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Aus dem Leben einer Mutter

Sein Mitschüler will zur DPA: Vorahnung Schülerpraktikum: Will mein Sohn jetzt Pizzabäcker werden?

Beim Antritt der Schülerpraktika keimt zum ersten mal eine zarte Vorahnung auf, in welche Richtung die berufliche Reise unserer Kinder geht. Nur was, wenn man als Mutter das Gefühl bekommt, dass der Sohn in die falsche Richtung fährt?

Von Andrea Müller

Pizzabäcker

Dieses Praktikum soll zeigen, in welche Richtung sich die Kinder beruflich bewegen wollen. Mein Sohn hat sich zur Arbeit am Pizzaofen entschieden.

Unsplash

Als Caspar mir mit 11 Jahren eröffnete, dass er das erste Praktikum seines Lebens im Fischladen absolvieren würde, fand ich das nur konsequent.

Fische gehören neben Fortnite und dem Wiederaufstieg des Hamburger Sportvereins in die erste Bundesliga zu den wenigen Dingen, die ihn wirklich beschäftigen. Sein erstes Wort – lange vor Mama und Papa – war "Fisch", seine Fischereiprüfung bestand er pünktlich zum 14. Geburtstag fehlerfrei – gemessen an seiner generellen Lernbereitschaft ein Wunder. Übrigens genau wie sein Cousin Max, was auf eine familiär bedingte Fisch-Faszination von großväterlicher Seite schließen lässt.

Anders als andere Tierliebhaber, welche Tiere, die sie lieben, nicht essen, erfreuen sich Caspar und sein Cousin durchaus an einer gut gegrillten Seezunge auf dem Teller. Seit Jahren gehen ganze Urlaubstage mit dem Keschern kleiner Fische drauf, mit Schnorcheln zwischen Wolfsbarschen und Rotbrassen. Abends lässt Caspar seine Trophäen wieder frei. Töten sei nicht so sein Ding.

Von Männern die fischen und jagen

Ab dem 16. Lebensjahr könne sich das rapide ändern, sagt meine Schwester. Da kommen testosterongetränkte, junge Männer schonmal mit frisch geangelten Bachforellen nach Hause. Mein Neffe legt regelmäßig meterlange Blutspuren vom Kopfsteinpflaster der Hofeinfahrt bis zum Kühlschrank, wo das tote Tier dekorativ neben dem Kartoffelsalat gelagert wird, ehe der Junge es eigenhändig zum Abendessen verarbeitet. So kommt die Familie ab und an in den Genuss dieses archaischen Gefühls aus den Wurzeln der Menschheit, als Männer noch fischten und jagten.

Für das zweite Schülerpraktikum in der Siebten wählte Caspar dann die Eisdiele. Das Paradies auf Erden, klar: das tägliche Befüllen von rund 100 Waffelhörnchen bei Luigi und nebenbei eine vergleichbare Gratis-Befüllung des eigenen Magens. Auch wenn ein menschlicher Organismus die tägliche Zufuhr von rund 10.000 Kalorien in Form von Glucosesirup, Zucker, Schlagsahne und Farbstoffen höchstens eine Woche lang verkraften kann. Am Ende begreift der Praktikant, dass ein Erdbeereis nur zu 8 Prozent aus Erdbeeren besteht, ansonsten aus tonnenweise weissem Zucker und Fremdwörtern: "Keine Ahnung was Emulgatoren, Maltodextrin, Natriumalginat oder Phosphatide genau sind. Aber giftig können sie nicht sein, sonst wäre ich ja schon tot!" sagt Caspar, logisch.

Seine Zukunft als Eismann ist noch nicht ganz vom Tisch, auch wenn er lieber "irgendwie als Chef zu Langnese" will. Kleine Einzelhändler hätten "echt zu viel Arbeit."

Während noch vor zwei Jahren Schüler seiner Klasse ihre Kinderfantasien im "Bonscheladen" oder der Süßwarenabteilung des Alsterhauses auslebten, ist jetzt in der Neunten erstmals Ernsthaftigkeit eingekehrt. Das berufsbildende Praktikum soll sich auf die spätere Berufswahl beziehen.

Die anderen wollen fürs Schülerpraktikum zu Airbus, ins DESY oder zur DPA …

Die meisten Jungs in Caspars Klasse haben inzwischen einen Ehrgeiz entwickelt, der als Pflänzchen ihrer eigenen Identität langsam aber sicher hervorsprießt.  Sie wollen später Lebensretter bei "Ärzte ohne Grenzen" werden, Top-Ingenieure oder gefeierte Poetry-Slammer. Ein Schulfreund Caspars begründet die Wahl seines Berufs-Praktikums bei "Airbus" so: Airbus habe die umfangreichste Verkehrsflugzeugflotte, sei Marktführer bei Kampfflugzeugen und Militärhubschraubern. Im letzten Jahr erwirtschaftete das Raum- und Luftfahrt-Unternehmen einen Umsatz von 59 Milliarden Euro. Und er, Caspars Nebensitzer, sei vor allem an der Fertigung von Rumpfstruktur und Klimasystemen interessiert...

Ein anderer Klassenkamerad hat sich bei der DESY (dem Deutschen Elektronen-Synchroton Forschungszentrum) beworben, weil er sich explizit für Teilchenbeschleuniger und die Forschung mit Photonen interessiert, was er auch als wesentlichen, späteren Berufsweg sieht.

Ein Dritter macht ein Praktikum bei der DPA, weil er wissen will, wie Nachrichten in die Medien kommen. Was Caspar total unnötig findet: "Im Schlafanzug vom Sofa aus. Seh ich ja bei Dir, Mama!" Die oben genannten Schüler hatten übrigens alle mit Hilfe ihrer Eltern ihre Bewerbungen geschrieben und mit etwas Vitamin B dann auch ihre Praktika ergattert.

… mein Sohn will an den Pizzaofen!

Caspar wollte keinerlei Unterstützung beim Bewerbungsschreiben. Denn dort wo er hinwollte, käme er am besten mit eigenen Worten hin. Die meisten sprechen dort eh kein Deutsch und davon mal abgesehen, können die einen nicht leiden, wenn man so aufgeblasene, deutsche Sätze schreibt (wie ich), die ein normaler Italiener eh nicht versteht: Caspars Begründung im Bewerbungsschreiben warum er dort arbeiten will: "Pizza ist mein absolutes Lieblingsessen. Deswegen habe ich unheimliche Lust, in Ihrer Pizzeria zu arbeiten!"

Er wurde angenommen. Ab Januar arbeitet mein Sohn drei Wochen lang in einer Ottenser Osteria und hofft auf großzügigen Tipp für allerhand Fortnite-Skills.

Also: Fischladen, Eisdiele, Pizzeria. Betrachtet man die Inhalte seiner bisherigen Arbeitsplätze, zeigt sich eine relativ konsequente Vorliebe zu Genussmitteln. Wenn das so weitergeht mit den sinnliche Freuden des Lebens, macht er sein nächstes Praktikum in einer Cocktailbar, dicht gefolgt von einem Etablissement, wo Mädchen an Stangen tanzen. Müssen wir als Eltern damit rechnen, dass die Fortsetzung des Vertriebes jenseits des legalen Rahmens endet?

Also ich weiss jetzt nicht genau, ob mein Sohn wirklich Wirt, Kellner oder Pizzabäcker werden will. Aber Dünkelhaftigkeit mal beiseite.

Ob er nach der tausendsten Pizza auch noch glücklich wäre?

Ich gehöre nicht zu den Müttern, die später sagen wollen: "Also mein Sohn studiert ja Medizin! Und Ihrer?". Ich habe mich schon immer über Menschen gewundert, die andere Menschen mit Titeln oder Berufen vorstellten, Motto: "Darf ich vorstellen, der Herr Rechtsanwalt XY" – als würde das etwas über die Qualität eines Menschen verraten, was sofort übermittelt gehört. Ich kann mir nur echt nicht vorstellen, dass meinen Sohn die tausendste, in den Holzofen geschobene Pizza Margherita, wenn er sie formt, belegt, serviert oder auch nur ißt, dann immer noch glücklich machen wird.

Ich war zum Beispiel auch stolz auf ihn, als er mit elf wie Verleihnix mit grüner Schürze und oranger Mütze im Fischladen Rotbarschfilets verkaufte. Wie froh er war, dass die im Morgengrauen erstandene Ware auf dem Hamburger Fischmarkt schon tot war, ehe sie verladen wurde, und dass er sie nicht säubern musste. Als ich am Abend die verseuchten Klamotten des Junior-Fischverkäufers in den Wäschepuff packte, musste ich an meinen ersten Fischmarktbesuch denken. Den Duft von Räucheraal bei "Aalkai" zum Frühschoppen mit Livemusik – und wie verdammt übel es mir bis heute dabei wird. Ich hasse Fisch. Kurz vor dem Einschlafen dachte ich: Bitte lieber Gott, mach, dass er nicht Fischhändler wird! Seither bete ich bei jedem Berufspraktikum.

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