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Magazin: Eine Kindergeschichte von Olli Schulz

Berti & Fauli: Die Vorlesegeschichte aus der Nido-Ausgabe #03 2012 findet ihr hier in voller Länge.

Hingehört: Im RBB-Podcast Sanft & Sorgfältig diskutieren Musiker Olli Schulz und Moderator Jan Böhmermann wöchentlich Themen, die wirklich wichtig sind. So hat Olli diesmal seine selbstgeschriebene Vorlesegeschichte aus Nido #03 2012 am Ostersonntag zum Besten gegeben. Hier könnt ihr die Kindergeschichte in voller Länge mitlesen:

Text: Olli Schulz

Bild: Jay Wright

Vorlesezeit: 9 Minuten

Berti, der ein Wickeltier ist, und Fauli, der natürlich ein Faultier ist, gehören seit jeher zusammen wie Zucker und Zimt. Sie sind wohl das, was man eine perfekte Kombination nennt. Seit ihrer ersten Begegnung beim »Faultier-sucht-Wickeltier-Treffen« sind die beiden unzertrennlich. Sie sind immer füreinander da und haben gemeinsam schon viele Abenteuer erlebt. Zusammen leben sie in einem kleinen Baumhaus im Stadtkern von ƒSchönstadt, der Hauptstadt von Schönland. Die Straße, in der die beiden wohnen, ist eine belebte Einkaufsstraße mit vielen Geschäften. Fauli und Berti macht das nichts aus, sie mögen das bunte Treiben. Und wenn es ihnen zu laut wird, gehen sie in ihr Baumhaus und der Berti wickelt den Fauli. Berti ist ein gutes Wickeltier. Er ist ganz flauschig und kann den Fauli vollständig einwickeln. Das liebt der Fauli über alles. Dass der Berti ein guter Wickler ist, hat sich in ganz Schönland herumgesprochen. Schnell ist Berti für die Wickeltiere aus der Nachbarschaft zum Vertrauenswickler geworden. Wenn die anderen Wickeltiere Sorgen und Probleme mit ihrem Faultier haben, kommen sie zu Berti, der ihnen hilft und Tricks zeigt. Das Leben in Schönstadt ist einfach fabelhaft. Nicht weit entfernt ist das Meer, das Berti und Fauli sehr mögen. Im Sommer liegen sie oft eng umwickelt an den Klippen und genießen den Sonnenuntergang. Eines Tages taucht Rolf in der Stadt auf. Rolf ist ein im ganzen Schönland bekanntes Wickeltier. Seine Wickelkurse gelten als die beste Ausbildung, die einem Wickler zuteilwerden kann. Inzwischen arbeitet Rolf als Talentsucher in der Wickelszene, denn wie man weiß, sind gute Wickeltiere seit jeher weltweit begehrt. Als er über den Marktplatz schlendert, entdeckt er vor dem Springbrunnen eine kleine Gruppe von Wickel- und Faultieren, die sich die Sonne auf den Bauch scheinen lassen. Ihm fällt sofort Berti auf, der dem Fauli gerade eine leichte Sommerwicklung verpasst. »Schau an, eine leichte Sommerwicklung!«, denkt er sich, »das können nur die Besten.«

Als Berti mit dem Wickeln fertig ist, spricht Rolf ihn an. »Hallo, ich bin Rolf. Du scheinst mir ein begabter Wickler zu sein! Sag mal, könntest du dir vorstellen, an der Wickelschule auf Schloss Schnöselstein junge Wickeltiere zu schulen? Damit sie lernen, wie man ein guter Wickler wird?« Berti wundert sich: Was will dieser feine Pinkel? »Häää?«, fragt nun auch Fauli und lugt vorsichtig mit dem Kopf zwischen Bertis Armen hervor. »Nun, mein Name ist Rolf. Ich bin gerade auf der Durchreise und ihr seid mir aufgefallen. Du scheinst ein ziemlich guter Wickler zu sein und weißt du, gute Wickler sind selten. Ich dachte mir, du willst vielleicht mit deinem Faultier ein paar Tage nach Schloss Schnöselstein kommen? Du würdest viele junge Wickeltiere glücklich machen und sie mit deiner Erfahrung und deinem Talent auf ihr eigenes Faultier vorbereiten! Ich bin mit meinem Flugzeug hier und wir könnten morgen losfliegen.« Rolf hat noch einen Trumpf im Ärmel: »Ihr bekommt das schönste Zimmer im Schloss!« »Das klingt aber schön!«, sagt Fauli. Er ist manchmal etwas einfältig. »Fliegen und in einem Schloss wohnen, das wollte ich schon immer! Berti, lass uns das machen! Oder?« Er schaut Berti erwartungsvoll an. Der ist misstrauisch. Er findet Rolf mit seiner silbernen Sonnenbrille und dem glänzenden Wickelfell albern. »Was sollen wir denn da?«, fragt Berti. »Unsere ganzen Freunde sind hier in Schönland und die brauchen auch meine Hilfe.« Rolf zwinkert ihm aufmunternd zu. »Auf Schloss Schnöselstein könntest du noch mehr Wickeltieren helfen! Es wäre ja bloß für ein paar Tage und ein tolles Abenteuer für euch!« »Au ja! Abenteuer! Lass uns ein Abenteuer erleben! Bitte, bitte!« Fauli setzt einen so flehenden Blick auf, dass Berti nicht Nein sagen kann. Er hat den Fauli viel zu gern, um ihm diesen Wunsch nicht zu erfüllen. Außerdem ist er auch ein wenig stolz, dass er von einem der bekanntesten Wickeltiere auf ein Schloss eingeladen wird!

Am nächsten Morgen werden Fauli und Berti von Rolf mit seinem kleinen Flugzeug abgeholt. Als die Maschine startet, schreien die beiden vor Begeisterung so laut sie können. Fliegen, ein tolles Gefühl! Berti hat über Nacht in einer kleinen Dose frische Melonenstückchen in Himbeersaft eingelegt. Das ist das Lieblingsessen der zwei Freunde. Sie essen und schauen aus dem Fenster, während Rolf das Flugzeug steuert. Er trinkt dabei eine braune sprudelnde Soße, die ganz widerlich stinkt. Der Flug dauert nicht mal eine Stunde, doch für Berti und Fauli wirkt es unendlich lang, so weit sind sie noch nie von zu Hause weg gewesen. Als sie das Schloss erreichen, staunen die beiden bis über beide Ohren: So etwas haben sie noch nie gesehen. Das Schloss ist riesengroß und hat bunte Türme, die weit in den Himmel ragen. Rolf lenkt das Flugzeug zwischen den Türmen hindurch und landet auf der Wiese vor dem Tor. Sofort kommen aus allen Ecken kleine Wickeltiere angepurzelt und winken und hüpfen um die Maschine herum. »Rolf! Rolf! Endlich bist du wieder da!« Als Fauli und Berti aus dem Flugzeug steigen, gucken die Wickeltiere die beiden Neuen mit großen Augen an und werden ganz still. Aus dem Schlosstor kommt ein altes, sanftmütig aussehendes Wickeltier auf sie zu. »Herzlich willkommen auf unserem Wickelschloss! Ich bin Batzen, der gute Geist hier. Ich bringe euch erst mal auf eure Zimmer. Ihr seid sicher müde von dem langen Flug und wollt bestimmt etwas essen.« Rolf hat nicht zu viel versprochen. Das Zimmer für die beiden Gäste ist wunderschön und richtig gemütlich. Es gibt ein Bett, eine Hängematte, ein Sofa und einen furchtbar bequemen Sessel. Alles Plätze, die sich hervorragend für eine Wicklung eignen. Berti und Fauli seufzen vor Freude, als sie zusammengewickelt in der Hängematte liegen und friedlich einschlafen.

Am nächsten Morgen, nach einem fürstlichen Frühstück, tritt Rolf ins Zimmer: »Ich würde euch jetzt gerne in den Vorführraum bringen. Da warten 250 Wickeltiere und freuen sich auf Bertis Wickelkunst!« Da wird den beiden ganz mulmig zumute. »250 Wickeltiere? So viele?«, fragt Berti ungläubig. Sie gehen durch einen Flur, der mit Bildern der berühmtesten Wickeltiere geschmückt ist. Nach einer Weile erreichen sie einen großen Saal. Dort liegen die Wickeltiere in ihren Hängematten und beobachten, wie Berti und Fauli auf die Bühne klettern. »Hallo, liebe Wickler! Das ist Berti, unser Gastwickler. Er wird euch in die hohe Kunst der perfekten Faultierwicklung einführen! Berti, zeigst du uns ein wenig von deiner Kunst?« Und Berti zeigt es ihnen. Er legt sich den Fauli zurecht und macht zunächst die feste Winterwicklung. Dann zeigt er die Dreitageswicklung, die Beutelwicklung, die Glücklichkeitswicklung und am Ende seine Spezialität: die leichte Sommerwicklung. Die kleinen Wickeltiere schauen gespannt zu. Da steht ein echter Wunderwickler auf der Bühne! Selbst Rolf und Batzen sind erstaunt, wie gut Berti wickeln kann. Obwohl die beiden sehr erfahrene Wickeltiere sind, müssen sie zugeben, dass Berti besser ist als sie selbst. Kaum ist Berti fertig, bricht ein lautes Gejohle aus. Die kleinen Wickeltiere hüpfen in ihren Hängematten auf und ab und bejubeln den Berti. Stolz betritt Rolf die Bühne: »Berti, wir möchten dich zum Ehrenwickler von Schloss Schnöselstein ernennen. Morgen werden wir den Bürgermeister und die Presse herbestellen, damit du geehrt werden kannst und berühmt wirst …« Da unterbricht ihn Berti: »Ich will noch was sagen.« Er schaut die vielen kleinen Wickeltiere an. »Das, was ich kann, hab ich auf keinem Schloss gelernt.

Es hat mir auch kein großer Wickler beigebracht. Das, was einen guten Wickler ausmacht, sind seine innere Stimme und sein Herz! Das meiste habe ich in den Wäldern, auf den Bergen und in den Tälern gelernt. Da, wo wir Wickeltiere daheim sind! Dort, wo Fauli und ich herkommen, gibt es viele Wickler, die nie so ein Schloss sehen werden und trotzdem sind sie die tollsten Wickeltiere. Vergesst niemals: Das wahre Leben findet da draußen statt!« Und er zeigt mit seinem flauschigen Zeigefellfinger durch das große Fenster. Dann sagt er zu Rolf: »Bitte flieg uns zurück, wir wollen wieder nach Schönland zu unseren Freunden.« Auf dem Rückflug trinkt Rolf wieder seine braune Soße und blickt starr aus dem Cockpit. »Hör mal, Rolf«, sagt Berti. »Du musst aufhören, dieses ungesunde Zeug zu trinken. Davon wird dein Fell glibschig und irgendwann siehst du aus wie ein Aal!« »Da hast du wohl recht!«, sagt Rolf traurig, »Ich mach wohl einiges falsch.« »Nein«, antwortet Berti, »ich halte dich für einen guten Wickler, aber du solltest deine Schüler nicht nur zu Meisterwicklern ausbilden, sondern ihnen auch das echte Leben zeigen. Besucht uns doch in Schönland!« Rolf und Berti geben sich die Fellhände, der Beginn einer neuen Freundschaft. Rolf kippt die braune Soße und seine alberne Sonnenbrille aus dem Fenster. Als die Sonne untergeht, fliegen zwei Wickeltiere und ein Faultier über den Wolken und denken: Ist das Leben nicht schön?

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