalt ist, hacken sie ein paar Stückchen Holz vom Floß ab und machen daraus Feuer. So ist es ihnen wenigstens kurz mal warm." Wenn sie in Zukunft so weitermachen, sei das Floß wohl demnächst abgebrannt.

Greta Thunberg in Hamburg