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Unterwegs: American Kita

Unsere Autorin hatte einen Traum: den Schreibtisch in Berlin für zwei Monate gegen einen in Los Angeles einzutauschen. Aber wie würde sich ihr Sohn in einer amerikanischen Kita zurechtfinden?

Text: Antje Wewer | Fotos: Anna Rose

Der erste Morgen war verblüffend einfach. Sonnenaufgang um 5:45 Uhr, knallblauer Himmel. Wir sitzen in unserem kleinen Garten mit Zitronenbäumchen und essen Pancakes mit Ahornsirup. Bruno, 4 Jahre, hat gute Laune und seit gestern einen Scooter (neu, blau, selbst ausgesucht), mit dem er in den Kindergarten fahren will und der noch eine große Rolle spielen wird.

Bruno hat sich alleine angezogen. Kein Ding, wenn es sich nur um T-Shirt, kurze Hose und Sandalen handelt. In Berlin besucht er den Waldkindergarten, der im Sommer eine tolle Sache ist. Im Winter gilt die Grundregel: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur die falsche Kleidung. Die Kinder müssen also wie für eine Polarexpedition ausgerüstet um 8.45 Uhr am Bus abgeliefert werden. Im Rucksack: Thermoskanne mit Tee, Vesperbrot, Wechselkleidung. Jedes Mal wenn ich winkend dem Bus hinterherschaue, bin ich leicht erschöpft, obwohl der Tag noch nicht losging.

Die Idee, Berlin für zwei Monate gegen Los Angeles einzutauschen, hatten wir schon länger, dieses Jahr war die perfekte Gelegenheit. Beach-Kita statt kleinem Sandkasten. Schreibtisch in Venice statt Kreuzberg. Brunos Vater Frank ist Kameramann und wird dort von einer Agentur vertreten, ich arbeite als freie Autorin, Bruno geht noch nicht in die Schule. Das passt also alles. Und Erzieherin Anna hat auch keine Bedenken, da unser Sohn extrovertiert und neugierig ist. Damit es für mich tatsächlich Working Holidays und nicht nur Holidays werden, brauchen wir aber Betreuung, idealerweise einen Kindergartenplatz für Bruno. Und natürlich spricht mein Vierjähriger kein Englisch.

Der Aufenthalt fängt gut an: Mit einem neuen Roller für Bruno

Deutsche Eltern, geprägt durch Wartelisten und die harte Jagd auf Kita-Plätze, nehmen oft an, dass es schwierig sei, irgendwo einen temporären Platz zu bekommen. Entwarnung: Im Ausland ist das sehr wohl möglich und oft leichter, als man denkt. Eine Freundin hat ihre dreijährige Tochter gerade für einen Monat in einer deutsch-portugiesischen Kita in Porto untergebracht. Große Gruppe, nur zwei Erzieher, ein Raum mit 30 Toiletten, Kantine ohne Bio-Essen – die kleine Roberta findet es herrlich. 390 Euro kostet dort der Monat. Andere Bekannte wollten im Winter für zwei Monate beruflich nach Tunis und haben dort ihr Zwillinge für 290 Euro pro Monat in einer französisch-arabischen Kita angemeldet. Und Annette und Oli, sie Unternehmensberaterin, er Drehbuchautor, entschlossen sich während ihres Indienaufenthalts in Goa spontan, ihre Kinder dort in die englische Kita zu schicken. Kostenpunkt: 50 Euro die Woche.

Uns wurde von einer Deutschen die schon länger in L. A. lebt, der bilinguale Kindergarten „Ecole Claire Fontaine“ empfohlen, den die Französin Joëlle Dumas vor 27 Jahren in Venice gegründet hat. Bilingual heißt in diesem Fall: Englisch und Französisch. Bürokratische Wartelisten? Nun, Kinderbetreuung ist in den Staaten vor allem eine Frage des Geldes. Also gab es drei Monate vor unserer Reise einen unkomplizierten E-Mail-Wechsel, wir entschieden uns für fünf halbe Tage in der Woche – macht insgesamt 1200 Euro. Autsch.

Eine befreundete Kinderpsychologin hatte mir geraten, der neuen Kita im Vorfeld nicht zu viel Raum zu geben – Kinder leben im Jetzt. Also bloß nicht problematisieren! Es als gemeinsames Abenteuer sehen, das nicht verhandelbar ist, da die Eltern in Los Angeles arbeiten müssen. Betonung auf müssen. Kinder sind ja in der Regel kooperativ und wollen ihre Familie unterstützen. Also fragte ich an diesem ersten Morgen bei unserem Pancakefrühstück nicht: „Und, Bruno? Freust du dich?“ Sondern sagte schlicht: „Nach dem Zähneputzen gehen wir los.“ Und Bruno antwortete: „Okay, Mama, ich gehe dahin, aber ich spreche nicht.“ Deal.

Unser Haus haben wir erst gesucht, als wir den Kita-Platz sicher hatten – ganz sicher die richtige Entscheidung, denn halbe Kita-Tage ergeben in L. A. nur Sinn, wenn die Wege kurz sind. Unsere sind gut zu Fuß zu schaffen. Der Bungalow liegt fünf Minuten vom Venice Beach Boardwalk entfernt und unweit des „Ecole Claire Fontaine“-Campus.

Die Außenwände des Campus sind bunt bemalt, Palmen überragen die Zäune und die Eltern lassen sich mithilfe eines kleinen silbernen Schlüssels selbst rein. Innen befinden sich kleine Cottages, es gibt einen Spielbereich mit einem knorrigen Kletterbaum, Gemüsegarten, Meerschweinchenhaus und Tische, an denen gemalt und gebastelt wird. Die anwesenden Kinder könnten sofort für eine United-Colors-of-Benetton-Werbung gecastet werden, sie sprechen Englisch, Französisch und teilweise auch Spanisch, aber Letzteres nur, weil sie mexikanische Nannys haben. Die Erzieherinnen tragen Schürzen über ihren Sommerkleidern, ein Gärtner schaut regelmäßig vorbei und baut mit den Kindern Gemüse an, jede Woche kommen eine Yogalehrerin und ein Musiker, um mit den Kindern zu singen. Es gibt eine kleine Vorstellungsrunde: „Hello and Bonjour Bruno.“ Die anderen Kinder sind mit sich beschäftigt. Bruno gibt sich: cool. Wir schauen uns gemeinsam die Räume an, danach soll ich den Campus verlassen. Ein bisschen fühlt es sich an, als würde ich meinen Sohn gerade in einem sonnendurchfluteten Ikea-Spieleparadies abliefern – nur dass hier keiner Deutsch spricht. Ich muss an zu Hause und die heilige Eingewöhnungsphase denken. Mir sagt das Knack- und Backverfahren zu. Es erinnert mich daran, dass mir der Sprung vom Fünfer auch viel leichter fiel, wenn ich nicht allzu lange oben im Zugwind stand.

Am ersten Tag ist es Bruno noch egal, dass er kein Englisch spricht. Es gibt zu viel zu entdecken und auszuprobieren. Vor allem: neues Spielzeug. Und wenn die Erzieher die Kinder zum Mittagessen zusammentrommeln, versteht er das auch so. Noch weiß er nicht, wie es sich anfühlt, wenn man etwas sagen will und nicht kann. Und dass es nicht so einfach ist, ohne Worte neue Freunde zu finden. Ich schlüpfe aus der Tür, setze mich an meinen Schreibtisch und schiele immer wieder aufs Handy. Erst später fällt mir ein, dass die Kita meine Nummer nicht hat.

Im Laufe der Woche nimmt Brunos Kita-Enthusiasmus deutlich ab. Der beste neue Freund ist sein Scooter, mit dem er über den Campus fährt – offensichtlich braucht er etwas, an dem er sich festhalten kann. Die Erzieher nennen ihn „Bruno with the scooter“. Die Übergaben am Morgen verlaufen in der zweiten Woche viel mühsamer als in der ersten. Ich hocke neben ihm am Maltisch und soll für ihn nach einem neuen Blatt Papier fragen, weil er es nicht kann. Neben uns sitzt die vierjährige Clara aus Dänemark, die auch neu ist und deren Mutter mir erzählt, dass ihre Tochter neulich bis zum Abend nicht mit ihr gesprochen habe, weil sie wegen der Kita so sauer sei. Bruno zeigt mir seine Kiste für Bastelarbeiten, auf der ein aktuelles Foto von ihm klebt. Auf dem schaut er so tieftraurig, als habe man ihm gerade eine Portion Frozen Yoghurt mit Smarties wieder weggenommen.

Ich bin verunsichert, der Anfang lief so unkompliziert und jetzt mache ich mir doch Sorgen. Überfordern wir ihn? Direktorin Joëlle Dumas (s. Interview S. 110), die mit viel Herz, vielen Jahren an Erfahrung und im Bleistiftrock und Pumps ihren Kindergarten führt, erklärt mir: „Das kennen wir schon. Nach der Euphorie kommt immer die Frustration. Ganz wichtig ist jetzt, dass Sie positiv bleiben und ihm signalisieren, dass alles in Ordnung ist. Die Kinder orientieren sich in Stresssituationen an ihren Eltern, sie spiegeln oft deren Gefühle wieder.“

Für unseren Sohn ist es am wichtigsten, dass wir ihn pünktlich nach dem Mittagessen abholen. Er schlägt sich wacker, weil er weiß, dass wir am Nachmittag mit ihm an den Strand gehen. Dort fühlt er sich wohl und der wilde Mix aus Skatern, Straßenverkäufern und Verrückten färbt ab, er kommt leichter und oft auch ohne Worte mit Kindern und Erwachsenen in Kontakt. Bruno gesteht mir, dass er vormittags nicht auf die Toilette geht, weil er nicht weiß, wie er das sagen soll. Wir üben am Nachmittag: „Toilet, please“, „More paper, please“ und „Do you want to play?“

Am nächsten Morgen, auf dem Weg zur Kita grüßt ihn ein Mädchen und er freut sich wie ein Soapstar, der endlich mal auf der Straße erkannt wird. Später will er nicht, dass ich gehe, und erklärt mit zitterndem Stimmchen: „Wenn ich etwas zu tun habe, ist es okay, aber wenn nicht, dann kommen immer diese Gefühle …“ „Welche Gefühle“, frage ich? „Na, diese starken Gefühle.“

Am Nachmittag bringt er aufgefädelte Perlenketten mit, ein Dutzend Armbänder und Halsketten. Meine Reaktion: „Uii, wie hübsch. Hat das Spaß gemacht?“ Bruno: „Nö, dabei muss ich nicht sprechen.“ Und trotzdem fährt er jeden Morgen ohne zu weinen, ohne Theater mit seinem Scooter in die Kita. Wichtig ist die Regelmäßigkeit, das Nicht-Infragestellen. Die Routine. Bald findet eine „Potluck“-Party in der Kita statt, für die wir einen Bananenkuchen backen. Am Strandspielplatz trifft Bruno die ersten „Playdates“ außerhalb der Kita. Er hat sich mit Caroline eine Lieblingserzieherin auserkoren, die aus Vancouver kommt und gern deutsche Wörter wie „Armband“ und „Roller“ lernt. Nach Woche drei finden wir: Alles hat sich richtig gut eingespielt. Leider sind unsere zwei Monate in Venice viel zu schnell um, sechs wären ideal gewesen, um nach Jetlag, Eingewöhnung und Akklimatisierung noch mehr Ernte einzufahren. Beruflich haben sich die Working Holidays gelohnt, nicht im Sinne einer Kosten-Nutzen-Rechnung, dafür sind die Lebenshaltungskosten in L. A. zu teuer. Aber Inspiration, neue Kontakte und interessante Aufträge gab es reichlich.

Zu seiner Farewell Party hat Bruno Cupcakes mitgebracht, weil man das eben so macht in dieser Kita. Zurück in Berlin hat er nie wieder nach einem Cupcake gefragt. Das Buch mit seinen Bildern und Fotos, das er zum Abschied geschenkt bekommt, haben wir uns neulich mal wieder angeschaut. „Und, Bruno: Wie fandest du die Zeit dort?“ „Gut“, antwortet Bruno. „Kannst du noch etwas Englisch?“ Er legt los:

„Yes! Scooter! Beach! Flower! Four, five, six! Bye-bye!“

Es ging ja nie darum, dass er in der kurzen Zeit auch noch Englisch sprechen lernt.