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Aus dem Leben einer Mutter

Aussage der Familienministerin: Weniger Unterhalt von Trennungsvätern? Wie Frau Giffey mir fast die "Skiferien" versaut hätte

Während meine Kinder in Lech Skifahren, sitze ich im Hamburger Regen und arbeite. Kein Problem, wäre da nicht diese Äußerung von Franziska Giffey ...

Von Andrea Müller

Franziska Giffey hat viele alleinerziehende Mütter gegen sich aufgebracht

Franziska Giffey hat viele alleinerziehende Mütter gegen sich aufgebracht – so auch unsere Autorin 

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Eigentlich ist es immer eine gute Woche für mich, wenn meine Kinder in den "Skiferien" sind. Zwar sind die verfrühten Osterferien ein merkwürdiges Oberschichten-Privileg der Hansestadt – Bayern hat ja auch keine "Krabbenpul-Ferien" – und lässt unsereins, das Volk, was sich solche Reisen nicht leisten kann, im Regen hocken – aber eine gute Woche ist es dennoch.

Für mich bedeuten Skiferien Vollzeit-Arbeit, wenn die Kinder weg sind. Aber im Grunde genommen, ist das kein Problem, denn zum Glück liebe ich meine Arbeit.

Ich hatte mich also auf ein paar arbeitsintensive aber angenehme Tage eingestellt – wäre da nur nicht diese soziale Ungerechtigkeit!

Am Tag vor der Abreise meiner Kinder fuhr ich los, um Wollsocken und Skiunterwäsche zu besorgen – damit sie nicht auch auch noch frieren müssen, während ihre Maßstäbe für Normalität auf der Luxusalm versaut werden. 

Auf dem Weg hatte ich fast einen Auffahrunfall. Vor Schreck legte ich eine Vollbremsung an einer gelben Ampel hin, als ich im Radio von Plänen unserer Familienministerin Franziska Giffey hörte: Väter von Trennungskindern sollen gesetzlich finanziell besser gestellt werden. Väter sollen in Zukunft weniger Unterhalt bezahlen "wenn das Kind viel Zeit bei ihm verbringt und sogar ein eigenes Zimmer bei ihm hat". Das Recht müsse hier der gesellschaftlichen Realität angepasst werden.

Meine gesellschaftliche Realität sieht anders aus

Zuerst dachte ich an einen Aprilscherz, dann fiel mir ein, wir haben erst März. Meine gesellschaftliche Realität: Während meine Kinder in Lech am Arlberg von Menschen umgeben sind, die für ihr Hotelzimmer pro Nacht so viel bezahlen wie ich im Monat verdiene, versuche ich mir vorzustellen, was sie wohl denken werden, wenn sie zurück bei Mama wieder so viele Tage Bolognese essen müssen, bis die Bolognese eben alle ist.

Natürlich ist es glamourös und schick für meine Kinder. Denn der wohlhabende Hanseat versucht ja möglichst nicht anzugeben, während er sich zum Abendessen Poulliy Fumé für 200 Euro pro Flasche bestellt und Moncler-Skijacken trägt. Ich bin aber sicher, die Freunde meiner Kinder fragen ihre Eltern nicht in der Schlange bei Aldi, wenn der Einkaufswagen ziemlich voll ist: "Sag mal Mama, haben wir denn so viel Geld?", so wie Ben mich neulich. Wahrscheinlich gehen sie gar nicht zu Aldi.

Tja, hätte ich mal ein bisschen die Zähne zusammen gebissen, würde ich jetzt vielleicht auch mit Schampus im Silberbecher im Po-beheizten Sessellift durch die Lechtaler Alpen schweben und jodelnd der "Roten Wand" zuprosten.

Ich will jetzt nicht jammern. Denn ich finde Kinderbetreuung in den Ferien zu Hause im Vergleich zum Texten harte Arbeit. Früher gab es im Büro immer den Joke für Mütter: Na, kommst du ins Büro, um dich zu erholen?

Seit sie "groß" sind, kann ich in Gegenwart meiner Kinder nicht mehr arbeiten

Schulkinder sind noch schlimmer als Windelkinder. Wenn sie mit lautstarkem Zocken in allen Räumen durch sind, brüllen sie im Sieben-Minuten Takt: "Mama, mir ist langweilig!", "Mama, ich habe Hunger!", "Mama, was machen wir heute?" Von wegen Schnuller rein, Klappe zu. Im Kleinkindalter kann man sie wenigstens noch unpädagogisch vor dem Disney-Channel parken. Seit sie "groß" sind, kann ich in Anwesenheit meiner Kinder überhaupt nicht mehr arbeiten.

Apropos, gesellschaftliche Realität – in meinem Fall hieße Giffeys Vorschlag: Ich zahle Unterhalt für die Woche, in denen die Kinder mit ihrem Vater (jetzt in Lech) sind. Das entspräche in Anlehnung an mein Gehalt dem Gegenwert von zwei Germknödeln plus Kakao pro Kind und einem Jagertee für ihn und seine Freundin, die dann vor der Hütte in der Sonne auf mich anstoßen können.

Ich könnte mir währenddessen schon mal eine Zwei-Zimmer-Wohnung im Souterrain in Mümmelmannsberg suchen. Schlafcouch, Esstisch und Schreibtisch im einen Zimmer, die Betten der Jungs im anderen. 

Gesellschaftliche Realität.

In welcher Realität lebt Frau Giffey?

Die seit Jahren erfolgreich lamentierende, alleinerziehende Mutter und Bloggerin Christine Finke hat sofort eine Petition gegen Giffeys Forderung ins Leben gerufen, sie twitterte: "Jedes Mal wenn Franziska Giffey sagt, man müsse die getrennten Väter entlasten, […] fällt eine übermüdete Alleinerziehende von der Schlafcouch im Kinderzimmer." Und: "Einer betreut, einer bezahlt? Das ist ganz mieses Framing, Frau Giffey."

Ich weiß jetzt nicht, in welcher gesellschaftlichen Realität unsere Familienministerin so lebt, ob sie in ihrer Freizeit mit getrennten Vollzeit-Mamis befreundet ist. Wohl kaum, solche Mütter haben keine Zeit für Freundschaften. Oder ob vielleicht der beste Kumpel ihres Amtstierarzt-Gatten ständig über seine Ex lamentiert, weil er so viel bezahlen muss? Alle getrennten Väter jammern. Fast alle fühlen sich geschröpft von ihren Exen, alle beschweren sich, warum unsereins nach Jahren des Mutterseins und Job auf Sparflamme nach der Trennung nicht endlich mal so viel verdienen kann wie früher. Ehe wir Mütter und über 40 waren.

Gesellschaftliche Realität: Welche Alleinerziehende in Vollzeit verdient so viel, dass sie sich eine Nanny leisten kann? Wie machen das Vollzeit-Single-Moms an der Kasse bei Lidl? Die Kitas schließen um 18 Uhr, Lidl um 21 Uhr?

Willkommen in der gesellschaftlichen Realität: Die meisten getrennten Teilzeit-Mütter verdienen weniger als ein Drittel des Gehaltes der Väter, manche arbeiten überhaupt nicht, weil Arbeitgeber nicht auf Teilzeit-Mütter stehen. Oder sie haben einen Mini-Job, 400 Euro im Monat. Viele beziehen Sozialleistungen.

Zwei Drittel der Väter nehmen keine Elternzeit, zwei Drittel der Mütter minderjähriger Kinder arbeiten Teilzeit. Wer hat mehr Geld zur Verfügung? Wer muss sich mehr um die Kinder kümmern?

Anti-feministische Propaganda fürs Patriarchat

Franziska Giffey hat den Zorn der Alleinerziehenden auf sich gezogen. Etwas Verräterischerers und Illoyaleres am eigenen Geschlecht, ausgerechnet jenen mit dem größten Armmutsrisiko, habe ich selten gehört. Anti-feministische Propaganda fürs Partriarchat aus den Reihen der SPD.

Ich sehe sie vor mir, frohlockende Trennungs-Väter, die Giffeys Forderungen feiern: Endlich eine, die den störrischen Ex-Frauen die Leviten liest, sollen sie doch mal sehen, wie es ist, wenn Papi nicht immer alles zahlt.

Natürlich ist es nur gefühlte Realität "geschröpfter" Väter. Die sich immer auch gerne mal was zurückholen, wenn sie meinen, sie haben schon wieder so viel bezahlt. So perfide, im kleinen Alltäglichen.

So sollte ich etwa Ben "nochmal eben zum Friseur bringen", weil sein Vater bereits den Friseurbesuch von Bens Bruders finanziert hatte. Damit er hübsch auf der Piste der Schönen und Reichen glänze. Zu meiner Freude entschied Ben sich für einen 13-Euro-Hip-Hop-Gangsta-Cut beim Türken. Leicht verschnibbelt, die Seiten krass ausrasiert, oben lang, er sieht aus wie das jüngste Mitglied einer Neuköllner Jugendgang aus "4 Blocks", ultracool. Keine Ahnung, wie das ankam auf der glamourösen Alm, doch ich bin sicher: Er ist er Einzige da mit einem Haarschnitt aus der gesellschaftlichen Realität!

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