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Magazin: Von Anfang an integriert

Kinder aus Zuwandererfamilien gehen deutlich seltener in eine Krippe als ihre deutschen Altersgenossen. Die Eltern hätten eben kein Interesse an Förderung, so der oft gehörte Vorwurf. Doch die Probleme sind oft weniger grundsätzlich. Und sie lassen sich aus der Welt schaffen.

Faten Mallah würde ihre fünf Söhne auch ­lieber woanders großziehen. „Hier gibt es zu viele Autos und die Nachbarn schreien“, sagt die 33-Jährige. Aber sie und ihr Mann haben in Neukölln keine andere Wohnung gefunden. Vor dem Küchenfenster donnern die Laster über die Ausfallstraße. Im Treppenhaus sind braune Schlieren auf den Wänden, in den Ecken liegt Müll. Aber die Tür zu Fatens Wohnung ist wie das Tor zu einer anderen, besseren Welt: Dicke Teppiche auf hellen Fliesen, gerahmte Koransuren an den Wänden, Porzellanfiguren, viel Gold und Glas. Faten hat in der Sitzecke im Wohnzimmer den Tisch gedeckt. Sie hat Besuch: Ghada ­Alwan von den Neuköllner Stadtteilmüttern. Der Grund des Besuchs versteckt sich noch hinter Fatens Bein: Ali, 18 Monate, ihr jüng­ster Sohn. Dass er noch nicht in die Kita geht, ist ein Problem für Faten. Und für die deutsche Regierung.

Kleinkinder von Zuwanderern besuchen nicht mal halb so oft eine Kita wie deutsche Kinder. Das hat der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration festgestellt. Nur 14 Prozent der Kinder unter drei Jahren ­gehen in eine Krippe, bei den Deutschen sind es 30 Prozent. Vor allem Eltern mit geringer Bildung lassen die Kinder zu Hause. Die Politik sieht aber einen frühen Kitabesuch bei Zuwanderern als Indiz für Integration. Ein Kind, das lange bei der ausländischen Mutter bleibt, das wird gleichgesetzt mit mangelnder Förderung, schlechten Deutsch­kenntnissen, Schulversagen, Parallelgesellschaft. Das passende Sprichwort dafür gibt es im Türkischen: Ağaç yaşken eğilir – Den Baum kann man biegen, solange er nass (jung) ist.

Die Begründung der Eltern ist einfach: 78 Prozent sagen, sie möchten ihr Kind selbst erziehen, beziehungsweise ihr Kind sei noch zu klein für die Kita. Migranten haben einfach eine traditionellere Vorstellung von Erziehung, könnte man meinen. Aber das trifft es nicht ganz. Denn die Forscher haben auch gefragt: „Was müsste passieren, damit Sie Ihr Kind doch in die Krippe geben?“ Kleinere Gruppen und mehr Erzieher würden bereits rund 40 Prozent überzeugen, weniger Kosten 37 Prozent. Und jede vierte Familie hat überhaupt nichts gegen die Krippe – sie hat nur keinen Platz bekommen.

Oft sind die Probleme weniger grundsätzlich und lassen sich aus der Welt schaffen. Mehr in der neuen Ausgabe von Nido. Ab Freitag, 16. Januar im Handel.