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Bilder gegen das Vergessen: Klaus Becker fotografiert Sternenkinder: "Es gibt nur diese eine Chance"

Sternenkindern ist es meist nicht vergönnt, das Licht der Welt auch nur kurz zu erblicken. Klaus Becker fotografiert sie. Ihren Eltern macht er damit ein unbezahlbares Geschenk: Er schafft eine greifbare Erinnerung. NIDO hat ihn begleitet.

Sternenkind Illustration

Klaus Becker macht sehr würdevolle Aufnahmen von Sternenkindern. Um die Originalbilder zu zeigen, bräuchte es das Einverständnis der Eltern. Es sollten aber durch die Anfragen keine Wunden aufreißen. Daher setzte Grafiker Philipp Möller für NIDO ausgewählte Motive zeichnerisch um.

"Ich möchte gern noch eine schöne Nahaufnahme seiner Hand machen", sagt Klaus Becker und legt seine Kamera zur Seite. Er zieht blaue Einweghandschuhe an und beugt sich zu dem kleinen Bündel vor ihm herunter.

Dort liegt Max (Name geändert), eingewickelt in einen Umhang, auf einer Liege. Sie steht in einem der Kreißsäle des Krankenhauses, in dem der kleine Junge an diesem warmen Herbsttag in Hamburg zur Welt gekommen ist.

Durch die Lamellen des Rollos vorm Fenster fällt Sonne hinein und taucht den Raum in ein warmes Licht.

Becker zieht vorsichtig den Stoff des Umhangs ein Stück zur Seite, damit Max' Arm frei liegt.

Max lässt das alles regungslos geschehen.

Er gibt kein einziges Geräusch von sich.

Max ist tot.

Er ist in der 19. Schwangerschaftswoche im Mutterleib verstorben. Als der Arzt es bemerkte, wurde Max geholt. Der Fotograf Klaus Becker ist nach der Geburt ins Krankenhaus gefahren, um ihn zu fotografieren. Ehrenamtlich. 

Mit den Bildern macht er Max' Eltern ein Geschenk, auf das er ohnehin schwerlich ein Preisschild kleben könnte: Er schafft eine greifbare Erinnerung an ihren Sohn, dem es nicht vergönnt war, das Licht der Welt zu erblicken.

Klaus Becker fotografiert Sternenkinder. Der Begriff bezeichnet Neugeborene, die im Mutterleib, während der Geburt oder kurz danach versterben. Häufig sind es Frühgeburten. Seit 2015 ist der Hamburger bei "Dein Sternenkind" aktiv. Betroffene Eltern, aber auch Angehörige, Ärzte oder Hebammen, können sich unter der Adresse dein-sternenkind.org an die Initiative wenden, um bei Bedarf einen Fotografen anzufordern. Angeschlossene Fotografen im näheren Umkreis bekommen danach einen Alarm auf ihr Smartphone. Dann können sie sich entscheiden, ob sie das Engagement annehmen oder nicht.

Klaus Becker fotografiert ein Sternenkind

Klaus Becker fotografiert Sternenkind Max

Als Max' Vater einen Fotografen sucht, nimmt Klaus Becker an. Bevor er die Bilder macht, trifft er sich mit beiden Eltern vor dem Eingang der Klinik. Ihm gegenüber stehen zwei Menschen, für die im Inneren des Gebäudes kurz zuvor die Welt zusammengebrochen ist, die sich draußen einfach weiterdreht.

Max' Eltern gehen äußerlich unterschiedlich mit seinem Tod um. Sein Papa wirkt sehr geschäftig. Er ist extra noch einmal losgefahren, um etwas zum Anziehen für seinen Sohn zu kaufen. Er hat ja auch den Termin mit dem Fotografen organisiert. Max' Mama steht still daneben. Ihre geröteten Augen schauen die meiste Zeit ohne Ziel an den beiden Männern vorbei. Sie hätte gehört, von tausend Schwangerschaften würden in diesem Stadium nur ganz wenige schiefgehen, sagt sie zwischendurch unvermittelt. Und weiter: "Aber wenn man eine davon ist, nützt die Statistik auch nichts." Ein kurzer Moment der Sprachlosigkeit. Dann bricht Klaus Becker das Schweigen und erläutert den beiden, wie er ihren Sohn für sie fotografieren möchte: Erst einmal ganz in Ruhe und allein - danach gern mit Mutter und Vater zusammen.

Viele Eltern verstört die Vorstellung, gemeinsame Fotos mit ihrem toten Baby zu machen zunächst, erzählt der 52-Jährige. "Ich versuche ihnen dann sehr behutsam, aber auch deutlich klarzumachen, dass es nur diese eine Chance für solche Aufnahmen gibt."

Sätze voller Dankbarkeit

Eine Rundfunkmitarbeiterin sagte ihm einmal, er habe eine beruhigende Stimme. Vielleicht hilft das. Hinterher waren die meisten Eltern jedenfalls froh darüber, wenn sie es gemacht hatten.

Das geht auch aus den zahlreichen Dankesschreiben hervor, die Becker von Hinterbliebenen erhält. Ein Paar schrieb ihm: 

Die Fotoaufnahmen haben es uns ermöglicht, einen viel intensiveren Abschied zu nehmen. Wir hatten große Angst davor, unsere Kleine in den Arm zu nehmen und sie festzuhalten. Dies nicht mehr zu machen, wäre unheimlich traurig und wir hätten es auf ewig bereut.

Wir konnten erfahren, dass es nicht merkwürdig ist, sie zu halten und sie als unsere kleine Tochter wahrzunehmen.

Ein anderes Paar bat ihn mit folgenden Worten darum, ihm schnell die CD mit den Bildern zu schicken:

Wo wir nun wieder zu Hause sind, vermisse ich es jeden Moment sein süßes Gesichtchen anzuschauen.

Wann die Eltern bereit sind, Klaus Becker um die Übersendung der Fotos zu bitten, ist ganz unterschiedlich. "Manche können es kaum erwarten. Sie möchten die Fotos einrahmen und zu Hause aufstellen", sagt er. Andere melden sich erst nach Wochen oder sogar Monaten bei ihm.

Aus Sätzen wie den obenstehenden spricht Dankbarkeit. Klaus Becker rennt zwar nicht ins Feuer, um jemanden aus den Flammen zu ziehen, wie ein Feuerwehrmann. Aber auch er hilft im absoluten Katastrophenfall. Auch er geht dahin, wo ein Mensch es kaum aushalten kann. Warum er sich das antut? Der Grund ist simpel: Er will helfen. Becker kann sich als Freiberufler seine Zeit einteilen, einen Teil davon schenkt er den verwaisten Eltern. Darum nimmt er, selbst Vater dreier Töchter, auch viele der eingehenden Anfragen an. Rund 30 Sternenkinder hat der Hamburger seit 2015 fotografiert.

400 Fotografen engagieren sich bei "Dein Sternenkind"

Sternenkind Illustration

In den meisten Hamburger Krankenhäusern kennen die Ärzte, , Pfleger und Pförtner Klaus Becker mittlerweile. Sie wissen, was er macht und unterstützen ihn in der Regel bei Bedarf. Oft sind es auch Mediziner oder Geburtshelferinnen, die sich für die Eltern an "Dein Sternenkind" wenden. Schlechte Erfahrungen macht er mit den Kliniken selten.

Ein Grund dafür könnte die in den vergangenen Jahren gewachsene Bekanntheit von "Dein Sternenkind" sein. Die Initiative wurde 2013 von Kai Gebel in Seeheim-Jugenheim gegründet. Der 58-jährige Fotograf, Filmemacher und Informatiker war 2010 auf ein Foto im Internet gestoßen, das ihm im Kopf blieb: "Es zeigte eine Mama mit ihrem Baby, aber es war anders als andere Baby-Fotos. Die Frau schaute nicht glücklich, man sah, dass mit dem Kind etwas nicht in Ordnung war. Trotzdem war es ein schönes Foto", sagt er. Über das Bild kam Gebel auf eine US-Organisation, die Sternenkinder fotografierte. Er meldete sich ebenfalls an, war einer von fünf deutschen Fotografen. Seinen ersten Einsatz hatte er erst zwei Jahre später in Heidelberg. Ein amerikanisches Paar, das dort stationiert war, erwartete Zwillinge. Eines der Babys war im Mutterleib gestorben. Gebel verbrachte zwei Tage mit der Familie in der Klinik, fotografierte und filmte.

Den Film, der dabei entstand, zeigte er bei einem Vortrag in München, was einen TV-Bericht nach sich zog. Im Anschluss meldeten sich rund 50 Fotografen bei ihm, die ebenfalls mitmachen wollten. Gebel beschloss, in Deutschland eine eigene Initiative zu gründen. Er brachte eine Website an den Start. Die Kommunikation lief zunächst über Facebook, später über ein Forum auf der Seite. Außerdem wurde eine Alarm-App für die Fotografen eingeführt.

Mittlerweile sind rund 400 aktive Fotografen für "Dein Sternenkind" in Deutschland, Österreich und Teilen der Schweiz unterwegs. Ein elfköpfiges Team kümmert sich um Grafik, Webseitenbetreuung, Kommunikation oder Verwaltungsaufgaben. Im März 2017 wurde ein neuer Server in Betrieb genommen - seither wurden darauf mehr als 22.000 Bilder hochgeladen und archiviert.

2014 wurde das Projekt als "Initiative des Jahres" mit dem Pulsus Award ausgezeichnet, 2017 bekam es den Publikumspreis bei den Smart Hero Awards unter der Schirmherrschaft des Bundeswirtschaftsministeriums. Aktuell ist "Dein Sternenkind" für den Deutschen Engagement-Preis nominiert, der im Dezember vergeben wird. Beim Pulsus Award begegneten sich auch Gebel und Becker das erste Mal, kurze Zeit später stieg der Hamburger mit ein.

Eltern wünschen sich, dass Ihre Kinder in Erinnerung bleiben

Klaus Becker fotografiert Max

Fotograf Klaus Becker zieht Einweghandschuhe an, bevor er Max in eine andere Position bringt

Wie wichtig die Fotos für die Hinterbliebenen sind, weiß Friederike Gienke aus ihrer Arbeit mit den Trauernden. Die Psychologische Psychotherapeutin betreut in ihrer Praxis in Hamburg auch Eltern von Sternenkindern.

"Die Betroffenen haben ja, wenn überhaupt, nach der Geburt nur ganz wenige Momente mit ihren Kindern", sagt Gienke. In den Monaten und Jahren nach dem Verlust hätten viele von ihnen Angst vor dem Vergessen: "Sie fragen sich: Was ist, wenn ich mich nicht mehr an mein Kind erinnere?"

Die Bilder verhelfen den Eltern zu einer dauerhaften und greifbaren Erinnerung. Friederike Gienke ermutigt die Eltern auch dazu, die Fotos zu den Sitzungen mitzubringen und sie ihr zu zeigen. Den Hinterbliebenen tue das gut, denn sie fragen sich häufig: "Darf ich diese Bilder überhaupt jemandem zeigen?"

Verwaiste Eltern haben manchmal Scheu davor, dass sie ihre Freunde und Verwandten mit den Bildern irritieren könnten, sagt die Psychologin. Über Sternenkinder zu sprechen werde häufig vermieden - sei es aus Hilflosigkeit, Unsicherheit oder vermeintlicher Rücksichtnahme. Die Eltern wünschen sich dagegen, dass ihre Kinder in Erinnerung bleiben.

Die Tragik des Erlebten holt den Fotografen erst später ein

Sternenkind Illustration

Klaus Becker hat in seinem Berufsleben einiges gesehen, er war auf der ganzen Welt unterwegs. Für diverse Hilfsorganisationen ebenso wie für eine große Wochenzeitung, bei der er 28 Jahre lang angestellt war. Becker war der erste deutsche Fotograf, der den Dalai Lama zu Hause besuchen durfte. Aber er war auch in den armen Ländern und Krisenherden der Welt unterwegs. Das hat ihn geprägt. Das hat ihm aber auch gezeigt, was Bilder bewirken können.

Bei seinem Engagement für "Dein Sternenkind" erlebt der Marathonläufer regelmäßig, dass es Leid und Schmerz auch vor der eigenen Haustür gibt. Natürlich geht das nicht einfach an ihm vorbei.

Wenn Fotografen von ihrer Arbeit erzählen, hört man oft, die Kamera diene ihnen als Schutzschild. Bei Becker ist es ähnlich. Er sagt: "Wenn ich im Krankenhaus bin und fotografiere, ist es erstmal ein Job, den ich ganz professionell erledige."

Die Tragik des Erlebten holt ihn meist erst später ein. Wenn er hinterher wieder im Auto sitzt etwa. Oder wenn er die Aufnahmen in seinem Arbeitszimmer am großen Bildschirm bearbeitet.

"Ich hab nach einem Job auch schon auch mal das Bedürfnis gespürt, zur Tankstelle zu fahren und mir ein Bier zu kaufen", sagt er. "Ich hab es allerdings noch nie gemacht."

Stattdessen redet er zu Hause mit seiner Frau drüber. Sie bremst ihn auch, wenn sie das Gefühl hat, dass er sich zu viel zumutet.

An dem Tag, als er Max im Krankenhaus fotografiert, erreicht ihn eine weitere Anfrage. Eine Frau sucht einen Fotografen. Auch ihr Kind ist im Mutterleib verstorben. Nun soll möglichst bald die Geburt eingeleitet werden.

Klaus Becker telefoniert kurz mit ihr.

Dann nimmt er an. 


Autor Patrick Rösing hat selbst zwei kleine Kinder. Als er den Fotografen ins Krankenhaus begleitete und im Anschluss den Text verfasste, musste er mehr als einmal heftig schlucken. 


Möchten Sie mehr über Klaus Becker erfahren? Die Filmemacherin Lena Maas hat ein Porträt seiner Arbeit als Reportage-Fotograf erstellt: 


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