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Der amerikanische Traum ist tot: Alleinerziehend, obdachlos, Putzfrau – die bittere Geschichte einer Mutter

Arbeiten bis zum Zusammenbruch und trotzdem in Armut leben. In den USA ist das keine Seltenheit. Die alleinerziehende Mutter Stephanie Land hat ein bewegendes Buch über ihren Kampf ums Überleben geschrieben. Und gibt Einblick in eine Schicht, aus der viele Trump-Wähler kommen.

Maid

Für viele Menschen in den USA ist der American Dream auch mit drei Jobs gleichzeitig unerreichbar (Symbolbild)

Der amerikanische Traum funktioniert ganz einfach. Wer sich genug anstrengt und Mühe gibt, wird erfolgreich sein und dem gelingt der Aufstieg. Vom Tellerwäscher zum Millionär  – eine Hoffnung, die seit Jahrzehnten in den USA alle eint und die großen Ungleichheiten in dem Land erträglicher macht. Ein Kitt, der die Gesellschaft zusammen hält.

Aber was ist, wenn der amerikanische Traum inzwischen ein riesiger Betrug ist und all die Versprechen, die sich dahinter verbergen, totaler Unsinn sind? Fakt ist: Die Chancen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten wirklich den Aufstieg zu schaffen, sind so gering wie nie zuvor.

Stephanie Land hat darüber ein Buch geschrieben, "Maid" so der Titel. Das heißt Putzfrau. Untertitel: Hard work, low pay and a mothers will to survive – Harte Arbeit, niedrige Bezahlung und der Wille einer Mutter zu überleben. Bisher ist es nur auf Englisch erschienen, aber die Lektüre lohnt. Denn es ist ein ungeschönter Einblick in das Dasein der sogenannten "Working poor" in den USA. Also der Menschen, die mehrere Jobs haben und trotzdem kaum über die Runden kommen. Es hilft auch dabei zu verstehen, warum in den USA so viele Donald Trump zum Präsidenten gewählt haben.

Viele Trump-Wähler sind arme Arbeiter

Das amerikanische Sozialsystem ist eines der gnadenlosesten der Welt. Wer dort abstürzt, fällt sehr schnell sehr tief. Ein Fangnetz,  wie in Deutschland,  gibt es nicht. Krankenversicherung und Wohnung stehen in den USA schnell auf dem Spiel. Alles ist kündbar, jederzeit und ohne lange Fristen. Im schlimmsten Fall geht es ums pure Überleben.

In "Maid" erzählt Stephanie Land ihre persönliche Geschichte. Mit 28 Jahren wird sie ungewollt schwanger. Der Vater des Kindes ist ein Koch aus Port Townsend im Bundesstaat Washington. Es ist eine von verbalem Missbrauch geprägte Beziehung. Sie bleibt aber trotzdem bei ihm, weil sie weiß, wenn sie ihn verlässt, wird sie obdachlos werden. Sie hält so lange aus bis er mit seiner Faust knapp neben ihrem Kopf ein Loch in eine Tür schlägt. Ihre Tochter Mia ist da sieben Monate alt.

Sie flieht vor der Gewalt ihres Ehemannes 

Beide ziehen danach zu Stephanie Lands Vater. Als auch der gewalttätig wird, endet sie mit ihrem Kind in einem Obdachlosenheim. Weil die Logik des amerikanischen Staates ist, wer arm ist, ist auch ein Junkie, muss sie sich regelmäßig Drogentests unterziehen. Eine Demütigung für die junge Frau, die gerade noch Pläne für ein Studium machte und davon träumte, Autorin zu werden.

Die Geschichte, die Stephanie Land erzählt, ist längst kein Einzelfall. Vor etwa zwei Jahren hat sie schon einmal über ihr Leben in Armut geschrieben. Damals für die Internetseite www.vox.com. Schon in dem Essay erzählte sie, wie schnell eine junge, talentierte Frau den Halt verlieren kann. Ihr Bericht wurde millionenfach geklickt. In Foren kommentierten viele: Genauso habe ich das auch erlebt. Nun steht ihr Buch bereits seit Wochen in den Bestseller-Listen.

Um irgendwie über die Runden zu kommen, arbeitet Land als Putzfrau. Für neun Dollar die Stunde, ohne Bezahlung im Krankheitsfall, ohne Rentenversicherung, ohne Urlaub und ohne Gehaltssteigerungen. Das Auto und das Benzin für die langen Fahrten zu ihren Einsatzorten muss sie selbst bezahlen. Meist geht dafür schon ein Stundenlohn drauf. 

Land ist nun Mitglied der armen, weißen Arbeiterschicht in den USA. Das ist genau die Schicht, aus der ein großer Teil der Trump-Wähler kommt. Die sich betrogen fühlen, weil sie sich buchstäblich einen Buckel arbeiten müssen und trotzdem nicht von der Stelle kommen. Es sind düstere Einblicke in ein Leben an der Existenzgrenze, die zeigen, welche zerstörerische Wucht Armut hat. Lands Buch sind ihre Memoiren, darin findet sich keine soziologische Aufarbeitung. Sie schreibt nur über sich, erzählt aber damit das Schicksal vieler. Wie sie die kranke Tochter immer wieder im Kindergarten abgeben muss, weil sie es sich nicht leisten kann, eine Arbeitsstunde zu verpassen.

Wie sie über alle Schmerzen hinweg Arbeitsstunde an Arbeitsstunde reiht, nur um Miete und die nötigsten Lebensmittel bezahlen zu können.

Ein solches Leben übersteht man nicht unbeschadet

Der Preis, den sie bezahlt, ist hoch: Mit einer vorgeschädigten Wirbelsäule leidet sie unter extremen Rückenschmerzen, ein Nerv in ihrem Arm ist ebenfalls versehrt. Bald kann sie nur noch mit links zugreifen. Dazu kommt die mentale Belastung, ständig darum zu fürchten, dass sie die Wohnung verlieren könnte. Oder wie sie trotz ihrer harten Arbeit all ihre Rechnungen bezahlen kann. Ihre Tochter ist krankenversichert, Stephanie Land nicht. Krank zu sein kann sie sich nicht leisten. Wenn sie Schmerzen hat, versucht sie die mit verschreibungsfreien Medikamenten zu übertönen. Egal wie viel sie schuftet, sie kommt nicht von der Stelle. Es ist nicht Faulheit, die sie arm hält, es ist das perverse System der Niedriglöhne.

Weil sie nicht ausgehen kann, sich nicht mal einen Kaffee bei Starbucks leisten kann, kommen zu der Armut auch Isolation und Einsamkeit. Manchmal sitzt sie weinend in der Ecke ihres Bades und sagt zu sich selbst: "Ich liebe dich." Es gibt niemanden in ihrem Leben, der ihr das sonst sagen würde. Es gibt niemanden, an den sie sich mit ihren Sorgen und Ängsten wenden kann.

40 Millionen Amerikaner leben heute in Armut, etwa 18 Millionen sogar in extremer Armut. Sie verdienen weniger als 6000 Dollar im Jahr.

Stephanie Land schreibt: "Wir haben überlebt, in einem perfekten Ungleichgewicht. Niemand hat mich beachtet. Und während all der Zeit habe ich geschrubbt und geputzt, damit die Leben der anderen perfekt aussahen."

Sie selbst muss in einem schlecht isolierten Apartment leben, mit Schimmel an den Wänden, der ihre Tochter krank macht. Mehr kann sie sich nicht leisten. Sie fürchtet, weil sie so viel arbeiten muss, keine gute Mutter sein zu können. Aus sieben sogenannten "Government assistance founds", also Programmen der Regierung, bezieht sie phasenweise Geld. Ohne könnte sie keine Lebensmittel kaufen. Und das, obwohl sie fast rund um die Uhr arbeitet. Und sie muss jederzeit fürchten, dass ihr Mittel gestrichen werden.

Armut zerstört alles

Es ist ein Leben in Abhängigkeit, das durch den kleinsten Fehler endgültig zusammen brechen könnte. Für jeden Dollar, den sie von Behörden und Ämtern bekommt, muss sie lange Anträge ausfüllen. Es ist eine ewige Demütigung. Auch wegen der Vorurteile, mit denen sie konfrontiert ist. Als sie im Supermarkt mit Essensmarken bezahlt, sagt ein älteres Pärchen hinter ihr an der Kasse: "Bitte schön." Weil sie glauben, die junge Frau lebe von ihren Steuergeldern. Stephanie Land schreibt: "Ich habe mich nicht getraut, irgendwas Schönes zu kaufen, weil ich immer das Urteil der Leute fürchtete." Eine ihrer wenigen Freundinnen sagt zu ihr: "Streng dich einfach mehr an!" Sie blockt sie danach auf Facebook. Ein Arzt meint, als die Tochter mal wieder krank ist: "Sie müssen eine bessere Mutter sein." Land bricht danach weinend auf den Boden des Badezimmers zusammen.

"Maid" ist sehr langsam erzählt, aber genau deswegen packt es einen. Stephanie Land diskutiert nicht die Probleme der amerikanischen Mittelschicht im Großen und Ganzen. Das muss sie auch gar nicht. Sondern sie bleibt bei sich. Es sind gerade die Details, die besonders berühren. Bei "Maid" klappt es auch nicht mit dem Happy End und dem American Dream. Der ist wohl längst tot. Stephanie Land überlebt, irgendwie. Sie hat auch Erfolg. Aber von der Putzfrau zur Millionärin wird sie nicht.

Fanny H.