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AUS DEM LEBEN EINER MUTTER

Vortrag: Italien!: Warum Eltern ihren Kindern bei Referaten als "Coaches" helfen dürfen

Und, woran arbeitet ihr gerade? Das fragen sich Eltern, wenn ihre Kinder mal wieder ein Referat für die Schule vorbereiten müssen. Als Coaches im Background dürfen sie dabei durchaus eingreifen.

Von Andrea Müller

Referat: Warum Eltern ihren Kindern als "Coaches" helfen dürfen

Wenn Kinder Referate halten sollen – dürfen Eltern ruhig als "Coaches" helfen … (Symbolbild) 

Getty Images

Für Bens letztes Sachkunde-Referat wurden Schüler in Zweiergruppen ausgelost. Ben zog Sergei, einen russischen Jungen, der Anfang des Schuljahres in seine Klasse gekommen war. Mit der deutschen Sprache sei er im Vergleich zu seinen Klassenkameraden immer noch leicht im Rückstand, weshalb er sich um die Bilder kümmern sollte, während Ben für den Text zuständig sei.

Beides sollte in sinnvollem Verhältnis auf einer Din-A-2-Pappe gelayoutet werden, die die Lehrerin verteilt hatte. Die Schüler konnten zwischen folgenden Themen wählen: einem Land, einer Tierart, einem Naturschutzgebiet oder einer Musikrichtung. Die Festlegung des Themas fand nachmittags auf dem Fußballplatz statt.

Sergei wollte gerne über die Taiga Ussuriens, den Lebensraum des Sibirischen Tigers berichten, während Ben lieber über Möpse referieren wollte –  immerhin habe seine Oma einen Mops. Das gängige Mopsbesitzer-Zitat von Loriot "ein Leben mit Mops ist möglich aber sinnlos",  fand er schon einmal eine gute Einleitung.

Ein Referat, nur: Worüber?

Da zwischen sibirischen Tundra-Tigern und Möpsen jedoch kein Konsens zu finden war, brach der nächste Themen-Battle vom Zaun: Weil Sergeis Vater einst Sänger in einem russischen Kosakenchor war, wähnte sich Sergei dank väterlicher Erfahrung bei diesem Thema im Vorteil – was wiederum Ben nicht recht war. Als glühender "Fanta Vier-Fan" wollte Ben lieber über deutschen Hip-Hop berichten, was Sergei "noch nie gehört" hatte und somit total überflüssig fand.

Nach einer knappen Stunde einigten sich die Zehnjährigen auf "Italien" als Thema ihres Referates. Jeder von beiden war (mindestens) einmal dort gewesen, keiner hatte also einen wesentlichen Wissensvorteil. Vortragstermin sollte in drei Wochen sein. Nach zweieinhalb Wochen forderte Ben seinen Mitschüler zum ersten mal auf, endlich die Pappe mit den Bildern zu bekleben, damit er mit dem Text loslegen könne.

Einen Tag vor dem Termin traf die Italien-Pappe dann bei uns zu Hause ein, darauf klebten drei Mini-Fotos. Eines zeigte den schiefen Turm von Pisa, das zweite eine Pizza Margherita, auf Foto Nummer drei war Papst Franziskus zu sehen. Ben war begeistert. Er hatte sofort eine Idee für den Text des Referates: Der Papst isst Pizza in Pisa.

Okay, meinte ich, keine üble Idee, dreimal P, quasi zufällig eine Alliteration. Dennoch füllte der Gesamt- Text weder die ganze Pappe, geschweige denn eine ganze Schulstunde. Das sah Ben zum Glück ähnlich. Da Sergei ihm aber viel zu viel Platz für den Text gelassen hätte, sei er hier nun dringend auf meine Assistenz angewiesen.

Erinnerungen werden wach

Selbstverständlich ohne dabei in den Verdacht zu geraten, ich habe sein Referat geschrieben. Er erörterte den dafür nötigen Ablaufplan: Zunächst solle ich ihm bitte den Wikipedia-Eintrag über den Schiefen Turm von Pisa vorlesen. "Aber Mama, bitte die langen und komplizierten Sätze rauslassen, also bitte so lesen, dass man es direkt kapiert." Sprich: Ich sollte den Text also während des Lesens kürzen und so zusammenfassen, dass er direkt mitschreiben konnte. Im Prinzip nennt sich das diktieren, sagte ich, was Ben anders sah, da er das von mir Vorgelesene in eigener Sprache zu Papier brachte.

Ich erzählte Ben, dass mich das Ganze stark an mein Volontariat bei einer großen deutschen Zeitschrift erinnere, wo ich damals als so genannte "Recherchiermaus" Interviews führte, Archivmaterial markerte und daraus fleißig Rechercheberichte tippte. Die "Autoren", meist alte, weiße Männer, schmückten sich dann quasi mit den Federn von uns "Recherchiermäusen". Sie kürzten unsere Rechercheprotokolle auf ein Minimum zusammen und ließen ihre Namen unter die fertigen Artikel drucken. Für unsereins war bereits eine Nennung unter der Autorenzeile unter "Mitarbeit Doppelpunkt" eine Ehre – wenn wir überhaupt genannt wurden.

Ben hatte jetzt also die Rolle des Autors inne und fand die Idee mit den Mitarbeiterzeilen ganz gut. Auch die Namen von Sergeis Eltern sollten unter Mitarbeit genannt werden, immerhin haben sie die Bildauswahl gemacht. Und wir könnten einen Teil des freien Textplatzes füllen. Ben schrieb also den von mir vorgelesenen Text auf seine Art nieder – und lernte ihn dabei direkt auswendig.

Da der Platz auf der Pappe ja gefüllt werden musste, schrieb er in extra-großer Schönschrift: "Die Schieflage des Turmes von Pisa kommt daher, dass der Untergrund aus Morast und Sand bestand, was die Italiener damals noch nicht wussten. Weil sie Angst hatten, dass der Turm umkippt, haben sie rund 100 Jahre gewartet, bis sie ihn endlich fertig bauten. Galileo Galilei hat dann mit Fallversuchen am schiefen Turm die Fallgesetze erforscht." Um den Beitrag abzurunden, schrieb Ben: "Galileo Galilei ist bei den Fallversuchen nicht gestorben, später aber schon."

Viel meckern und motzen

Meinen Einwand, dass sich das Wort Fallversuche nicht darauf bezog, dass er sich selbst vom Turm fallen ließ, fand Ben unerheblich. Dann kamen wir zum zweiten Punkt: der Pizza Margherita. Die Margherita wurde im Jahre 1889 in Neapel nach der Frau des damaligen Königs Umberto benannt. Sie ließ ihre Pizza in den Farben der Tricolore belegen: grün, wie Basilikum, weiß wie Mozzarella und rot wie Tomaten. Darunter schrieb Ben extragroß den Namen des Pizzabäckers: Pizzaiolo Raffaele Esposito von der Pizzeria Brandi. Um ihn nochmal für seine tolle Erfindung zu würdigen, wie er sagte. 

Beim letzten und schwierigsten Punkt seines Referates, dem Papst Franziskus, hatte Ben keine Lust mehr und fing an zu motzen: Es sei eine Kackidee von Sergei ausgerechnet den Papst aufzukleben. Schließlich sei der Lebenslauf von so uralten Leuten einfach zu lang. Und sowieso: Er hätte doch einfach den von Mario Balotelli oder einem anderen italienischen Nationalspieler aussuchen sollen.

Ich riet ihm, sich nicht bei Wikipedia zu bedienen, sondern sich einfach darauf zu besinnen, was ihm beim Kommunionsunterricht beigebracht worden war. Oder sich an das letzte Mal zu erinnern, als der Papst der Welt seinen Ostersegen erteilte, was er mit seiner Großmutter vor dem Fernseher verfolgte.

Dazu fiel Ben folgendes ein: "Der aktuelle Papst ist Argentinier, genau wie Lionel Messi. Der Papst kann nicht Fußball spielen. Aber: Er kann von Rom aus Ostersegen auf der ganzen Welt verteilen – und kümmert sich um alle Kinder, denen die Katholische Kirche beim Fußball übel mitgespielt hat. Er spricht sehr viele Sprachen und ist der Sohn eines Bäckers aus Turin. Er hat schon als kleiner Junge Brot an die armen Kinder verteilt – und ist deswegen Papst geworden ..."

Gut, so kann man es sehen. Die letzten zwanzig Zeilen des Referates habe Sergei vorgetragen. Er verlas die Namen der vier jüngeren Geschwister des Papstes und die Mitarbeiter-Zeilen. Ich komme auch darin vor. Das Referat, behauptet Ben, sei super gelaufen. Die Lehrerin habe sich eine Zwei notiert.

Der Sechstklässler Xu trägt seinen körperbehinderten, besten Freund Zhang täglich in die Schule.