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Aus dem Leben einer Mutter

Holy Horror Night: Heiligabend mit dem Ex: Wenn Weihnachten zur Herausforderung wird

Für viele getrennte Eltern ist Heiligabend eine alljährliche Herausforderung. Wenn sich altgediente Streithähne an Weihnachten den Kindern zuliebe zusammenraufen.

Von Andrea Müller

Heiligabend mit dem Ex: Wenn Weihnachten zur Herausforderung wird

Wenn man Heiligabend wegen der gemeinsamen Kinder mit dem Ex verbringt, ist die Stimmung meistens nicht so friedlich wie im Vorweihnachtsprogramm des ZDF

Getty Images

Heute ist Heiligabend, was mir eher ungelegen kommt. Ich finde, getrennte Eltern, deren Beziehungsgeschichte immer am Rande des Vulkans spielt, sollten maximal einen Weihnachtstag gemeinsam verbringen – wenn überhaupt. So machen wir das zumindest.

Zugegeben, ich bin dabei kein Part einer modernen Vorzeige-Patchworkfamilie, wie man sie aus dem Vorweihnachtsprogramm des ZDF kennt. Ich verstehe all das nicht. Diese Eltern, die sich friedlich getrennt, friedlich auseinandergelebt und dann friedlich neu wieder verliebt haben. Ex-Frauen, die beim weihnachtlichen Fleischfondue jovial der Freundin des Ehemannes zuprosten, obwohl sie sich gegenseitig lieber in der Brühe hätten, gegrillt, beim Rinderfilet.

Nein, ich bin nicht wie meine multi-tolerante Freundin, die neben ihrem knutschenden Ex, seiner Neuen und deren schwulen Bruder mit seinem neuem Mann und dem Hund unterm Weihnachtsbaum „Stille Nacht“ singt – und findet, dass alles voll in Ordnung ist. Sieben Stunden in der Küche Gans zu machen und dabei zuzusehen, wie deine Kinder Papis neuem Schwager ein regenbogenfarbenes Päckchen überreichen? Warum tun Frauen so etwas? Irgendwo hört Nächstenliebe auf.

Weihnachten mit dem Ex? Den Kindern zuliebe

Mir reicht es, wenn der harte Familienkern Heiligabend unter einen Baum sitzt, die Aufgaben, wer was besorgt und zubereitet, gerecht verteilt sind und wir den Abend bis auf Weiteres unfallfrei überstehen – ohne dass einer brennt, heult oder in die Notaufnahme muss.

Heiligabend ist der einzige Abend im Jahr, an dem der Kindsvater und ich einfach mal vergessen, dass wir eigentlich so sind wie Max und Oskar aus der "Blauen Gruppe" in Caspars ehemaliger Kita, die ab der Vorschule in getrennte Klassen gesteckt werden mussten: jedes Mal, wenn Max Oskars Bauklotzburg erblickte, zerstörte er sie ohne Ankündigung, sobald er den Raum betrat und Oskar begann zu schreien wie sein Namensvetter aus der "Blechtrommel". Woraufhin Max den schreienden Oskar auf dem Bauklotzhaufen niederwalzte und ihm bei Bedarf einen Bauklotz in den Mund stopfte.

Trotzdem entspricht ein gemeinsamer Heiligabend dem Wunsch unserer Kinder und wird tatsächlich jedes Mal dann doch noch ganz nett. Die Örtlichkeit des Heiligen Abends variiert, je nach Wohnsituation, wer gerade mehr Platz hat.

"Ich feiere nicht mit dir Heiligabend!"

Es war an einem 22. Dezember, als Caspars und Bens Vater mit einer stolzen Nordmanntanne vor meiner Tür stan, die er im Wohnzimmer aufstellen wollte. Im Flur lagen noch irgendwelche Zettel aus einem der Schulranzen der Kinder, die ich längst hätte unterschreiben, abschneiden und irgendwo, was weiß ich wo, abgeben hätte müssen – so etwas in der Art. Ich weiß nicht mehr, welche Worte dann genau gefallen sind.

Meine Bauklotzburg begann in dem Moment einzustürzen, als er fragte,  wann ich wohl gedenke, diese Zettel ordnungsgemäß auszufüllen und abzugeben. Davon abgesehen, dass ich ihm natürlich keine Antwort schulde und die Frage den üblichen Rahmen eines vorweihnachtlichen Treffens sprengt, bei dem der Christbaum aufgestellt werden soll. Einen hausdurchsuchungsmässigen Filzer und inquisitorischen Fragesteller, der permanent nach verdächtigen Gegenständen in meiner Wohnung fahndet, die mich unverzeihlicher Schlampigkeit bezichtigen, kann ich nun einmal nicht gebrauchen – schon gar nicht kurz vor Weihnachten.

Ich sagte also: "Ich feiere nicht mit dir Heiligabend!" Daraufhin er: "Und ich auch nicht mit dir." Er könne dann gehen und den blöden Baum direkt wieder mitnehmen. Er stolperte die Treppe herunter, ich kickte und zog wutentbrannt den Baum mit der Spitze vorne hinter dem Baumbesitzer her, welcher jammerte: "Du machst den schönen Baum kaputt."

Ein paar Zweige brachen ab. Ich warf den Baum in die Einfahrt, beim Versuch, ihn vom Parkplatz in Richtung Straßenrand zu befördern, knickte ich mit einem High-Heel (ich wollte noch ausgehen!) um, fiel auf einen Stein, riss meinen nagelneuen Glitzerpulli und dazu ein Stück Haut am Ellenbogen auf, was aussah wie ein geplatzter Granatapfel. Ziemlich eklig.

Ich ließ den Mann und den Baum in der Einfahrt stehen und fuhr zur Apotheke, um meine Wunde versorgen zu lassen. Als ich wiederkam, drehten Caspar und sein Vater den Baum, der an manchen Stellen etwas lädiert aussah, mit der schlechten Seite zur Wand. Aufgrund der Anwesenheit des Sprösslings und weil Weihnachten war, begruben der Vater und ich das Kriegsbeil. So richtig perfekt wurde Heiligabend anschließend nicht mehr.

Und plötzlich brennt der Tisch

Endlich saßen wir feierlich am gedeckten Tisch, die Kinder beschert, Krippe und Baum hell erleuchtet, als ich den Vater meiner Kinder bat, das Töpfchen mit der Brennpaste fürs Fleischfondue anzuzünden. Er zauberte eine Art Lauffeuer, wie man es aus Filmen mit Brandstiftungen kennt, wenn ein Irrer mit dem Feuerzeug das Haus des Feindes anzündet, vorher eine Benzinspur legt und fies dabei sagt: "Das war's jetzt mit dir, mein Freund."

Zuerst brannte also die Küchenablage, dann fiel der Rest der Paste brennend auf den Boden und brannte weiter. "Krass abgefahrene Weihnachts-Show", rief Caspar. Ben weinte. Ich löschte mit kaltem Kaffee die Bodenflamme auf dem Wohnzimmerteppich, während mein Ex mit der bloßen Hand versuchte, das Feuer auf der Anrichte totzuschlagen. Auf seinen Handflächen wölbten sich pervers große Brandblasen – es war mit Sicherheit schmerzhaft.

Meine Nachbarin, gleichzeitig Freundin und Dermatologin, besorgte ihm sofort einen Termin in der nächstgelegenen Notaufnahme. Sie kam rüber auf ein Glas Rotwein und betonte, wie gefährlich Feuer in Wohnungen an Weihnachten sind. Vor allem: Wenn Alkohol im Spiel ist.

Jedes Jahr klappt es besser

Schon als ich 16 Jahre alt war, fiel eine Kerze aus unserem Baum auf mein lilafarbenes Indienkleid. Ich schrie, meine Schwester löschte mich mit einem halben Liter Müller-Thurgau, was mein Vater Schade fand. Um den (ehrlich gesagt nicht sehr teuren) Wein! Meine Mutter war stinksauer und wollte sich im folgenden Jahr scheiden lassen.

Weihnachten in Familien. Zusammen oder getrennt. Egal. Bei uns zu Hause hat sich das Niveau nachehelicher Weihnachtsstreits von "Blauer Gruppe", Kita auf etwa Mittelstufe Gesamtschule gesteigert. In diesem Jahr ging es nur noch darum, ob Caspar einen Bildschirm für "Fortnite" für sein Zimmer bekommt, um den Alepposound aus dem Wohnbereich zu entfernen. Ich fand es besser, einen (Fortnite)-Junkie kontrolliert vor Ort zu versorgen. Der Vater fand es besser, einen Junkie überhaupt nicht zu versorgen. Das steht leider auch nicht wirklich zur Debatte.

An Heiligenabend 2017 kam ich frühmorgens aus dem Kinderzimmer, wo traditionsgemäß jeweils der Gast des Anderen pennt. Mein Ex saß am Frühstückstisch. Er hatte einen großen, weißen Verband um den Daumen. Er sei noch bei den Nachbarn gewesen, es war spät. Und dann habe es einen Unfall mit den Baumkerzen gegeben. Also: Ich gehe Elektrokerzen holen, nachher. Vielleicht klappt Heiligabend ja diesmal.

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