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Magazin: Kinder der Straße

Zwei Schwestern wachsen in der berüchtigtsten Favela Rios auf und kämpfen sich raus: Eine startet jetzt bei den Olympischen Spielen.

Text Annett Heide | Fotos: Toby Binder

Sie waren einst Straßenkinder in Rios berüchtigtster Favela, der „City of God“. Dann begannen die Schwestern Raquel und Rafaela mit Judo. Nun ist Rafaela die Goldhoffnung Brasiliens bei den Olympischen Spielen. Manchmal gehen sie zurück an jenen Ort, wo alles begann, wo die Drogendealer auf der Straße patrouillieren, wo sie als Schulkinder Zwanzig-Liter-Propangasflaschen und Reissäcke im Laden der Mutter schleppten. Zurück nach Cidade de Deus, die City of God, eine Favela im Westen von Rio de Janeiro mit schätzungsweise 47 000 Einwohnern. Sie gilt als eine der am stärksten von Gewaltverbrechen betroffenen Orte Brasiliens. Sie ist gleichzeitig Mittelpunkt jenes gleichnamigen Films, der wie kein anderer das Image Brasiliens als brutales, gewalttätiges Land prägte. Sie ist der Ort, an dem die Judokämpferinnen Raquel, 27, und Rafaela Silva, 24, aufwuchsen.

An diesem schwülen Vormittag ist es wieder so weit. Das Ziel der Schwestern ist das Centro Social, ein flacher, weißer Bau an einem Abwasserkanal, wo sie im Alter von fünf Jahren mit dem Judotraining begannen. Sie betreten einen kleinen, leeren Raum mit etwa dreißig Kindern und schauen ihnen eine Weile beim Ringen zu, bis der Trainer unterbricht. „Kinder, begrüßt Rafaela Silva, unsere Weltmeisterin, eine der besten Kämpferinnen Brasiliens. Sie hat genau hier begonnen, wo ihr jetzt trainiert. Auf genau denselben Matten.“ Die Kinder verbeugen sich ehrerbietig, Rafaela erzählt ihre Geschichte. Sie endet mit den Worten: „Man kann es hier rausschaffen, jeder kann ein Sieger sein. Ich bin der Beweis. Aber ihr müsst weitermachen.“ Bevor sie geht, werden die Handys rausgezogen, alle wollen ein Foto von Rafaela. Von Raquel nimmt keiner Notiz.

Früher einmal war Raquel die bessere Kämpferin. Das sagt ihr Trainer, das sagt auch ihre Mutter. Sie schaffte es vor Rafaela in die Nationalmannschaft, mit vierzehn war sie panamerikanische Meisterin. Sie war disziplinierter und konzentrierter. Doch mit fünfzehn wurde sie schwanger – in Brasilien kein seltenes Alter. Das warf sie im Training um Jahre zurück. Und dann verletzte sie sich auch noch am Kreuzband. Rafaela zog an ihr vorbei.

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Die Themen der neuen Ausgabe im Überblick