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Rund 15 Prozent betroffen: Mein Kind macht nicht, was ich will: Habe ich ein autonomes Kind?

Ihr Kind macht einfach nicht, was Sie möchten? Gut so, sagt der dänische Familientherapeut Jesper Juul, denn dann haben Sie vielleicht ein autonomes Kind.

Ein autonomes Kind lässt sich Zuneigung nicht aufzwingen

Ein autonomes Kind lässt sich Zuneigung nicht aufzwingen

Warum endet die Trotzphase bei unserem Kind eigentlich nicht? Leidgeplagte Eltern erzählen oft davon, wie anstrengend ihr Kind geworden ist, seitdem es einen eigenen Willen hat. Eltern autonomer Kinder können davon ein Lied singen, denn diese Kinder haben bereits sehr früh eine genaue Vorstellung davon, was sie wollen und was nicht. Sie sind aktiv, wollen ernst genommen werden und lassen sich nicht überlisten. Und setzen das mit ihren Möglichkeiten auch durch. Na, erkennen Sie sich und Ihr Kind wieder? Glückwunsch! Dann haben Sie vielleicht ein autonomes Kind.

Was ist ein autonomes Kind?

Der Begriff ist geprägt vom dänischen Familientherapeuten Jesper Juul. Aus seiner Praxis als Lehrer, Sozialpädagoge und Familientherapeut zieht Juul jede Menge praktische Tipps für Eltern, die ein Mittelmaß zwischen Kuschelpädagogik und harter Hand suchen. Für Juul ist jedes Kind "gleichwürdig", allerdings nicht "gleichberechtigt". Ein Weg, mit dem sich viele Eltern gut identifizieren können.

Rund 15 Prozent aller Kinder definiert Juul als autonome Kinder. Und obwohl Eltern dieser Kinder oft überfordert sind, ist der Begriff "autonom" für den Familientherapeut auf jeden Fall positiv. Er definiert in seinem Buch "Nein aus Liebe" bestimmte Merkmale für autonome Kinder:

  • Sie haben einen starken eigenen Willen.
  • Sie sind nicht empfänglich für Körperkontakt. Außer er geht von ihnen selbst aus.
  • Nach der Geburt sehen diese Kinder oft schon "fertig" aus. Ihr Gesicht erscheint reifer. Auch haben sie kaum "Babyspeck".
  • Sie durchschauen sofort, wenn Erwachsene nicht authentisch sind. Sie lassen sich nicht mit Erziehunsgkonzepten manipulieren.
  • Sie haben strikte Grenzen und wahren diese.
  • Sie sagen nur "Ja", wenn sie die absolute Wahlfreiheit haben.
  • Sie können sich wie "reife" Erwachsene benehmen, die ein starkes Selbstbild haben.
  • Sie lassen sich nur von Erwachsenen helfen, wenn diese Hilfe unaufdringlich und ohne Manipulation geschieht.

Autonome Kinder als Herausforderung für die Eltern

Auch wenn Jesper Juul sich über jedes autonome Kind freut, sind diese Kinder von Anfang an eine Herausforderung für ihre Eltern. Autonome Kinder sind oft schon im Säuglingsalter sehr aktiv, schlafen wenig. Generell sind Eltern überrascht, dass sich ihr Kind anders verhält, als sie es von einem Baby erwartet hätten. Wenig anschmiegsam und so ganz anders als andere Babys. Zunächst ist das schwierig. Sie verstehen ihr Baby einfach nicht und haben mit dem Schlafmangel zu kämpfen. Aber auch später fragen sich Eltern autonomer Kinder oft, warum ihr Kind nicht aus der Trotzphase kommt. Und da kommt Jesper Juul ins Spiel.

"Elterncoaching" von Jesper Juul

In seinem Buch "Elterncoaching" setzt sich Juul direkt mit den Sorgen und Nöten von Eltern autonomer Kinder auseinander. Er dokumentiert hier 18 Gespräche, die er mit Eltern und deren Kindern geführt hat.

Die dreijährige Ella zum Beispiel regiert die Familie mit "eiserner Hand". Ella tobt, schimpft, schreit. Egal, ob Zähne putzen oder Schuhe anziehen: Ella macht einfach nicht mit. Ellas Vater Peter sagt sogar: "Es herrscht Krieg". Es ist deutlich zu spüren, dass Ellas Eltern an ihre Grenzen kommen. Und vielleicht noch schlimmer: Sie verstehen Ella einfach nicht. Eine Lücke zwischen Eltern und Kind entsteht, die vor allem Ellas Mama Annika sehr traurig macht.

Annika und Peter brauchen Hilfe mit Ella

Jesper Juul hört sich die Sorgen und Probleme von Annika und Peter an und gibt zunächst Entwarnung. Mit Ella ist alles in Ordnung. Er erklärt ihren Eltern, dass er denkt, dass Ella ein autonomes Kind sei. Sie lässt sich Fürsorge, Erziehung und Zuneigung nicht einfach vorsetzen, sondern fordert diese für sich ein, wenn sie es will. Aber auch nur dann.

Ella muss und will eigene Entscheidungen treffen. Nur so wird sie auch mit ihren Eltern kooperieren. Und das wird den Familienalltag entspannen. Ella führt ständige Machtkämpfe, weil sie das Gefühl hat, dass ihre eigene Würde von den Eltern nicht gewahrt wird. Soabld Ella merkt, dass sie ernst genommen wird, wird sie auch nicht mehr so viel Energie darauf verwenden, ihren eigenen Willen durchzusetzen.

Peter und Annika sind nach dem Gespräch mit Jesper Juul zunächst erleichtert, nicht nur, weil sie nun wissen, dass mit Ella alles stimmt, sondern auch, weil Jesper Juul ihnen Strategien mit an die Hand gibt, wie sie mit Ella umgehen können. 

Ein Beispiel dafür ist, dass Ella von nun an selbst Zähne putzen soll. Trotzdem schlägt Juul vor, dass Ellas Mama ihr Folgendes sagen soll: "Aber ich kann dir zeigen, wie es geht, wenn du magst". Ella darf etwas selbst machen, kann aber auch selbst um Hilfe bitten, wenn sie das möchte. Für sie ein guter Weg.

"Wir wollen nicht, dass Nina unser ganzes Leben bestimmt"

Aber auch schon viel jüngere Kinder können autonom sein: Das zeigt das Beispiel von Hanna und Michael, die Eltern der neun Monate alten Nina. Hanna und Michael sind merklich mitgenommen. Nina lässt sie einfach nicht zur Ruhe kommen. "Nina will, dass sie ganze Zeit was los ist, sonst ist sie nicht auszuhalten."

Nina schläft schlecht und auch nur im Bett der Eltern. Eine Belastungsprobe für jedes Elternpaar. Doch auch hier gibt Jesper Juul Entwarnung: Nina sei ein aktives, aber nicht hyperaktives Baby. Sie ist nicht nervös, erklärt Juul, aber dennoch habe sie "mehr Energie, als ihr guttut".

Für Hannas Eltern ist das eine große Erleichterung. Denn auch hier spielt die Angst, dass mit dem Kind etwas nicht stimmen könnte, eine große Rolle. Juul gibt den jungen Eltern ein paar Tipps mit auf den Weg: Sie sollen Nina nachts nicht schreien lassen, tagsüber sei das allerdings etwas anderes.

Außerdem sollen sie Nina bei allen Aktivitäten einen gewissen Vorlauf geben. Wenn schon vorher angekündigt wird, dass es bald losgeht und Nina angezogen wird, ist das für Nina einfacher zu verstehen und auch zu handhaben. Außerdem sollen sie Nina, obwohl sie sehr aktiv ist, tagsüber zumindest stundenweise an andere Personen abgeben, damit sie sich selbst etwas Luft verschaffen und so zur Ruhe kommen.

Es ist toll kein "DIN-Norm-Kind" zu haben

Es tut nicht nur den Eltern im Gespräch mit Jesper Juul gut zu hören, dass ihre Kinder zwar autonom, aber dennoch "normal" sind. Auch Eltern, die die Bücher des Pädagogen lesen, profitieren davon. Denn allzu oft bestimmen, gerade bei schwierigen Kindern, Selbstzweifel das Verhalten der Eltern. Oft geht den Eltern beim Lesen von Jesper Juuls Büchern ein Licht auf. Denn sie merken, dass sie ihr Kind nur verstehen müssen. Und so werden sie häufig schon ein bisschen gelassener, was die Beziehung zwischen Eltern und Kind entspannt. Und  darauf kommt es Jesper Juul an: "gelassen erziehen".

Tipps im Umgang mit autonomen Kindern

  • Dem Kind Liebe und Zuneigung anbieten, nicht aufdrängen.
  • Mit dem Kind wie mit einem wesentlich älterem Kind sprechen.
  • Keine übertriebene Pädagogik anweden, authentisch mit dem Kind umgehen.
  • Klare Ansagen machen anstatt zu manipulieren.
  • Offen absprechen, was wie passieren soll, damit sich das Kind darauf einstellen kann.
  • Das Kind möglichst viel selbst machen lassen.
  • Machtkämpfe möglichst vermeiden.
  • Klar der Umwelt kommunizieren, dass ihr anders mit eurem Kind umgeht. "Genau so ist sie. Früher haben wir sie anders behandelt. Das war ein Fehler."
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