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Magazin: „Life is not so rotten as it seems manchmal!“

Dies ist nur eine von vielen Lebensweisheiten, die Astrid Lindgren mit Sara Schwardt teilen wird. 1971 erhält die damals 63-Jährige erstmals Post von der Zwölfjährigen.

Die Zeilen des verzweifelten Mädchens rühren die weltberühmte Kinderbuchautorin. Sie nimmt sich ihrer an.

In den nächsten dreißig Jahren werden die beiden sich noch mehr als achtzig Briefe schreiben. Sie lassen tief blicken – in die Seele einer 
zerrissenen Heranwachsenden und in das Herz einer lebensklugen Schriftstellerin. Wir drucken Auszüge.

4. April 1972
Sara: „(…) Jetzt gerade geht es mir wohl gut. Aber vor ein paar Monaten habe ich eine Menge „Blödsinn“ gemacht. Bin ausgerissen, hab geklaut und geschwänzt (…) Jedenfalls gibt es da ein Heim für 12- bis 18-Jährige, die Probleme haben, die zum Beispiel kiffen, nervös sind, saufen, usw. Ich war dort, weil ich mich so sehr vor der Dunkelheit fürchte und es zu Hause immer Krach gab (…)
Ich glaube, ich habe Dich einmal im Fernsehen gesehen, und da hast Du gesagt, wenn ein Kind sich die Mühe gemacht hat zu schreiben, will man ja antworten. Aber das war keine Mühe, sondern hat Spaß gemacht. Verzeih diesen
langen, langweiligen, doofen, schlampigen Brief von Sara,
13 Jahre. Hässlich, dumm, doof, faul.“

Im April 1972
Astrid: „Sara, meine Sara, das war ein langer und sehr schöner Brief, den Du mir da geschrieben hast, finde ich, und jetzt gehst Du mir andauernd im Kopf herum. Mir ist klar, dass Du zu den Menschen gehörst, die es manchmal schwer haben, gerade weil Du intellektuelle Gaben besitzt und sensible Nerven hast – genau solche jungen Leute sind es, die sehen, wie viel Trauriges und Schlimmes es hier auf der Welt gibt, und sich davon berühren lassen (…) In meinen Augen ist das ein Zeichen dafür, dass Du ein sensibler Mensch bist und sonst nichts (…) „Hässlich, dumm, doof, faul“, so beschreibst Du Dich in Deinem Brief. Dass Du weder dumm noch doof bist, weiß ich dank Deiner Briefe mit Sicherheit. Wie es um das andere bestellt ist, darüber kann ich mich natürlich nicht äußern. Aber wenn man dreizehn ist, glaubt man immer, man wäre hässlich, ich selbst war in dem Alter überzeugt davon, ich sei die Hässlichste von allen und niemand könne sich jemals in mich verlieben – so allmählich merkte ich dann aber, dass es nicht ganz so übel um mich bestellt war, wie ich geglaubt hatte.

Ich vermute, Dir wird es genauso ergehen. Weißt Du, dass ich ganz, ganz innerlich hoffe und wünsche – dass es Dir gelingen wird, die Schwierigkeiten, die Dir in Deinem Leben vielleicht begegnen werden, anzupacken, und zwar ohne Dich auf die übliche Art trösten zu wollen, wie es so viele Jugendliche heutzutage tun – nämlich mit einem Trost, der vorübergehende Linderung von Angst und Kummer schafft und hinterher alles zehnmal schlimmer macht – damit meine ich Alkohol und Drogen (…) Leb wohl, Sara, meine Sara! Astrid“

Die geistige Mutter von Pippi Langstrumpf, Michel aus Lönneberga und Ronja Räubertochter gehört mit einer Gesamtauflage von über 145 Millionen Büchern zu den bekanntesten Autoren der Welt. Bis zu ihrem Tod 2002 im Alter von 94 Jahren bekam sie säckeweise Post in ihre Stockholmer Wohnung geliefert. Rund 75 000 Briefe befinden sich heute im Besitz der Königlichen Bibliothek in Stockholm, darunter auch die Originale der Korrespondenz mit Sara Schwardt.

Diese und weitere Briefe in un­gekürzter Form sind gerade als Buch erschienen: „Deine Briefe lege ich unter die Matratze. Ein Briefwechsel von 1971 bis 2002“. Oetinger-Verlag, 19,99 Euro.

Noch mehr Briefe von Astrid und Sarah gibt es in der aktuellen Nido. Ab Freitag, dem 23.10., am Kiosk!

Die Titelthemen der neuen Ausgabe im Überblick.